Next Generation

Schockanrufe und Enkeltrick: „Next Generation“ soll Halterner Senioren schützen

Senioren werden immer öfter Opfer von Betrügern, die sich als falsche Polizisten oder Verwandte ausgeben. Polizei und Seniorenbeirat setzten mit einem neuen Projekt dagegen.

175.00 Euro: So hoch ist der Schaden, den ein Ehepaar im Kreis Recklinghausen erlitten hat, weil es auf den Anruf eines falschen Polizisten eingegangen ist. Die Polizei müsse ihre Wertsachen in Sicherheit bringen, suggerierte der Anrufer. Darauf stellten die Eheleute, Bargeld, Sparbücher, Schmuck und eine Münzsammlung in drei Taschen neben einen Mülleimer. Die Wertsachen haben sie nie wiedergesehen.

Dieses erschreckende Beispiel nennt Polizeihauptkommissar Frank Böttcher in Haltern. Der Beamte des Kommissariats für Prävention und Opferschutz aus Wulfen stellte in der Seestadt gemeinsam mit dem Seniorenbeirat das Projekt „Next Generation“ vor.

Junge Generationen mit ins Boot holen

Ziel des Projektes ist es, einen „Schutzschild“ um die Seniorinnen und Senioren aufzubauen, damit sie möglichst nicht auf solche Betrugsmaschen wie falsche Polizisten, Enkeltrick oder Schockanrufe hereinfallen. So wie in dem Beispiel eines 86-jährigen Halterners, der sich nicht auf den Anruf eingelassen und stattdessen die Polizei informiert hat. „So sollte es im Idealfall laufen“, sagt Frank Böttcher.

Er hat das Programm „Next Generation“ entworfen, bei dem die jüngeren Generationen (Kinder und Enkel) mithelfen sollen, die Älteren zu warnen und zu sensibilisieren. „Auf unseren Veranstaltungen, die wir selbst durchführen, haben wir im Jahr 0,5 bis 1 Prozent der Senioren erreicht“, sagt Frank Böttcher. „Das ist zu wenig, um flächendeckende Prävention zu betreiben.“ Seine Überlegung deshalb: Es muss ein Netzwerk aufgebaut werden mit Multiplikatoren vor Ort, die dabei helfen, das Thema bei den Seniorinnen und Senioren präsent zu halten.

Dafür suchte er nach Projektpartnern. In Haltern wurde er beim Seniorenbeirat fündig. Nach einem Vorgespräch im Juni ist die Kooperation inzwischen fest vereinbart.

Vernetzung auf zwei Ebenen

Die Vernetzung soll auf zwei Ebenen erfolgen, erläutert Frank Böttcher. Er will sowohl innerhalb der Polizei-Dienststellen als auch mit externen Partnern mehr Zusammenarbeit initiieren. Dafür ist beispielsweise die Seniorengemeinschaft aus Waltrop mit im Boot, aber auch Awo-Ortsverbände, Diakonie oder Caritas in den jeweiligen Städten des Kreises. Einige Sozialdienste schulen inzwischen ihr Pflegepersonal entsprechend.

Frank Böttcher hat einen Flyer erstellt, der sowohl über die Dienststellen als auch über die Partner in den Städten verbreitet werden soll. „Die Polizei und auch die Kooperationspartner sollen sich schützend vor die Senioren stellen.“

Wichtig sei, das dabei jüngere Generationen mithelfen. „Sie sind technikaffiner, kennen sich mit dem Internet besser aus und können ihren Eltern oder Großeltern beispielsweise beim Einrichten technischer Geräte wie eines Telefonfilters helfen. Sie können aber auch allein dadurch mithelfen, dass sie bei den älteren Familienmitgliedern das Thema immer wieder ansprechen“, sagt Rüdiger Haake vom Halterner Seniorenbeirat.

Senioren reagieren allerdings manchmal gereizt, wenn sie darauf angesprochen werden. „Meine Mutter sagt dann oft: ‚Ich bin doch nicht blöd‘“, erzählt Ulrike Frey vom Seniorenbeirat. Trotzdem passieren diese Betrugsfälle immer wieder, ihre Fallzahl stieg im Kreis Recklinghausen von 2019 auf 2020 um 37 Prozent. Gesamtschadenssumme: 506.000 Euro, in NRW 25,3 Millionen. „Und das ist nur das ‚Hellfeld‘, die Dunkelziffer ist noch acht- bis zehnmal höher, weil es oft aus Scham nicht zur Anzeige kommt“, so Frank Böttcher.

Bitcoin-Anlagen in Ungarn oder Rumänien

Er rät deshalb Betroffenen dringend, auch Versuche zur Anzeige zu bringen. „Sonst versuchen es die Täter beim Nächsten wieder.“ In Zeiten von Negativzinsen bei Banken gebe es inzwischen eine neue Masche, so der Hauptkommissar: „Senioren werden angebliche Anlagen in Kryptowährungen wie Bitcoin angeboten. Sie überweisen dann ihr gesamtes Vermögen nach Rumänien oder Ungarn – und sehen es nie wieder.“

Letztlich seien auch Angehörige dann betroffen: „Das Erbe oder die finanzielle Unterstützung durch die Eltern oder Großeltern – auch das ist dann verloren“, sagt Frank Böttcher.

Auch der Halterner Seniorenbeirat will aktiv werden. „Ein geplantes Jahreszeiten-Café zu dem Thema können wir leider wegen Corona nicht realisieren“, sagt Rüdiger Haake. „Aber wir wollen Kontakt zu den Altenheimen herstellen. Und auf unserer neuen Internetpräsenz wollen wir das Thema prominent platzieren.“

Wer sich weiter informieren möchte, kann sich entweder mit dem Seniorenbeirat Haltern in Verbindung setzen oder mit dem Polizeikommissariat Prävention und Opferschutz unter Tel. (02361) 553344.

Über den Autor
Redaktion Haltern
Studium der Germanistik, Publizistik und Philosophie an der Ruhr Universität Bochum. Freie Autorentätigkeit für Buchverlage. Freier Journalist im nördlichen Ruhrgebiet für mehrere Zeitungshäuser. „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich nach wie vor. Sie aufzuschreiben und öffentlich zugänglich zu machen, ist und bleibt meine Leidenschaft.“
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Jürgen Wolter