Lippramsdorf ist der zweitgrößte Ortsteil Halterns. Wer einmal hier wohnt, will gar nicht wieder weg. Aber für die Jugend ist wenig los und der Bergbau hat Hauseigentümern Kummer bereitet.

Lippramsdorf

, 26.03.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Christoph und Annekatrin Hemsing sind beide in Lippramsdorf geboren. Sie haben nie an einem anderen Ort gelebt und können sich das auch für die Zukunft nicht vorstellen. „Für mich gab es gar nicht die Option, woanders zu wohnen“, sagt Christoph Hemsing (38), der auf einem Bauernhof im Lippramsdorfer Ortsteil Freiheit mit zwei Brüdern aufgewachsen ist. Ehefrau Annekatrin (35) kommt aus der Dorfmitte, auch sie ist eine überzeugte Lippramsdorferin. Beide schätzen das vertraute Umfeld mit Nähe zu Familie und Freunden.

Lippramsdorf hat 3.595 Einwohner, 210 beteiligten sich an unserem Ortsteil-Check. Der Gemeinsinn ist sehr ausgeprägt. Wenn ein Verein ein Fest ausrichtet, sind alle anderen als Helfer zur Stelle. Das funktionierte so bei den Carving-Events, bei den großen Ausstellungen der Interessengemeinschaft Handel, Handwerk und Gewerbe auf Burg Ostendorf, beim 1100-jährigen Ortsjubiläum oder genauso bei den Schützenfesten. Jeder kennt fast jeden, das verbindet.

Eben diese starke Gemeinschaft ist es, die Christoph und Annekatrin Hemsing mit ihren Töchtern Lia (7) und Mara (5) so sehr schätzen. Sie selber sind gut vernetzt. Christoph Hemsing ist Offizier im Schützenverein Lippramsdorf und Vorstandsmitglied in der Schützengemeinschaft Freiheit, er kegelt alle vier Wochen mit Freunden und spielt in einer Doppelkopf-Runde. Annekatrin Hemsing, medizinische Fachangestellte von Beruf, schloss neben altbewährten wieder neue Freundschaften in der Mini- und Maxi-Gruppe und im DRK-Bewegungskindergarten, sie verabredet sich zu Stammtischrunden mit ihren Freundinnen und engagiert sich für die Schützengemeinschaft. Beide waren schon in unterschiedlichen Jahren König und Königin.

Lippramsdorf: viel Idylle und Gemeinsinn, aber Minuspunkte für Jugendangebote

Lippramsdorf hat ein ausgeprägtes Vereinsleben und pflegt den Gemeinsinn. Annekatrin und Christoph Hemsing lieben das und beteiligen sich vielfältig. So war Annekatrin Hemsing von 2016 bis 2018 an der Seite von Michael Husmann Schützenkönigin in der Freiheit. © Kevin Kindel

„Wir fühlen uns in unserer Heimat sehr wohl“, sagen beide übereinstimmend und den Töchtern geht es schon genauso. Ein Urlaub, sagt Christoph Hemsing, dürfe nicht länger als zehn Tage dauern, dann ziehe es ihn wieder zurück. Aber der 38-Jährige hat zu Hause auch genügend Verpflichtungen. Neben seinem Beruf als Rohrnetzbauer bei der Gelsenwasser AG bewirtschaftet er im Nebenerwerb den Restbauernhof seiner Eltern: Er managt eine Pferdepension und hat Hühner.

In unserem Ortsteil-Check bekommt die Lebensqualität in Lippramsdorf neun von zehn Punkte. Hemsings vergeben die volle Punktzahl. „Nirgendwo hätten unsere Töchter einen schöneren Spielplatz und nirgendwo könnte ich meine Begeisterung für die Landwirtschaft so ausleben wir hier“, sagt Christoph Hemsing. Und er weiß wie seine Frau Annekatrin: „Hier gehen wir nicht weg!“ Sie haben ein Haus gebaut in einer Reihe mit den beiden Brüdern und den Eltern - alle sind aus Überzeugung bodenständig. „Wir leben hier dazu in einer tollen Nachbarschaft, in der sich einer um den anderen kümmert und in der Lia und Mara viele Spielkameraden haben“, zählen Annekatrin und Christoph Hemsing ein weiteres Privileg auf. Heimat Lippramsdorf - das ist für alle ein gutes Gefühl.

Neben der komfortablen Lebensqualität punktet Lippramsdorf in weiteren Kategorien.

Lippramsdorf: viel Idylle und Gemeinsinn, aber Minuspunkte für Jugendangebote

Daten und Fakten zum Ortsteil Lippramsdorf. © Verena Hasken

Das wurde gut bewertet:

Grünflächen: Volle Punktzahl vergeben die Lippramsdorfer in dieser Kategorie. Es ist nicht nur der gepflegte Dorfkern, auf den der Verein „Ein Dorf blüht“ ein Auge wirft, es sind auch Feld, Wald und Flur, die zu Spaziergängen und Radtouren einladen. Allein die Umzingelung des Ortes mit „riesigen Windmühlen“ sei bedrückend und verschandele die schönen Landschaftsteile des Ortes, heißt es in einer Anmerkung der Umfrage.

Gastronomie: Kein anderer Ortsteil hat so viele Gaststätten und Cafés wie Lippramsdorf. Zehn vergebene Punkte sind absolut angemessen. Der Ort hat sechs Restaurants und fünf Cafés, die erfolgreich geführt werden.

Sport: Ein reges Vereinsleben zeichnet Lippramsdorf aus. Daran ist der Sportverein nicht unbeteiligt. Es gibt acht von zehn Punkten. Dazu sagt Vorsitzender Josef Teltrop: „Unser Angebot kann nur auf Schwerpunkt-Sportarten begrenzt werden, da unsere Hallenkapazitäten zu den relevanten Zeiten ausgebucht sind und wir noch mehr Ehrenamtliche suchen müssten. Aber wir bieten vom Kleinkindalter bis zu den Senioren alles an. Mehr ist derzeit nicht planbar.“

Das wurde schlecht bewertet:

Jugend: Die geringste Punktzahl (5) vergeben Lippramsdorfer bezüglich der Angebote für Jugendliche. Die Jugendarbeit in der evangelischen Kirchengemeinde findet nicht mehr statt, in der katholischen Kirchengemeinde haben sich wieder Gruppenleiter gefunden, die montags Treffen anbieten. Gruppenleiter Christian Brink ist dennoch skeptisch. Ein Großteil der Jugendlichen habe heute keine Zeit, da erezeitlich sehr eingebunden sei durch Schule oder Sport. „Außerdem haben nicht alle Jugendlichen Interesse, sich ehrenamtlich zu engagieren. Es ist ehrlich gesagt schwierig, Leute für die Jugendarbeit zu begeistern, und wenn, dann wollen sie sich lieber in Haltern in einer größeren Gemeinde engagieren.“ Es komme hinzu, dass etliche junge Leute auswärts studieren und somit auch nur in der Zeit bis zum Abitur erreichbar seien.

Alternativ zum Angebot im Pfarrheim gibt es in Lippramsdorf den Sportverein und die Landjugend.

Schenkung an das Kloster WerdenSeit 1975 ist Lippramsdorf Teil der Stadt Haltern
Lippramsdorf: viel Idylle und Gemeinsinn, aber Minuspunkte für Jugendangebote

Lippramsdorf-Mitte: Ein Blick in die Vergangenheit. © Archiv Backmann

Der Ort Lippramsdorf wird 889 erstmals urkundlich erwähnt: Bischof Wulfhelm von Münster verschenkte drei Hofstätten in der Bauernschaft Hramesthorpe an das Kloster Werden. Lippramsdorf gehörte einst zum Amt Ahaus, 1810 wurde das Dorf mit Haltern vereinigt. Bis zur kommunalen Neuordnung war Lippramsdorf selbstständig mit eigenen Bürgermeistern. Seit 1975 gehört der Ort an der Lippe politisch zur Stadt Haltern.

Verkehrsanbindung: Einen Punkt mehr (6) erreicht die Kategorie Verkehrsanbindung. Die Anbindung lässt zu wünschen übrig. Busse fahren lediglich im Stundentakt, abends fährt um 20.30 Uhr der letzte Bus aus der Stadt zurück ins Dorf. In der Mersch sind die Bewohner am schlechtesten gestellt. Dort steuert nur ein Schulbus die Haltestelle an. Ohne Auto, schreibt jemand in der Umfrage so treffend, kommt man in Lippramsdorf nicht weit.

Auf der anderen Seite aber hat Lippramsdorf eine gute Infrastruktur und entwickelt sich deshalb neben Haltern-Mitte und Sythen zum Siedlungsschwerpunkt. Hier gibt es zwei Kindergärten, eine Grundschule, eine evangelische und eine katholische Kirchengemeinde, Altenheim, Tankstelle, Lebensmittelmarkt, Allgemeinmediziner, Zahnarzt, Apotheke, Friseur, Bank und Bäcker sowie in den Randbereichen einen Raumausstatter, Handwerksbetriebe und ein großes Bauunternehmen als wichtigen Arbeitgeber. Nach einer Zersiedelung in 60-er Jahren konzentriert sich die Bautätigkeit jetzt wieder auf das Ortszentrum: Drei kleine Baugebiete werden gerade entwickelt. Ein wenig Sorge haben Lippramsdorfer um den Dorfcharakter. Er dürfe nicht verloren gehen.

Jahrelang herrschte wegen des aktiven Bergbaus und der Folgeschäden fast Stillstand im Baugewerbe, jetzt wird Lippramsdorf wieder attraktiv und teuer. „Lippramsdorf hat stark unter den Bergsenkungen zu leiden“, schreibt ein Bürger. Tatsächlich ist der Ort in gewissen Gebieten nach über 30-jährigem Kohleabbau noch nicht zur Ruhe gekommen. Bergbau-geschädigte Immobilienbesitzer beklagen, sie stünden mit ihren Problemen inzwischen ziemlich allein da.

Als Defizit merkten einige Leser außerdem den schlechten Netzempfang an. Davon berichten auch Christoph und Annekatrin Hemsing. Es gibt vier Netzbetreiber in Lippramsdorf: Telekom, Vodafone, o2 und E-Plus. Sendemasten befinden sich nach Auskunft der Stadt Haltern an der Gaststätte Alte Mühle, am Feuerwehrhaus, an der Lembecker Straße (Hof Kloth) und im Bereich A 43-Auffahrt Haltern. Gemeldet ist nach wie vor der Standort Auguste Victoria 8, wobei die Stadt den Hinweis hat, dass als Ersatz dafür nach Zechenstilllegung eine Anlage Am Schmöningsberg geplant ist. „Das Funknetz ist absolut nicht ausreichend für Handys“, heißt es in der Umfrage.

Dass in dem Ortsteil-Check die Sicherheit nicht die absolute Punktzahl erreicht hat, liegt an den Verhältnissen in Lippramsdorf-Mitte. Im Bereich des Ärztehauses und der Apotheke fehlen Parkplätze, hier werden Geh- und Radweg regelmäßig zugeparkt. Außerdem werde, so ein Leser, im Bereich von Schule und Kindergarten viel zu schnell gefahren.

Lippramsdorf: viel Idylle und Gemeinsinn, aber Minuspunkte für Jugendangebote

Im Ortskern, gerade im Bereich des Ärztehauses und der Apotheke, fehlen Parkplätze. Als Folge wird der Geh- und Radweg halb zugeparkt.

Ansonsten: Alles in bester Ordnung, schreibt ein Lippramsdorfer. „Im April 2018 sind wir von Kamen nach Lippramsdorf gezogen und haben das noch keine Sekunde bereut. Hier ist es wunderschön.“

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