Römerausgrabungen in Haltern - standen politische Interessen dahinter?

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„Die Ausgrabungen der Römerfunde in Haltern wurden ideologisch instrumentalisiert“, sagen Bettina Tremmel und Bert Wiegel. Für ihre Forschungen suchen sie noch alte Zeitungsdokumente.

Haltern

, 15.08.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie gestaltete sich der Verlauf der Ausgrabungen in den römischen Militäranlagen von Haltern und welche neuen Erkenntnisse lassen sich aus dem wissenschaftlichen wie historischen Kontext neu gewinnen? Diese Frage steht am Beginn einer wissenschaftlichen Recherche von Dr. Bettina Tremmel und Dr. Bert Wiegel. Die Halterner Zeitung bzw. deren Vorläufer, der Halterner Anzeiger, spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle.

Bettina Tremmel ist Wissenschaftliche Referentin für provinzialrömische Archäologie beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Ihr Lebenspartner Bert Wiegel, ebenfalls von Haus aus Archäologe, leitet den Verlag Marie Leidorf (VML). Der Fachverlag für Archäologie hat bereits über 1000 wissenschaftliche Publikationen herausgebracht.

Forschungen auf dem Annaberg und am Silverberg

Im Sommer 1899 begannen in Haltern die archäologischen Ausgrabungen und die Suche nach Zeugnissen der römischen Besatzung um Christi Geburt. Hauptinitiator war Prof. Carl Schuchhardt aus Hannover, der sie auf dem Annaberg vermutete, wo er die Umwehrung eines Kastells gefunden zu haben glaubte. „Dessen vermeintlicher Spitzgraben führte ihn zu der Annahme, dass es nur römisch sein konnte. Dafür konnte er aber keinen überzeugenden Beweis, zum Beispiel in Form von Funden, vorlegen“, sagt Bettina Tremmel.

Auf dem Silverberg und am Wiegel forschte eine weitere Gruppe um den Münsteraner Universitätsprofessor Friedrich Koepp, zu der auch der angesehene Halterner Arzt Dr. Alexander Conrads gehörte. Sie fanden zahlreiche Fundstücke aus der Römerzeit. Aus ihren Forschungen und Funden ging 1907 das erste Halterner Römermuseum am Kärntner Platz hervor.

Dr. Bettina Tremmel interessiert zum einen die Frage, was Prof. Schuchhardt auf dem Annaberg tatsächlich ergraben hat. Mithilfe heutiger Forschungsmethoden möchte sie dieser Frage noch einmal neu nachgehen. „Vieles auf dem Annaberg ist inzwischen überbaut“, so Bettina Tremmel. Aber sie hofft, herauszufinden, worum es sich bei der angeblich dreiecksförmigen Kastellanlage mit einem Durchmesser von 350 Metern wirklich handelt.

Unterstützung durch Stadtachivar Gregor Husmann

Für ihre Recherchen nutzten Bert Wiegel und Bettina Tremmel mit Unterstützung des Halterner Stadtarchivars Gregor Husmann vor allem die Ausgaben des Halterner Anzeigers, der 1910 in Halterner Zeitung umbenannt wurde. Dabei stießen sie auf weitere spannende Aspekte der römischen Ausgrabungen und deren Resonanz in der Bevölkerung von Haltern.

Der Halterner Sanitätsrat Alexander Conrads mit den Archäologen Alexander Conze und Carl Schuchardt (v.l.) bei den ersten Ausgrabungen am Wiegel.

Der Halterner Sanitätsrat Alexander Conrads mit den Archäologen Alexander Conze und Carl Schuchardt (v.l.) bei den ersten Ausgrabungen am Wiegel. © LWL

„Treibende Kraft bei den Ausgrabungen und der Errichtung des Römermuseums war der Kriegerverein um seinen Ehrenvorsitzenden Dr. Conrads in Haltern“, so Bert Wiegel. „Interessanterweise kümmern sich die Organisatoren nicht um die Lebensumstände der Römer, ihren Alltag oder die Abläufe im Lager“, ergänzt Bettina Tremmel. „Sie sahen vielmehr dem damals tonangebenden Zeitgeist folgend die Römer primär als Besatzer, als feindliche Macht, die letztendlich von den germanischen Kriegern besiegt und vertrieben wurde. Das wurde in der Folge in Festumzügen mit historischer Kostümierung innerhalb der Stadtgrenzen von Haltern alljährlich nachgespielt.“

Dafür finden sich zahlreiche Indizien und Belege in der Berichterstattung des Haltener Anzeigers. Die Römer wurden pauschal mit dem Erbfeind Frankreich gleichgesetzt, während die Germanen als Vorläufer der Deutschen und als Sieger über die Besatzer öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt wurden. „Dieses stark aufgeladene nationalistische Gebahren muss man als stereotyp für die Regierungszeit Wilhelms II. sehen vor den außenpolitischen Spannungen des beginnenden 20. Jahrhunderts - einem Zeitpunkt, an dem die europäische Entwicklung bereits auf den ersten Weltkrieg zusteuerte“, so Bert Wiegel.

Ideologische Hetze gegen den Erbfeind Frankreich

Die Unterstützer der Ausgrabungen und des Museumsbaus seien im katholischen, konservativ-bürgerlichen Umfeld in Haltern verankert gewesen. „Die Hinterlassenschaften des römischen Militärs auf dem Silverberg wurden ideologisch zur Hetze gegen den Erbfeind Frankreich instrumentalisiert und alljährlich an den Gedenktagen der heroischen Schlachten von 1864, 1866 und 1870/71 in Szene gesetzt“, so Dr. Bettina Tremmel.

Im August 1907 zur Eröffnung des Römermuseums hatte man auch Kaiser Wilhelm II nach Haltern eingeladen, der sich damals zum Kaisermanöver in Münster aufhielt. Sein Besuch wurde jedoch kurzfristig abgesagt. Stattdessen ehrte er persönlich Sanitätsrat Dr. Conrads in Münster mit dem roten Adlerorden 4. Klasse, einer der höchsten Auszeichnungen des Kaiserreiches.

„Der Museumsgründung fehlte also die Krönung, die sich die Organisatoren so sehr gewünscht hatten“, so Bert Wiegel. Auch bei einer Durchfahrt und kurzem Aufenthalt am Bahnhof in Haltern zwei Jahre später stieg der Monarch nicht aus dem Kaiserzug aus, um sich persönlich vor Ort von den Ausgrabungen ein Bild zu machen.

Schon 2013 begleitete Dr. Bettina Tremmel die Ausgrabungen vor der Errichtung des Westtores am Römermuseum.

Schon 2013 begleitete Dr. Bettina Tremmel die Ausgrabungen vor der Errichtung des Westtores am Römermuseum. © Daniel Winkelkotte

„Über die Römerausgrabungen berichtete für den Halterner Anzeiger zunächst Heinrich Hamacher, der sich um sachliche Berichterstattung bemühte“, nennt Bert Wiegel ein weiteres Ergebnis der Recherchen. „1903 wurde er durch Philipp Iwanowsky ersetzt, wohl auch, weil die Zeitung um mehr lokale Abonnenten kämpfte. Mit seiner Person zog ein deutlich nationalistischerer Tonfall in die Berichterstattung ein, die im August 1908 zu einer auffälligen Distanzierung der stets um sachliche Berichterstattung bemühten Ausgräber Koepp und Dragendorff führte. Ablesbar ist dies an der Tatsache, dass beide es vorzogen, zuerst auswärtige Zeitungen und nicht etwa den Halterner Anzeiger über die Resultate der aktuellen Untersuchungen zu informieren, wogegen Iwanowsky aufs Heftigste in einem Artikel protestierte“.

Wissenschaftler suchen historische Zeitungsausgaben

Bettina Tremmel und Bert Wiegel wollen die Ergebnisse ihrer Recherche in eine wissenschaftliche Publikation münden lassen. Allerdings fehlen ihnen einige wichtige Jahrgänge des Halterner Anzeigers. „Es sind gerade die Jahre, in denen die Ausgrabungen erste Fortschritte machten: 1900, 1901, 1902 und 1904“, so Bert Wiegel.

Die beiden Archäologen sind an Hinweisen interessiert, ob und wo es möglicherweise Teile dieser Ausgaben in Haltern noch gibt. Informationen nehmen sie gern unter folgender E-Mail-Adresse entgegen: bettina.tremmel@lwl.org.

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