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An einem warmen Sommertag 1993 herrscht Hochbetrieb am Halterner Stausee, als Uta Schaap dort auf einem Waldweg auf ihren Mörder trifft. Der Zufallsmord verstört bis heute.

Haltern

, 18.05.2019 / Lesedauer: 8 min

Juni 1993: Nach einem Besuch im Halterner Strandbad radelt Uta Schaap (24) gegen 18 Uhr allein zurück nach Sythen. Die Straßen und Wege am Stausee sind an diesem hellen Sommertag voller Menschen. Uta muss sich um ihre Sicherheit keine Sorgen machen. Und doch gibt es da diesen einen Augenblick, in dem niemand in der Nähe ist, um sie davor zu bewahren, von einem Fremden vom Rad gezogen, vergewaltigt und getötet zu werden.

Das macht bis heute den besonderen Schrecken der Tat aus, die für manchen Halterner ebenso unvergessen wie nachhaltig verstörend ist. Das Schicksal hatte die junge Studentin zur falschen Zeit an den falschen Ort geführt.

„Wenn ich am See vorbeifahre (am Lakeside Inn und dann rechts Richtung Haltern) - und das ist oft der Fall - denke ich an Uta“, sagt eine 50-jährige Halternerin. Mit ihrer Schwester war sie seit dem Kindergarten mit Uta befreundet und ging bei deren Sythener Familie ein und aus.

Am Stausee wird voller Bangen nach Uta gesucht

Sie gehört vor nahezu 26 Jahren zu den Freunden, die nach dem Verschwinden von Uta voller Bangen die Wälder am Stausee nach der Vermissten durchsuchen und in einem Waldstück südlich der Hullerner Straße hinter dem Seehof in Richtung Hullern den Rucksack der Studentin aufspüren. Ganz Haltern hält damals den Atem an.

Mord am Stausee: Der Tod von Uta Schaap wirkt bis heute nach

Hier wurde 1993 nach der Vermissten Uta Schaap gesucht: Im Waldstück südlich der Hullerner Straße (auf dem Foto rechts) wurde ihr Rucksack gefunden, ihren Leichnam entdeckten Spürhunde kurz darauf auf der anderen Seite der Straße. © Silvia Wiethoff

Zwei Tage nach Utas letztem Lebenszeichen findet eine Hochzeit in Sythen statt, bei der eine ganze Reihe von Stühlen leer bleibt. Auch zu dieser Festgesellschaft gehören enge Freunde der jungen Frau, die sich außerstande sehen, zu feiern und sich stattdessen an der Suche beteiligen.

Er selbst habe damals noch nicht gewusst, was befürchtet wurde, da er sich ganz auf seine Hochzeit konzentriert habe, blickt der damalige Bräutigam heute zurück. Seine Gäste halten ihn von allen schlechten Nachrichten fern. Es gibt noch keine Smartphones und sozialen Medien, sodass es gelingt, dem Brautpaar eine unbeschwerte Hochzeit zu ermöglichen. „Es war richtig, uns zu schützen“, erklärt der gebürtige Halterner, der mit seiner Frau in Goslar lebt.

Bis heute aber verbinde er seinen Hochzeitstag mit dem Tod von Uta. „Wir waren als Clique sogar mal zusammen im Motorradurlaub in Schweden“, berichtet der 55-Jährige aus seiner Jugend. Uta sei ein feines und lebensfrohes Mädchen mit einem herzerfrischenden Lachen gewesen.

Nach tagelanger Suche wird Uta gefunden

Es dauert fünf Tage, bis grausame Gewissheit herrscht. Uta Schaap ist Opfer eines Sexualverbrechens geworden, getötet durch „erhebliche Stichverletzungen“, wie es 1993 kühl und sachlich im Polizeibericht steht. Ihren geschundenen Körper verscharrt der Täter im Wald nördlich der Hullerner Straße (zwischen Jupps Erlebnisgarten und ehemaligem Motorradtreff).

„Wir haben uns damals keine Gedanken darüber gemacht, wie es sein würde, wenn wir Uta finden“, erinnert sich ihre Freundin. Zum Glück, so kann man in der Rückschau sagen, bleibt es den Profis überlassen, den Leichnam der Vermissten aufzuspüren. Die Polizei setzt Spürhunde ein und entdeckt Uta in einer Bodenvertiefung.

Das letzte Mal wird die schmale, junge Frau am 9. Juni (Mittwoch) 1993 lebend gesehen. „Uta war einfach hilflos“, sagt ihre Freundin. Als hätte man das Tor einer Schleuse geöffnet, füllen sich dabei ihre Augen mehr und mehr mit Tränen. Noch immer blickt sie fassungslos auf das Geschehen zurück. Uta und ihre Familie seien einfach liebenswürdig gewesen. Der Tod der Tochter habe auch ihre Eltern zerstört und das Leben vieler anderer Menschen dauerhaft beeinflusst.

Am 14. Juni (Montag) wird die Leiche der Studentin gefunden. Bis zu diesem Tag hoffen Familie und Freunde noch auf ein glückliches Ende. Die Polizei zieht alle Möglichkeiten in Erwägung und ermittelt in die Richtung, dass Uta einfach aus ihrem alten Leben ausgerissen sein könnte.

Wer sie gut kennt, so wie ihre beiden Freundinnen aus Kindertagen, weiß allerdings, dass dies unmöglich zutreffen kann. Darüber hinaus wird ein möglicher Täter in Utas Umfeld gesucht, denn nach Kriminalstatistik besteht bei über 90 Prozent aller Tötungsdelikte eine Beziehung zwischen Täter und Opfer.

Die Polizei verhört einen Verdächtigen

Schon einen Tag nach dem Auffinden der Leiche, verhört die Polizei einen verdächtigen Mann. Es ist der 32-jährige Klaus-Dieter S., der gesteht, Uta mit einem Messer erstochen zu haben. Durch eine auffällige Tätowierung am Hals ist er Zeugen aufgefallen und bald festgenommen worden.

Die Ermittlungen bringen das ganze Drama des Falls zutage. S. stammt aus der ehemaligen DDR und hat dort bereits wegen eines Tötungsdelikts mit sexuellem Hintergrund zwölf Jahre in Haft gesessen.

Weil er zum Tatzeitpunkt noch jugendlich gewesen war, ließ sich seine Haftstrafe nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und der Übernahme westdeutschen Rechts nicht mit dem jetzt geltenden Jugendstrafrecht vereinbaren. S. wurde aus der Haft entlassen, obwohl er selbst lieber im Gefängnis bleiben wollte.

Mord am Stausee: Der Tod von Uta Schaap wirkt bis heute nach

Prof. Dr. Ralf Neuhaus, Strafrechtler mit Kanzlei in Dortmund, vertrat Klaus-Jürgen S. beim Schwurgerichtsprozess vor dem Landgericht Essen. © Silvia Wiethoff

Prof. Dr. Ralf Neuhaus, der den Angeklagten 1994 in einem Schwurgerichtsprozess vor dem Landgericht Essen als Verteidiger vertrat, kann sich noch gut an den Fall erinnern. Zum einen habe es „den absurden Antrag der Nebenklage auf Todesstrafe“ gegeben. Damit habe Rechtsanwalt Siegmund Benecken aus Marl dem Wunsch der Eltern entsprochen.

Zum anderen befand sich der prominente Dortmunder Strafrechtler bei einem weiteren Übergriff des Täters im Dortmunder Rombergpark, der kurz vor dem Mord in Haltern passierte, selbst in unmittelbarer Nähe des Opfers. Als er als Radfahrer wegen eines plötzlichen Regengusses in einer Unterführung Schutz suchte, rang eine Frau in einem etwa 35 Meter entfernten Versorgungsschacht um ihr Leben.

S. hatte ihr mit einem Messer den Hals aufgeschlitzt. Wie durch ein Wunder war die Halsschlagader unversehrt geblieben. Andere Passanten, die sich länger in der Unterführung aufhielten als Ralf Neuhaus, vernahmen das Stöhnen des schwer verletzten Opfers. Die Frau überlebte wie durch ein Wunder.

Strafrechtler Prof. Dr. Ralf Neuhaus übernimmt die Verteidigung

Der Dortmunder Top-Anwalt übernahm nach der Festnahme in Haltern die Verteidigung von Klaus-Jürgen S. und hat noch gut seine erste Begegnung mit ihm vor Augen. „Da stand ein Riesenkerl mit einem großen tätowierten Spinngewebe auf dem Hals vor mir, das bis zum Kinn reicht.“ Er habe sich sofort gefragt, warum sich jemand so hässlich mache, beschreibt Ralf Neuhaus seinen Eindruck.

Später sei während des Prozesses vom Gutachter und forensischen Psychiater Prof. Dr. Norbert Leygraf bestätigt worden, dass S. mit der auffälligen Tätowierung, ohne es bewusst entschieden zu haben, ein Warnsignal an andere Menschen sandte, Abstand zu halten. „Es war eine Reaktion seiner tiefen Seele“, sagt Ralf Neuhaus. In seinem tiefen Bewusstsein sei S. klar gewesen, dass er gefährlich sein kann.

„Sie hätte ich gern zum Vater“, habe S. nach der ersten Unterredung zu ihm gesagt. Ralf Neuhaus wunderte sich. „Wir kennen uns erst seit drei Stunden. Wie kommen Sie darauf?“

„Die Jahre ohne Therapie waren ein Fehler.“
Prof. Dr. Ralf Neuhaus

S. habe erwidert, es hätte ihm noch nie jemand so lange zugehört. Die Jahre ohne Therapie in einem DDR-Gefängnis und die plötzliche Entlassung von S. ohne jede Vorbereitung seien ein Fehler gewesen, erklärt Ralf Neuhaus aus Sicht eines erfahrenen Strafrechtlers, der an 400 Schwurgerichtsprozessen als Verteidiger beteiligt war.

Jemanden, der wie S. im weitesten Sinn in einem sexuellen Kontext getötet habe und vor allem noch so jung gewesen sei, hätte man „vielleicht noch einfangen und Empathie vermitteln“ können. Dies sei bei S. allerdings alles nicht passiert, „sodass sich teilweise die deviante Persönlichkeitsstruktur (Anmerk. der Redaktion: von der Norm abweichendes Verhalten) verfestigen konnte.“

Der Neuanfang misslingt

Jedenfalls stand S. nach zwölf Jahren Haft mit ein paar Mark in der Tasche auf der Straße und wurde von seinem Vater vom Hof gejagt. Ohnehin hatten die Eltern schon zuvor den Kontakt zu ihrem Sohn abgebrochen und ihn nie in der Haftanstalt besucht. Weil er im DDR-System bereits als Schüler angeeckt und zum Einzelgänger geworden war, bemühte er sich um einen Neuanfang in Westdeutschland (Raum Stuttgart).

Schon hier aber kam es wieder zu zwei Übergriffen auf Frauen, bei denen er aber gestoppt wurde. Einmal wurde S. durch Zeugen gestört, einmal verwirrte ihn das Opfer, eine Psychologin, durch verständnisvolle Reaktion so sehr, dass er es gehen ließ.

Nach dem Überfall auf die Frau im Dortmunder Rombergpark gelangt S. schließlich nach Haltern, wo er am Alten Garten in einem Zelt lebt und Uta Schaap zum Verhängnis wird.

Mord am Stausee: Der Tod von Uta Schaap wirkt bis heute nach

Blick vom Waldstück, in dem das Verbrechen geschah, auf den Halterner Stausee. © Silvia Wiethoff

Für den Mord an der Halterner Studentin und seine weiteren Straftaten wird Klaus-Jürgen S. zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und zur dauerhaften Unterbringung in der geschlossenen Abteilung einer forensischen Klinik verurteilt. Er befindet sich seit dem Prozess vor 25 Jahren in der Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn. „Mir war klar, dass er zu jenen gehören wird, die mit großer Wahrscheinlichkeit vielleicht fürs Sterbebett wieder hinaus dürfen“, sagt sein Anwalt.

Richter Rudolf Esders habe dem Angeklagten damals mit auf den Weg gegeben: „Herr S., Sie sind kein böser Mensch, aber ein Mensch, der Böses tut.“ S. bricht daraufhin in Tränen aus. Bei seinem Verteidiger bedankt er sich später in einem Brief dafür, dass dieser in ihm kein Monster, sondern einen Menschen sehe. Er selbst sei sich bewusst, dass er „schwere Schuld auf sich geladen habe“.

„Ich habe im Leben genug Unheil angerichtet.“
Klaus-Jürgen S.

In einem aktuellen Schreiben an die Kanzlei Ralf Neuhaus, mit dem S. seine Freigabe für eine Berichterstattung über seinen Fall erteilt, formuliert er: „Was die Entlassung betrifft, habe ich mein Leben mit dem Maßregelvollzug eingerichtet. Eine direkte Entlassung nach draußen möchte ich auch gar nicht mehr. Ich habe im Leben genug Unheil angerichtet. Und so bleibe ich lieber hier und kann dann für mich sagen, dass ich hier ein ordentliches Leben aufgebaut habe, wenn es auch nur ein kleines ist.“

Ohnmacht und Wut sind geblieben

Hoffnung auf Vergebung ihrerseits können ihm Utas Halterner Freundinnen nicht machen. Zu tief sind auch nach all den Jahren noch die Verletzungen, die durch das Auslöschen des geliebten Menschen entstanden sind, zu präsent sind die Gefühle der Ohnmacht und der Wut.

Die Schwestern haben Utas mittlerweile verstorbene Eltern auch noch nach dem Tod der Tochter besucht. Der Vater habe bei den Begegnungen stumm und weinend auf dem Sofa gesessen. Die Mutter habe beim Kaffee eine Schachtel Zigaretten hervorgeholt und gesagt: „Raucht euch doch mal eine.“

Es erinnerte sie an die verlorene Tochter, die ebenfalls geraucht hatte. Die Eltern haben den Tod ihres jüngsten Kindes nie verwunden. Uta hatte noch eine Schwester und einen Bruder, der mittlerweile ebenfalls verstorben ist.

„Ihr Tod hat uns geprägt.“
Utas Freundinnen

„Ihr Tod hat uns geprägt“, sagen auch ihre Freundinnen. Es habe viele Jahre gedauert, bis sie wieder ein normales Leben führen konnten. Sie trauten sich nicht, Wege allein zu gehen, schon gar nicht in der Nähe des Halterner Stausees, und fühlten sich auch in einer Menschenmenge unwohl.

„Noch heute ist es so, dass ich bei Spaziergängen am See über Uta und das Geschehen sprechen muss“, beschreibt eine der Schwestern, wie präsent ihr das Geschehen immer noch ist. „Mein Mann kennt das schon“, seufzt sie.

Beide Frauen haben viele Jahre nach dem Ereignis therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen und sind dabei den Gründen für manche diffuse Angst auf die Spur gekommen. Bei einer der Schwestern, die heute Mutter ist, wirkt das Erlebte bis in die nächste Generation. Sie musste daran arbeiten, die Tochter zu ermutigen, die Welt mit Offenheit und Neugierde zu erobern. Zu tief sitzt die Besorgnis, das Kind könnte nicht wieder zurückkehren.

Mit Uta haben die Schwestern über alles geredet, was ein junges Herz bewegt. Ob die 24-Jährige konkrete Pläne für die Zukunft hatte, wissen sie nicht mehr. Eines aber sei ganz gewiss: „Wir waren jung und wollten leben.“

Kommentar von Redakteurin Silvia Wiethoff

Auch ich habe damals auf der Hochzeit getanzt, auf der eine Reihe von Gästen fehlte, weil sie am Halterner Stausee nach Uta suchten. Wir ließen es so richtig krachen und wollten daran glauben, dass die Vermisste wieder auftauchen und sich über die Sorgen wundern würde, die ihr Verschwinden ausgelöst hatte.

Tatsächlich aber sickerte das Grauen wie ein unaufhaltsamer vernichtender Lavastrom schon längst in Richtung unserer Herzen.

Wir waren voller Pläne und Zuversicht, gründeten unsere eigenen Familien und arbeiteten in unseren ersten Jobs. Das Leben war für uns die Summe vieler Möglichkeiten, aus denen wir wählen und somit die Richtung bestimmen konnten.

Der Tod von Uta beraubte uns der Unbeschwertheit, vielleicht auch der Naivität, mit der wir auf die Zukunft blickten. Wir wurden mit der jähen Endlichkeit und der Grausamkeit des Lebens konfrontiert und waren darauf nicht vorbereitet. Uta sollte leben, lachen und lieben, vielleicht scheitern und wiederaufstehen wie wir. Bis heute ist die hilfslose Frage nach dem „Warum?“ geblieben.

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