Feuer hätte fast geschichtsträchtiges Nachbarhaus zerstört

rnBrand Münsterstaße

Das Feuer an der Münsterstraße hätte fast auch das direkt angrenzende Nachbarhaus zerstört. Eine Brandschutzmauer rettete dieses historische Gebäude. Es war 1938 „das Juden-Ghetto“.

Haltern

, 09.05.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In den Terrortagen vom 9. bis 11. November 1938 wurden alle Häuser der jüdischen Mitbürger in Haltern in Schutt gelegt. Nur das Haus an der Münsterstraße 28 nicht. Hier wohnte bis zu seiner Deportation Hermann Cohn, Vertreter für Lederwaren und Schneiderbedarfsartikel. In seinem Haus richteten die Nationalsozialisten unter Mitwirkung der Gemeindebehörden nach der Pogromnacht das Ghetto für alle jüdischen Mitbürger Halterns ein. Hermann Cohn wurde verpflichtet, Juden als Untermieter aufzunehmen.

Juden waren ohne Arbeit und Geld

Dieter Stüber hat die Schicksale der jüdischen Familien in Haltern am See recherchiert und aufgeschrieben. Danach besaß Hermann Cohn das Nutzungsrecht für das Haus an der Münsterstraße 28, Eigentümerin war seine 1925 verstorbene Ehefrau Hedwig, Erbinnen waren die drei Töchter Erna, Emily und Wilma. Hermann Cohn, der als junger Mann sieben Jahre in Amerika gelebt hatte, stellte 1938 vergeblich einen Ausreiseantrag. Er wurde immer wieder schikaniert durch überraschende Hausdurchsuchungen. „Einmal geht es um den Besitz eines verbotenen Radios, einmal um einige Lebensmittel des Bauern Unterberg aus Sythen“, schreibt Dieter Stüber. 1940 wohnten laut Dieter Stüber noch fünf jüdische Bewohner im Haus Cohn: „Ohne Arbeitserlaubnis und ohne Einkommen sind alle auf Sozialleistungen angewiesen, die aber 1939 auch eingestellt werden. Die Juden erhalten nur noch Einkaufsgutscheine.“

Hermann Cohn kam niemals in Riga an

Hermann Cohn wurde am 27. Februar 1942 mit den letzten verbliebenen Juden Jenny Kleeberg, Nathan Lebenstein, Lotte Lebenstein und Alexander Lebenstein durch die Geheime Staatspolizei Recklinghausen deportiert.

Sein weiteres Schicksal ist nicht genau bekannt. Alexander Lebenstein, der als einziger Halterner Jude den Nazi-Terror überlebte, berichtete, Hermann Cohn sei niemals in Riga angekommen. Es sei davon auszugehen, dass er unterwegs ermordet worden sei. Die Töchter emigrierten 1939 nach England. Emily heiratete einen tschechischen Juristen, sie lebte zuletzt in einem Vorort von Prag. 1995 besuchte sie auf Einladung des Hans-Böckler-Berufskollegs ihre Heimat Haltern.

Erben erhielten Haus nie zurück

Als die Eigentumsverhältnisse bezüglich des Hauses nach dem Krieg geklärt werden sollten, konnte das nur durch Befragung geschehen. Sämtliche Akten waren vernichtet. Die Sparkasse der Stadt und des Amtes schrieb 1945 dem Regierungspräsidenten, Eigentümer seien die Kinder Cohn, die sich allerdings im Ausland aufhielten. 1942 habe der Regierungspräsident den Sparkasseninspektor Johannes Humberg zum Treuhänder bestellt, ihm sei 1943 Auktionator Josef Konermann aus Münster gefolgt. Nach dem Krieg wurde das Haus an Karl und Ida Dickerhoff verkauft. Die Erben erhielten das Haus nie zurück. Stolpersteine von Künstler Gunter Demnig vor der Tür erinnern an die jüdische Vergangenheit.

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