Dutzende nackte Wanderer treffen sich zu den „Westfälischen Naturistentagen“ bei Haltern

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Nackte Spaziergänger sind für manche Halterner ganz normal, andere rufen die Polizei, wenn sie sie sehen. Eine Geschichte über diejenigen, die Badehosen als „zwanghaftes Korsett“ wahrnehmen.

Haltern

, 29.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Nackter Mann joggt durch die Hohe Mark - Polizei sucht Zeugen“. Diese Meldung hat im Juni viele Halterner verdutzt. Schließlich sehe man doch häufig Nacktwanderer im Stadtgebiet, berichten einige Leser. Was ist das für eine Szene? Was bewegt diese Leute? Wir haben uns näher mit dem Thema beschäftigt.

„Mit Pferden sieht man so einiges im Wald“, sagt etwa Anja Lemmnitzer, die oft mit ihren Tieren draußen unterwegs ist. Vor allem in der Hohen Mark seien häufiger mal Nacktwanderer unterwegs, oft abseits der Wege. Manche seien komplett nackt, andere teilweise leicht bedeckt. Lemmnitzer fühlt sich dabei weder bedroht noch belästigt: „Soll jeder machen wie er will“, sagt sie: „Ich muss denen zwar nicht begegnen, aber wenn‘s so ist, dann ist es so.“

„Zu Fuß finde ich es schon irgendwie unheimlich“

Nur mit einem Handtuch um den Unterkörper gewickelt, aber mit festem Schuhwerk war ein Mann zum Beispiel im Juni bei Lippramsdorf unterwegs, erzählt auch die Reiterin Julia Wiengarten.

Sie meint: „Wenn ich zu Fuß unterwegs bin, finde ich es schon irgendwie unheimlich.“ Auf dem Pferd seien ihr nackte Fußgänger aber „ziemlich egal“. Am Silbersee ist der FKK-Strand in einem bestimmten Bereich sowieso toleriert. Eine Umfrage unter mehr als 500 Instagram-Abonnenten unserer Redaktion ergab, dass ein Viertel beim Anblick eines Nackten die Polizei rufen würde. Der Rest meinte: „Mir egal.“

Dutzende nackte Wanderer treffen sich zu den „Westfälischen Naturistentagen“ bei Haltern

Die Polizei sucht einen Mann, der nackt durch ein Waldstück in der Hohen Mark joggte (Symbolbild). © dpa

Der Weg zu den Nudisten ist ausgesprochen kurz, wenn man sich für das Thema interessiert. Eine kurze Internetrecherche führt direkt auf einschlägige Seiten. Nach wenigen Klicks finden wir die „Westfälischen Naturistentage“, die für Mitte August geplant werden. Unter anderem ist ein Ausflug zu den Wildpferden im Merfelder Bruch geplant: „Ein nackter Besuch unter sachkundiger Führung.“

Per E-Mail kann man sich zum „Nackt-Event“ anmelden. Eine automatisch generierte Antwort-Mail teilt mit: „Von den Initiatoren erhältst du kurz vor dem Termin nähere Informationen zu Treffpunkt, Ablauf und so weiter.“

Unmittelbarer Kontakt ohne störende Kleidung

Nacktwanderer betonen im Internet, einen möglichst unmittelbaren Kontakt mit der Natur zu suchen. Die Kleidung empfinden sie als störende Barriere zwischen dem eigenen Körper und der Umgebung. Die Naturistentage sind neun aufeinander folgende Tage im Münsterland, an denen die Teilnehmer „schöne und interessante Gegenden nackt erkunden“ wollen.

„Erlebe die Natur pur und wandere mit uns nackt. Eingeladen sind alle, ob jung oder alt, ob dick oder dünn, ob weiblich oder männlich. Falls Du interessiert bist, es auch mal probieren möchtest, aber eine gewisse Scheu haben solltest, so wandere und begleite uns ruhig auch mit Kleidung“, ist unter natury.de zu lesen: „Wir Nackten sind tolerant.“ Ein gewisses Augenzwinkern in Richtung aller Menschen, die sich von den Nackten gestört fühlen.

„Badekleidung empfinde ich als zwanghaftes Korsett“

Der Urheber der Seite natury.de heißt Dr. Helmut Schultze, ist Jahrgang 1947 und schreibt unter anderem: „Der Widersinn von Badekleidung ist so ätzend, dass ich sie als ein zwanghaftes Korsett empfinde, das jedem Ansatz zum ‚Wohlfühlen‘ extrem zuwider läuft. Badekleidung ist ja wirklich völlig ohne jeden Nutzen: Sie stört, und man wird trotzdem überall nass.“

Unter anderem im Münsterland will der Familienvater das Nacktwandern und -radeln durch eigene Initiativen populärer machen. „Bei meiner ersten Wanderung im Sauerland waren es schon 20 Teilnehmer, einige Events später meldeten sich sogar 55 Teilnehmer an“, schreibt der Mann aus Beckum, von Haltern aus 67 Kilometer die B58 entlang Richtung Osten.

Aber wo darf man überhaupt wie nackt sein? Im Juni hat die Polizei den Fahndungsaufruf veröffentlicht, nachdem eine 19-Jährige Anzeige erstattet hatte. Die rechtliche Lage ist auf diesem Feld schwierig zu bewerten, sagt Polizeisprecher Andreas Wilming-Weber.

Wenn sich ein Passant durch den Anblick beleidigt fühlt, sei der Vorfall anders zu bewerten als bei der Ordnungswidrigkeit „Belästigung der Allgemeinheit“. Berührt sich der Nackte unsittlich, könne es als exhibitionistische Handlung auch eine Freiheitsstrafe geben. Dieser Paragraf gilt übrigens ausdrücklich nur für Männer.

„Grundsätzlich ist es nicht verboten, nackt zu sein“

„Nacktsein kommt immer auf den Einzelfall an“, sagt Wilming-Weber. Trifft eine Polizeistreife zufällig auf Nacktwanderer, würden die Beamten sicherlich die Personalien feststellen. Ob auch eine Anzeige geschrieben würde, sei aber eine andere Sache. Und die Entscheidung, ob ein Bußgeld oder eine andere Strafe folgen, resultiere immer aus der persönlichen Wahrnehmung: „Grundsätzlich ist es nicht verboten, nackt zu sein.“

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