Landwirtschaft und Naturschutz: Bauern, Grüne und Nabu reden Klartext

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Beim Thema Artensterben ist die Landwirtschaft im Fokus. Eine gezielte Förderung würde Bauern und Natur zugleich helfen. Das machte die Debatte zwischen Landwirten, Grünen und Nabu deutlich.

Haltern

, 22.05.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ging nicht darum, die Landwirtschaft an den Pranger zu stellen: Für ein Miteinander haben sich am Montagabend Vertreter von Bauern, Grünen und Naturschutzbund (Nabu) stark gemacht. Im Seehof waren mehr als 100 Interessierte auf Einladung der Halterner Grünen zur Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Europa braucht Landwirtschaft und Artenvielfalt“ zusammengekommen. Im Fokus stand dabei die Agrarpolitik der Europäischen Union.

Größtes Ärgernis: Die Direktzahlungen der EU für die Landwirte. Die sogenannte Flächenprämie bekommt jeder, der landwirtschaftliche Flächen besitzt, unabhängig davon, ob und wie er sie bewirtschaftet. Auch wenn es nur ein paar Hektar Wiesen für ein paar Pferde sind.

Sebastian Strumann, beim Nabu-Bundesverband zuständig für Agrarpolitik und Landwirtschaft, forderte ein neues System zur Verteilung dieser EU-Fördermittel. „Sie müssen da eingesetzt werden, wo es auch Sinn macht und tatsächlich auch Leistungen erbracht werden.“ Umweltschonende Landwirtschaft werde nicht angemessen gefördert, so Strumann.

Keine Anreize für den Naturschutz

Es gebe keine Anreize für eine umweltschonende Bewirtschaftung der Höfe. Strumann betonte: „Wir wollen den Landwirten nichts wegnehmen, sondern dafür sorgen, dass es für Landwirte möglich ist, mit Naturschutz Geld zu verdienen und so auch die bäuerlichen Betriebe zu erhalten.“

58 Mil­li­ar­den Euro wer­den jedes Jahr für Agrar­sub­ven­tio­nen aus­ge­ge­ben. Das seien 114 Euro pro Bür­ger, rechnete Strumann vor. Lediglich fünf Euro davon gingen aber in Maßnahmen für eine naturverträgliche Landwirtschaft.

Landwirtschaft trägt zum Artensterben bei

Zusammen mit Oliver Krischer machte Strumann auf das Artensterben aufmerksam. Feldlerche, Wiesenpieper, Kiebitz, Rebhuhn - die Liste der bedrohten Vogelarten sei lang. „Das Insektensterben bedroht die Existenz des Menschen“, machte Krischer deutlich. Die Landwirtschaft habe einen großen Anteil am Artensterben, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen weiter. Er betonte aber: „Wir haben kein Problem mit Landwirten, wir haben ein Problem mit der Landwirtschaftspolitik.“

40 Prozent des EU-Haushalts würden für die Landwirtschaft ausgegeben - „das muss besser umverteilt werden“, forderte der Bundestagsabgeordnete. Notwendig seien neue Rahmenbedingungen, die Betrieben ermöglichten, „gut umweltverträglich arbeiten zu können“.

Klasse statt Masse und Schutz der Gesundheit gefordert

Nicht Masse, sondern Klasse für eine nachhaltige Landwirtschaft müsse wieder gefördert werden. Die Billigproduktion, um an den Weltmärkten mithalten zu können, sei in Wirklichkeit gar nicht billiger. Krischer: „Die Kosten müssen später nur andere tragen.“

Landwirtschaft und Naturschutz: Bauern, Grüne und Nabu reden Klartext

Auch das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist in der Diskussion um landwirtschaftliche Arbeitsweisen stets ein Stein des Anstoßes. © dpa

Es müsse wieder gelten, die Gesundheit zu schützen. Gülle, Nitrat, Glyphosat, das seien Bereiche, in denen es vieles zu verbessern gebe. Und nicht zuletzt müssten Anreize für eine bessere Co2-Bilanz geschaffen werden, beispielsweise mittels der Abschaffung der Massentierhaltung. „Man muss immer mehr produzieren und immer größer werden, um bestehen zu können. Die kleineren Betriebe bleiben dabei auf der Strecke.“

Reform der Agrarpolitik steht bevor - „Wählen gehen“

In der Europäischen Union steht die sechste große Reform der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) bevor. Dabei geht es um den mehrjährigen Finanzrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 in der Landwirtschaft. „Es ist die letzte Chance, um die biologische Diversität zu erhalten“, sagte Nabu-Vertreter Strumann. Die Förderbedingungen ab 2020 müssten sich ändern. Bislang habe die EU sich auf Kürzungen geeinigt. Strumann appellierte an alle Anwesenden, zur Wahl zu gehen, für andere Machtverhältnisse und für bessere Bedingungen in der Landwirtschaft zu sorgen. 2027 könne es zu spät sein für den Erhalt der Vielfalt.

„Landwirtschaft ist kein Bullerbü“

Die Landwirte sind sich ihrer Rolle in puncto Nachhaltigkeit durchaus bewusst. „Die Landwirtschaft kann zur Problemlösung beitragen“, meinte Friedrich Steinmann. Es bleibe letztlich aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, denn die Kosten für ein naturverträgliche Arbeitsweise müssten von der Gesellschaft getragen werden, forderte der Vorsitzende des landwirtschaftlichen Kreisverbands Recklinghausen.

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Mit teuren Produkten aufgrund naturverträglicherer Bewirtschaftung hätten heimische Landwirte keine Chance im weltweiten Markt mit seinen Dumpingpreisen. „Es ist eine ehrliche Debatte nötig“, meinte Steinmann. Landwirtschaft sei schließlich kein „Bullerbü“. Das Geschäftsmodell müsse auch tragen. „Nur ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen könne auch umweltkonform arbeiten.

„Wir wollen Geld für unsere Leistungen verdienen“

Auch der Bauernverbandsvorsitzende sprach sich gegen die Direktzahlungen aus. „Wir wollen Geld für unsere Leistungen und nicht in Form von Subventionen verdienen“, erklärte Friedrich Steinmann, der selbst auch einen Hof führt. Bauern wollten eine Landwirtschaft machen, die von der Gesellschaft akzeptiert werde.

Um Ausgleichszahlungen allerdings käme niemand herum. Denn dann hätten auch kleine und mittlere Betriebe eine Chance. Weil regionale Produkte inzwischen besser beim Verbraucher ankämen als Bio-Produkte.

Die Suche nach gemeinsamen Lösungen soll weitergehen, darüber waren sich alle Anwesenden einig. Klar wurde aber auch: Für Streitereien bleibt nicht mehr viel Zeit.

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