Ausfallzeiten wegen Kindererziehung, Krankheit oder vorzeitigem Ruhestand - es gibt viele Gründe für eine kleine Rente. „Ich war naiv“, sagt Gabriele Voigt und berichtet über ihr Leben.

Flaesheim

, 11.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gabriele Voigt (68) hat Tee für uns gekocht. Es ist behaglich in ihrem kleinen Holzhaus auf dem Campingplatz der Freizeitanlage Flaesheim. Auf einem Regal stehen einige Familienfotos, ein großer Flachbildschirm ist das Fenster zur Welt, zwei Hunde beobachten neugierig das Geschehen. Auf 50 Quadratmetern hat sich die Rentnerin ihr Leben eingerichtet. Es ist der einzige Luxus, den sie sich gönnen kann.

“Den Rat würde ich heute jungen Menschen geben“, sagt sie, „nicht darauf zu vertrauen, dass die Rente sicher und ausreichend ist.“ An ihrem Beispiel sei zu sehen, dass es anders kommen kann. Die jüngere Generation dürfe sich wohl erst recht nicht darauf verlassen, dass das Geld im Alter für ein beschauliches Auskommen reicht.

Gabriele Voigt hat Chemielaborantin gelernt

Als Gabriele Voigt jung war, hat sie sich nie Gedanken um ihre spätere finanzielle Situation gemacht. Sie musste das auch nicht. Nach dem Besuch der Volksschule hatte sie einen soliden Beruf erlernt. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Chemielaborantin bei den damaligen Chemischen Werken in Marl-Hüls.

Alters-Hartz-IV

Immer mehr arme Rentner im Kreis Recklinghausen

  • Wenn die Rente nicht reicht: Immer mehr Menschen im Kreis Recklinghausen sind neben ihren Altersbezügen auf staatliche Stütze angewiesen.
  • Die Zahl der Empfänger von „Alters-Hartz-IV“ stieg innerhalb von zehn Jahren um 45 Prozent. Gab es im Kreis Recklinghausen 2008 noch 6.908 Bezieher von Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung, so waren es im vergangenen Jahr bereits fast 10.000.
  • Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit. Die NGG beruft sich hierbei auf Angaben des Statistischen Landesamtes.

1971 kam ihre Tochter zur Welt. Ein Jahr später bewarb sich die junge Mutter und Ehefrau erfolgreich beim Chemischen Untersuchungsamt des Kreises Recklinghausen. 39 Jahre, von 1972 bis 2011 war sie hier beschäftigt, zuletzt in Altersteilzeit.

Allerdings reduzierte sie ihre Stundenzahl nach ihrer Scheidung im Jahr 1983. Die Tochter war zwölf. Um als Alleinerziehende die Betreuung zu sichern, gab es damals keine andere Möglichkeit.

Einige Jahre später arbeitete Gabriele Voigt wieder in Vollzeit. Die Zukunft schien gesichert. „Ich habe nie mehr Geld ausgegeben, als mir zur Verfügung stand“, berichtet sie. Höchstens ein Auto habe sie mal finanziert.

Ihr Partner häufte in ihrem Namen Schulden an

Dann trat ein neuer Mann in ihr Leben, mit dem sie von 2003 bis 2008 zusammen war. „Es ist alles ziemlich schnell den Bach runtergegangen“, beschreibt sie heute diese Zeit. Für Gabriele Voigt besonders fatal war, dass sie damals nicht gemerkt hat, wie sich die dunklen Wolken an ihrem Himmel zusammenbrauten.

“Ich war naiv. Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es mir passieren könnte, dass ein Mann auf meinen Namen Schulden macht“, seufzt sie. Ihr Partner hatte ein Unternehmen gegründet, das auf ihren Namen lief und dieses mit Vollgas gegen die Wand gesetzt.

Gabriele Voigt ging tief verletzt und mit enormen Schulden aus dieser Beziehung. Ihr blieb nur die Privatinsolvenz. „Ich hatte schlimme Depressionen und Schlafstörungen“, erinnert sie sich. Hilfe erhielt sie in dieser Situation vom Schuldernberater der Diakonie Haltern, Christian Overmann. Über Jahre blieb ihr nur ein finanzielles Minimum für die Existenzsicherung. Doch als Kämpfernatur ließ sie sich nicht unterkriegen und hielt bis zur Ablösung der Restschulden durch.

So kam Gabriele Voigt auf den Campingplatz

Nach einer zeitlichen Episode bei der Tochter in Süddeutschland kehrte die gebürtige Hertenerin wieder in ihre heimische Region zurück. Durch Zufall war sie wieder mit ihrem ersten Mann zusammengekommen, der ein Häuschen auf dem Campingplatz in Erkenschwick (Mutter Wehner) bewohnt. Eine Zeit lang lebte das Paar dort auf 30 Quadratmetern zusammen. Das muss eine Liebe erst einmal aushalten.

Eine Dauerlösung aber konnte dieses Modell nicht sein. Deshalb sann Gabriele Voigt nach einer Lösung, die sich durch einen kleinen Geldsegen von einer Tante tatsächlich einstellte. Sie lieh sich ein paar tausend Euro und erwarb ein eigenes Mobilheim auf dem Erkenschwicker Campingplatz. Selbstständiges Glück auf 30 Quadratmetern mit Terrasse.

Ihr Glück wurde jäh zerstört

Endlich schien sie angekommen zu sein und genoss das Leben. Jäh zerstört wurde ihre Idylle an einem Novembertag im Jahr 2015. Durch einen technischen Defekt brach im Nachbarhaus ein Feuer aus, das auf ihre Holzhütte übergriff. Die Feuerwehr konnte nicht viel tun. Die Zeitungen berichteten am Tag danach von dem verheerenden Brand, der ihre Lebenspläne über Nacht vernichtete.

Wieder stand Gabriele Voigt vor dem Nichts. Es blieben nur einige wenige Erinnerungsstücke an die Vergangenheit, darunter ein Foto ihrer Mutter, das heute auf ihrem Regal in Flaesheim steht. Zum Glück hatte sie ihr Häuschen versichert. Das half beim Neuanfang mit Mitte 60. Allerdings lagen auch dabei wieder Steine auf ihrem Weg.

Gabriele Voigt fühlt sich etwas einsam

Es stellte sich heraus, dass ein neues Holzhaus auf dem Campingplatz in Erkenschwick nicht genehmigungsfähig sein würde. So kam Gabriele Voigt zur Marina nach Flaesheim. Seit Mai 2018 ist sie hier zu Hause und pflegt weiter ihre Beziehung zu ihrem ersten Mann, der sich in den Tagen der Not als „Schutzengel“ erwiesen hatte.

Halternerin zu Altersarmut: „Verlasst euch nicht darauf, dass im Alter das Geld reicht“

Das Holzhaus auf dem Campingplatz in Flaesheim ist ihr ganzer Stolz und ihr Rückzugsort.

Dennoch fühlt sie sich an ihrem neuen Wohnort noch ein wenig einsam. Es fehlt das Geld, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und soziale Kontakte zu knüpfen. Etwa 25 Prozent weniger Geld als zu Beschäftigungszeiten stehe ihr zur Verfügung, erklärt sie. Das ist nicht viel. Für die Pacht und die Nebenkosten sind monatlich 500 Euro weg. „Ich weiß nicht, wie lange ich mein Auto noch halten kann“, beschreibt sie ihre Situation.

Gern würde sie ihre alleinerziehende Tochter und die beiden Enkelkinder in Bayern öfter besuchen und auch finanziell unterstützen, oder auch mal wieder eine Reise machen. Aber das sitzt nicht drin.

Ihr ganzer Stolz ist das Mobilheim aus nordischem Holz. „Mir geht es doch noch viel besser als anderen Rentnern“, sagt Gabriele Voigt.

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