Koma nach Grippe-Infektion - Marc Friedrich (39) aus Haltern: „Ich wäre fast gestorben“

rnSchwerer Grippefall

Jahrelang hat der Halterner Marc Friedrich die Grippe für eine leichte Erkrankung gehalten. Bis zu dem Tag, an dem ihn die Grippe fast sein Leben gekostet hätte. Einen Monat lag er im Koma.

Haltern

, 17.12.2018, 17:04 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Ich habe immer gesagt, ich habe so viel mit kranken Menschen zu tun, mein Körper immunisiert sich schon selber. Das war mein Glaube und meine Begründung dafür, dass ich mich vorher nicht gegen die Grippe habe impfen lassen.“ Marc Friedrich, heute Dienststellenleiter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) im Ennepe-Ruhr-Kreis, schüttelt leicht den Kopf, als er sich sein früheres Ich ins Gedächtnis ruft. Das Ich, das nicht sehr überzeugt war von dem Schutz, den eine Grippeimpfung bietet. Heute, sagt er, heute wisse er es besser. „Ich wäre an der Grippe fast gestorben.“

In Deutschland ist die Grippe - die Influenza - die Krankheit mit den meisten Todesfällen. Die Grippewelle von Ende 2017 bis Anfang 2018 war eine der intensivsten der vergangenen Jahre. Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums sind fast 2000 Menschen an den Folgen der Grippe gestorben. Rund neun Millionen Mal sind die Deutschen in der vergangenen Saison grippebedingt zum Arzt gegangen - in schwachen Jahren gebe es zwei bis drei Millionen Fälle bundesweit, sagt die Presseprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI), Susanne Glasmacher.

Das Fieber steigt, auf 39, auf 40 Grad

Es ist der 3. Februar 2013. Der Halterner Marc Friedrich arbeitet als Notfallsanitäter beim Deutschen Roten Kreuz. Eine 24-Stunden-Schicht - von Sonntagmorgen um 8 Uhr bis in den frühen Montagmorgen. Über den Lauf des Tages merkt Friedrich, wie er leicht krank wird. „Ich bekam Husten, war etwas heiser.“ Bei einem Personentransport in ein Krankenhaus bittet er einen Arzt, ihn zu untersuchen. „Zu dem Zeitpunkt sind wir noch von einem bakteriellen, grippalen Infekt ausgegangen“, erinnert sich Friedrich. Er bekommt Antibiotika. Gewirkt, sagt er, hätten die allerdings nicht. „Zum Abend hin bekam ich 39 Grad Fieber“, sagt Friedrich. Und es steigt weiter.

Der Grippe Vorbeugen

Tipps und Maßnahmen gegen die Infektion

  • Vor allem Schwangere und Personen über 60 sollten sich impfen lassen, aber auch Herzkranken, Diabetikern, Asthmatikern und medizinischem Personal wird zu einer Grippeimpfung geraten. „Zur Vorbeugung ist die Impfung die beste Möglichkeit“, erläutert Susanne Glasmacher vom RKI.
  • Weil der Impfstoff aktuell vielerorts nicht mehr verfügbar ist, rät die Halterner Ärztesprecherin Dr. Astrid Keller zur Impfung gegen die Lungenentzündung. Die könne eine Grippe zwar nicht verhindern, aber der Lungenentzündung als Nebeneffekt der Grippe vorbeugen.
  • Neben Bewegung ist auch eine gesunde Ernährung wichtig. Laut Astrid Keller sei etwa der Verzehr von Nahrungsmitteln mit Vitamin C sinnvoll – wie es etwa in Kiwis, Orangen, Sanddorn oder roter Paprika enthalten ist. „Man sollte möglichst täglich zu Obst greifen.“
  • Anke Richter-Scheer, Vorsitzende des Hausärzteverband Westfalen-Lippe: „Zudem sollte man sich von Erkrankten möglichst fernhalten, sich nicht anhusten lassen, auf das Händeschütteln verzichten und sich selbst regelmäßig gründlich die Hände waschen.“
  • Susanne Glasmacher vom RKI rät: „Unabhängig von der Impfung sollte man auf gute Händehygiene achten. Viren verteilen sich am häufigsten durch Hände. Mein Rat: In den Ellbogen husten oder niesen und Kontakt vermeiden zu kranken Personen.“
  • Astrid Keller rät außerdem, ein Desinfektionsmittel in der Tasche zu haben.

40 Grad. Schmerzen, die in der Brust auftauchen, werden immer stärker. Der heute 39-Jährige sucht eine Hausärztin auf. „Die Ärztin hat mich abgehört, sagte, es wäre eine dicke Bronchitis. Und ich soll mich nicht so anstellen.“ Am Abend ist Friedrich im Krankenhaus, um die Brustschmerzen und den Zustand des Herzens abklären zu lassen. Der Befund: „Man sagte mir, es sei alles in Ordnung. Da war ich etwas beruhigter.“ Am nächsten Tag spuckt Marc Friedrich Blut.

„Wenn ich gehustet habe, war da im Taschentuch ein Ein-Euro-Stück großer roter Fleck“, sagt der Halterner. „Die Schmerzen in der Brust wurden immer schlimmer. Ich würde mir vorstellen, dass sich so ein Messer in der Brust anfühlt.“ Am Abend bringt sein damals bester Freund den Halterner ins Krankenhaus. „Ich habe gesagt, ich muss für ein paar Tage da rein.“ Aber aus ein paar Tagen sollten Monate werden.

Die Diagnose trifft ein - Marc Friedrich hat eine doppelte Grippeinfektion

Im Krankenhaus diagnostizieren die Ärzte eine Lungenentzündung. Marc Friedrichs Zustand verschlimmert sich. Seine Lippen werden blau, die Lungenbläschen nehmen den Sauerstoff nicht mehr richtig auf. Am 9. Februar kommt Friedrich auf die Intensivstation, zwei Tage später kommt der Halterner in das Lungenzentrum der Uni-Klinik Essen. Und wird ins künstliche Koma gelegt und künstlich beatmet. Für über einen Monat. In der Zwischenzeit treffen die Blutwerte aus dem ersten Krankenhaus ein. Die Diagnose: Marc Friedrich hat die Influenza des Typs A und H1N1 - die Schweinegrippe, ein Subtyp der Influenza A. Gegen die helfen keine Antibiotika. Gegen die Viruserkrankungen muss der Körper allein klarkommen. Friedich bekommt im Koma intravenös zehn verschiedene Mittel gespritzt, die seinen Körper bei dem Kampf gegen den Virus unterstützen sollen.

Koma nach Grippe-Infektion - Marc Friedrich (39) aus Haltern: „Ich wäre fast gestorben“

Dieses Foto von Marc Friedrich ist Ende Februar 2013 entstanden. Zu diesem Zeitpunkt lag der heute 39-Jährige in der Uni-Klinik Essen im künstlichen Koma. © Privat

In der Woche vom 26. November bis 2. Dezember hat die Anzahl der Atemwegserkrankungen in fast allen Bundesländern zugenommen, heißt es auf der Seite der Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert-Koch-Instituts. Grippeviren seien aber bisher nur vereinzelt aufgetreten - seit Anfang Oktober wurden bundesweit 772 Grippefälle durch Labordiagnosen bestätigt. Eine Meldung der Grippe ist Pflicht. Die Halterner Ärztesprecherin Dr. Astrid Keller rechnet damit, dass die Hauptgrippewelle Haltern im Januar erreicht.

„Viele können sich unter der Grippe nichts vorstellen und denken, es ist eine kurze Erkrankung“, sagt Marc Friedrich heute. Tatsächlich aber können infolge einer Grippe-Erkrankung etwa auch Lungen-, Gehirn-, Skelettmuskulatur- und Herzmuskelentzündungen auftreten, so das RKI. Vor allem Schwangere und Personen über 60 sollten sich impfen lassen, aber auch Herzkranken, Diabetikern, Asthmatikern und medizinischem Personal wird zu einer Grippeimpfung geraten, sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. Allerdings hat sich nach Zahlen des RKI in der Saison 2016/2017 nur etwas mehr als jeder dritte Senior über 60 Jahren impfen lassen.

In der Grippesaison Ende 2017/ Anfang 2018, waren 966 Personen im Kreis Recklinghausen an der Grippe erkrankt. Im Vorjahreszeitraum waren es laut Kreis mit 278 Fällen drei Mal weniger. Städtische Zahlen werden nicht erhoben. Ist die Impfbereitschaft nach der großen Grippewelle des letzten Jahres gestiegen? „Das ist tatsächlich mehr eine Glaubens- als eine Wissensfrage“, sagt Susanne Glasmacher vom RKI. Da es in diesem Jahr weniger Impfstoff als in den Vorjahren gebe, sei das an den Lieferchargen schwer abzulesen. In Haltern scheint der Eindruck etwas gefestigter: „In dieser Saison haben deutlich mehr Leute nach der Grippeimpfung gefragt. Viele mussten wir wegschicken, wir hatten relativ zügig keine Grippeimpfungen mehr“, sagt Bernd Redemann, Inhaber der Falken-Apotheke an der Weseler Straße. Ähnlich ist der Eindruck von Astrid Keller: „Es haben sich in unserer Praxis mehr Leute impfen lassen. Darunter waren viele Erstimpfer – ich denke, wegen der heftigen Grippewelle im letzten Jahr.“ Auch der Halterner Marc Friedrich hat sich schon impfen lassen.

Koma nach Grippe-Infektion - Marc Friedrich (39) aus Haltern: „Ich wäre fast gestorben“

Dieses Foto ist Anfang April 2013 entstanden, etwa drei Wochen, nachdem Marc Friedrich aus dem Koma geholt wurde. © Privat

Seine Lunge muss wieder lernen zu atmen, seine Beine zu laufen

Mitte März 2013 wird Marc Friedrich aus dem Koma geholt. Er muss zwei Wochen lang von der Beatmungsmaschine abgewöhnt werden. Seine Lunge muss wieder lernen, selbst zu atmen. Die Muskeln, die sich im Koma abgebaut haben, muss Friedrich in zwei Reha-Phasen in insgesamt über zwei Monaten wieder aufbauen. Von Juli bis November ist er krankgeschrieben. Im November tritt er seine erste 24-Stunden-Schicht an. Ein Dreivierteljahr nach dem Ausbruch seiner Grippe.

„Sie dürfen sich glücklich schätzen, dass sie noch ein junger Mann sind. Wenn Sie Raucher wären, dann wäre das anders ausgegangen“, hatte der Chefarzt der Anästhesie des Lungenzentrums zu Friedrich eines Tages gesagt, nachdem er aus dem Koma aufgewacht war. Bis heute sei er nie wieder ernsthaft krank geworden, sagt Friedrich. „Die Grippe hat mich komplett aus dem Leben gerissen“, sagt der 39-Jährige. Und das neun Monate lang. Die Grippeimpfung - die hole er sich jetzt jedes Jahr. „Es sterben jedes Jahr viele hundert Menschen an der Grippe. Man kann das mit relativ harmlosen Mitteln verhindern. Wenn sich andere Leute durch meine Geschichte impfen lassen, dann habe ich mein Ziel schon erreicht.“

  • Bundesweit wurde die Grippe während der Saison 2017/2018 bei 337.706 Personen (2016/2017: 117.798) durch Labordiagnosen bestätigt, 37.849 Fälle waren es in NRW (2016/2017: 9.950 Fälle), sagt Susanne Glasmacher vom RKI. Doch in der Grippehochzeit werde weniger getestet, „da sind die Grippesymptome so zuverlässig“. Außerdem würden zu viele Grippeproben die Labore überlasten, so Glasmacher.
  • „Die Wirksamkeit des Impfstoffes ist nicht so gut, wie wir es uns wünschen würden“, sagt Susanne Glasmacher. „Aber eine Impfquote von 50 Prozent vermeidet da schon eine ganze Menge. Es gibt Studien, dass Menschen, die geimpft sind und an der Grippe erkranken, einen milderen Krankheitsverlauf haben.“ Man müssen realistische Erwartungen an die Impfung haben.
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