Horst Bilkenroth und Doreen Weidner sind überzeugt von Insekten als alternatives und proteinhaltiges Lebensmittel. © Ingrid Wielens
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„Man muss den Ekel überwinden“: Halterner Händler bietet Insekten-Snacks an

Horst Bilkenroth und Doreen Weidner wollen ihre Kunden von trendigen und proteinhaltigen Nahrungsmitteln überzeugen. Die einen finden es lecker, die anderen reagieren mit Ekel.

Tabak, Geschenk- und Dekoartikel kann man in der Koeppstaße bei Bilkenroth kaufen. Auch lassen sich dort Lotto- und Postangelegenheiten erledigen. Neuerdings haben Horst Bilkenroth und Doreen Weidner allerdings auch Artikel im Angebot, die manch einen erschaudern lassen. Sie nennen es das „Fleisch der Zukunft“. Heuschrecken, Grillen, Mehlwürmer und Buffalowürmer – naturbelassen, gefriergetrocknet oder auch in Form von Mehl, als Snack oder im Schnaps werden sie als proteinhaltige Alternative zu Fleisch und Fisch angepriesen. Restaurants und Supermärkte in größeren Städten haben den neuen Trend längst entdeckt. Wenn da nicht der Ekelfaktor wäre.

Dschungelade mit gerösteten Mehlwürmern

„Das meiste spielt sich im Kopf ab“, sagt Horst Bilkenroth. „Man muss den Ekel überwinden.“ Die fünf Snack-Artikel in verschiedenen Geschmacksrichtungen hat er schon getestet. Sie könnten die Tüte Chips auf dem heimischen Sofa am Abend vor dem Fernseher verdrängen, meint er. „Die Insekten schmecken leicht nussig, je nach Würzung“, sagt er. Unter anderem sind sie mit einer Prise Chili oder orientalischen Gewürzen verfeinert worden. Und sie sind kalorienarm. Süße Naschkatzen werden mit der „Dschungelade“ gelockt – Vollmilchschokolade mit gerösteten Mehlwürmern.

In der Pfanne sollen die Insekten aber erst ihr volles Aroma entfalten. Weil der Verbraucher in aller Regel kein Rezept mit Würmern und sechsbeinigen Zutaten aus dem Ärmel schütteln kann, bietet Bilkenroth auch ein Kochbuch an. Heuschrecken-Grillen-Spieße, Tomaten-Risotto in gerösteten Heuschrecken, Buffalowürmer auf Wildkräuterbett, frittierte Heuschrecke mit Limetten-Dip, Reibekuchen mit Buffalos, Grillen im Teigmantel – hat man den inneren Schweinehund erst überwunden, darf einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Insekten sind auch in herkömmlichen Produkten zu finden

„Heutzutage sind uns Insekten als Nahrungsmittel fremd“, erklärt Doreen Weidner. Dabei nehme fast jeder Mensch regelmäßig Insekten zu sich, ohne es zu wissen. So verberge sich hinter dem Farbstoff E 120 nichts anderes als Schildläuse. „Beim Waldhonig handelt es sich um ausgeschiedene Körpersäfte von Schild- und Rinderläusen.“ Und auch mit herkömmlichen Lebensmitteln und Fertigprodukten wie Nudeln, Fruchtsäften oder Schokolade nehme man Insektenbestandteile auf, sagt Weidner.

Warum mit einem Tequila anstoßen, wenn es auch
Warum mit einem Tequila anstoßen, wenn es auch „Wurmwasser“ gibt? © Ingrid Wielens © Ingrid Wielens

Tatsächlich gelten Insekten in vielen Ländern als Delikatesse. Mehr als zwei Milliarden Menschen ernähren sich davon. In Deutschland aber stößt diese Art der Ernährung oft auf Vorurteile. Horst Bilkenroth erinnert sich aber an eine Tradition, die seine Großeltern noch pflegten.

„Sie haben Maikäfer für eine Suppe gesammelt. Nicht aus einer Not heraus, sondern weil sie gut schmeckte.“ Geschmacklich sei sie ähnlich wie eine Krebssuppe.

Gemahlene Würmer, Energieriegel aus Buffalowürmern, Schokotaler mit Insekten - das Angebot an Nahrungsmitteln, die Genuss auf sechs Beinen versprechen, ist groß.
Gemahlene Würmer, Energieriegel aus Buffalowürmern, Schokotaler mit Insekten – das Angebot an Nahrungsmitteln, die Genuss auf sechs Beinen versprechen, ist groß. © Ingrid Wielens © Ingrid Wielens

Die „Snack-Insekten“ stammten von ausgesuchten europäischen Züchtern und werden nach europäischen Standards gezüchtet. „Mit importierter Ware aus Fernost hat das nichts zu tun“, betont der Halterner Einzelhändler.

Nachhaltige Ernährung zum Schutz von Tieren und Umwelt

Seine Lebensgefährtin interessiert sich schon lange für nachhaltiges Essen. Die weltweite Hungersnot, Massentierhaltung verbunden mit einem hohen Maß an Leid für die Tiere und einem extremen CO2-Ausstoß, der wiederum den Klimawandel beschleunigt – diese Themen hätten sie wachgerüttelt, sagt Doreen Weidner. „Ich möchte die Menschen zum Nachdenken anregen, welchen Beitrag sie zur Reduzierung von Tierquälerei und CO2-Ausstoß leisten können“. Das sei auch ihr persönlicher Ansporn gewesen.

Insektenlutscher mit Grillen oder Würmern - ein proteinhaltige und süße Alternative.
Insektenlutscher mit Grillen oder Würmern – ein proteinhaltige und süße Alternative. © Ingrid Wielens © Ingrid Wielens

„Niemand soll auf Fleisch verzichten“, betont Doreen Weidner. Auch Horst Bilkenroth verrät: „Ich esse gerne mal ein Steak.“ Grundsätzlich aber sei es an der Zeit, Fleisch bewusster zu verzehren. Jeden Tag müsse Fleisch eben nicht sein. Als ergänzender Proteinlieferant böten sich dann Insekten an. „Außerdem sind sie reich an Mineralien und Ballaststoffen.“

Der Insektengenuss wird zurzeit in kleinen Proberöhrchen und -tüten angeboten. „Größere Mengen können wir aber jederzeit bestellen“, sagt Horst Bilkenroth.

Und wie sind die ersten Reaktionen der Kunden? „Nicht jeder traut sich, die Insekten zu probieren“, räumt Horst Bilkenroth ein. „Aber wer es schafft, ist überrascht von dem guten Geschmack.“

Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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Ingrid Wielens

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