Halterner Ärzte zur Videosprechstunde: Nichts geht über den direkten Kontakt zum Patienten

rnVirtueller Arztbesuch

Seit 2017 bieten Praxis-Ärzte Videosprechstunden an. Das Konzept hat sich noch lange nicht durchgesetzt. Zwei Halterner Hausärzte stufen die Telemedizin als zum Teil hilfreich ein.

Haltern

, 30.01.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) macht sich für den Einsatz von Videosprechstunden in Arztpraxen stark. „Wir stehen einem großflächigen Einsatz der Videosprechstunde grundsätzlich positiv gegenüber“, sagt Sprecherin Heike Achtermann. Der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patienten müsse zwar weiterhin der primäre Behandlungsweg bleiben. Gerade bei Kontrolluntersuchungen sei die Videosprechstunde aber hilfreich.

Halterner Ärzte machen ebenfalls durchaus Vorteile der sogenannten Telemedizin aus. „Eine Videosprechstunde spart Patienten den Weg in die Praxis und leert möglicherweise etwas die überfüllten Wartezimmer“, sagt Dr. Björn Hollensteiner. Der Halterner Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin, der sich selbst als großen Fan neuer Kommunikationstechnologien in der medizinischen Versorgung bezeichnet, hält Konsultationen per Video für möglich, wo Patienten nicht körperlich untersucht werden müssten. „So wie jetzt bereits Telefonsprechstunden stattfinden“, führt Hollensteiner aus. Zum Beispiel zur Besprechung von Befunden, Entlassungsberichten oder für die reine Beratung.

Weniger Transporte und geringere Ansteckungsgefahr

Nach Meinung von Dr. Astrid Keller, Fachärztin für Innere Medizin in Haltern, könnten Patienten-Transporte, insbesondere aufwändige, so vermieden werden. „Die Ansteckungsgefahr im Wartezimmer ist außerdem vermindert und Wartezeiten verbringt man zu Hause“, zählt sie weitere positive Aspekte der Online-Sprechstunde auf. Für den Arzt bedeute es weniger Hausbesuche.

Das meint auch Heike Achtermann. Ein Arzt spare kostbare Zeit, „wenn er sich beispielsweise den Heilungsprozess einer Wunde auf dem Computer anschauen kann, statt dafür einen Hausbesuch absolvieren zu müssen“. Gerade in Zeiten, in denen Patienten immer älter werden und Ärzte immer mehr Patienten behandeln müssten, könne mittels Videosprechstunde mehr Zeit für diejenigen Patienten geschaffen werden, die unbedingt eine persönliche Untersuchung benötigten. „Vielen älteren und vielleicht auch immobilen Patienten kann so ein langer oder umständlicher Anfahrtsweg erspart bleiben, der vielleicht auch die Angehörigen eingespannt hätte“, erklärt Heike Achtermann.

Ältere Patienten mit Technik überfordert?

Hier machen die Halterner Keller und Hollensteiner aber zugleich das Problem aus: Denn gerade die älteren, wenig mobilen Patienten seien aktuell mit der technischen Umsetzung einer Videosprechstunde häufig überfordert, geben sie zu bedenken. Hausarzt Hollensteiner geht davon aus, dass eher jüngere Menschen der neuen Technologie gegenüber aufgeschlossen und mit den entsprechenden notwendigen Geräten ausgestattet sind.

Halterner Ärzte zur Videosprechstunde: Nichts geht über den direkten Kontakt zum Patienten

Dr. Björn Hollensteiner kann der neuen Technik im medizinischen Bereich durchaus auch Positives abgewinnen. © Ingrid Wielens

Den Nutzen der Videosprechstunde macht Astrid Keller unterm Strich nur für spezielle Fälle aus – „für eine Wundkontrolle nach einer Operation oder ähnliches, wo eine kurze Kontrolle erforderlich ist und natürlich besonders in Gebieten mit sehr niedriger Arztdichte wie zum Beispiel im Sauerland, wo es weite Anfahrtswege gibt“. Auch die Fachärztin für Innere Medizin betont ausdrücklich: „Nicht jede Krankheit kann durch eine Kamera diagnostiziert werden, wir benutzen unsere fünf Sinne bei der Untersuchung.“ Patienten könnten bei einer Videosprechstunde beispielsweise nicht abgehört, ein Bauch kann nicht abgetastet werden. Gerade im häusärztlichen Bereich sei der direkte Kontakt oft sehr wichtig.

Hausarzt Hollensteiner befürchtet ebenfalls, dass bei der Telemedizin wichtige Befunde übersehen werden könnten. „Ich halte den persönlichen Arzt-Patientenkontakt und das bei der Untersuchung entstehende ärztliche ,Bauchgefühl‘ für ein sehr wichtiges Instrument der Diagnostik“, sagt er.

Grünes Licht für Ausbau

Patienten könnten ihre Symptome oft nicht richtig einorden. „Ich erlebe es oft, dass Menschen ihre Symptome für harmloser halten als sie es sind. Andersherum kommen täglich Patienten in die Sprechstunde, die aufgrund harmloser Symptome glauben, schwer krank zu sein.“ Die Symptome könnten per Video viel schwerer eingeordnet werden.

Halterner Ärzte zur Videosprechstunde: Nichts geht über den direkten Kontakt zum Patienten

Der Patient benötigt für die Videosprechstunde einen Bildschirm mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher - das kann ein Smartphone, ein Tablet oder ein Computer sein - sowie eine Internetverbindung. © pa/obs/BKK Mobil Oil

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe indes unterstützt „alle Veränderungen, die dazu führen, dass zukünftig mehr Ärzte Videokonsultationen anbieten“, führt Heike Achtermann aus. Die KVWL-Sprecherin nimmt damit Bezug auf den Deutschen Ärztetag, bei dem im Mai 2018 in Erfurt ein Ausbau von Fernbehandlungen beschlossen worden war. Konkret bedeutet das: Eine Videosprechstunde ist nicht erst nach einem persönlichen Erstkontakt zwischen Arzt und Patient erlaubt, sondern darf bereits bei der ersten Konsultation und ausschließlich durchgeführt werden.

Positive Erfahrungen mit Pflegeheimen

Im Leistungskatalog von Dr. Astrid Keller und Dr. Björn Hollensteiner wird die Videosprechstunde auf absehbare Zeit wohl nicht auftauchen. Wie die beiden Mediziner mitteilen, sei ein derartiges Angebot nicht geplant. Tatsächlich wird diese Möglichkeit des Arzt-Patienten-Kontakts in Westfalen-Lippe auch nur von wenigen Medizinern genutzt, war von der KVWL zu erfahren.

Sprecherin Heike Achtermann berichtet von einem Modellprojekt in Bünde (Kreis Herford). Dort kommt die Videosprechstunde in Pflegeheimen der Region zum Einsatz. Über die elektronische Arztvisite könnten chronische Wunden beurteilt und Medikationsfragen geklärt werden. Achtermann: „Die Erfahrungen und die Rückmeldungen der behandelnden Ärzte und der beteiligten Pflegekräfte sind sehr positiv.“

„Hasenfüße“ bei Praxisverwaltungsprogrammen

  • Spezielle Videodienstanbieter machen die Videosprechstunden möglich. Die technische Ausrüstung kostet Geld. „Wenn es möglich wäre und bezahlbar, würde ich eine Video-Sprechstunde anbieten“, sagt Dr. Björn Hollensteiner. Es gebe aber „Hasenfüße“. Softwarehäuser, die medizinische Praxisverwaltungsprogramme anbieten, ließen sich neue Module und Innovationen teuer bezahlen. Meist nicht nur durch einmalige Anschaffungskosten, sondern auch durch monatliche Folgekosten für die Softwarepflege.
  • Der Halterner Hausarzt vermutet zudem, „dass die Politik mit der Telemedizin Löcher in der Versorgungslandkarte der Hausärzte stopfen will, anstatt dafür zu sorgen, dass auch im ländlichen Raum Allgemeinmediziner ein gutes Auskommen bei nicht zu hoher Arbeitsbelastung haben.“
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