Selbstbestimmt leben im Alter trotz Einschränkungen - dieses Projekt will dabei helfen

Digitale Helfer

Im Alter möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben - das wünschen sich viele. Digitale Helfer können das ermöglichen, oft wissen Ältere aber zuwenig darüber. Ein Projekt will das ändern.

Recklinghausen

, 15.02.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Selbstbestimmt leben im Alter trotz Einschränkungen - dieses Projekt will dabei helfen

Online-Banking oder E-Mails schreiben: Es ist nie zu spät, sich die digitale Welt zu erschließen. © picture alliance/dpa

Digitale Services und Anwendungen bieten gerade den älteren Generationen große Chancen: Sie können dazu beitragen, dass ältere Menschen so lange wie möglich selbstbestimmt im eigenen Zuhause wohnen können – unabhängig davon, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben.

Haltern ist bereits seit April 2019 Standort des bundesweiten Projekts Digital-Kompass und unterstützt ältere Menschen mit einer Veranstaltungsreihe auf ihrem Weg ins Internet und in die digitale Welt. Es ist ein gemeinsames Projekt der Bundesarbeits­gemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Deutschland sicher im Netz e.V. sowie der Verbraucher-Initiative.

Der Seniorenbeirat koordiniert die Veranstaltungen. In den Räumen der Stadtbücherei und der Volkshochschule können sich Senioren rund um die Themen Internet, IT-Sicherheit und digitale Dienste beraten lassen.

Ein weiteres Projekt, das sich mit Digitalisierung und Alter beschäftigt, ist 2018 im Kreis Recklinghausen gestartet und läuft bis 2021. „Digi-Quartier“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Kreisverwaltung Recklinghausen, dem Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung e.V. (Universität Duisburg-Essen) und dem Institut Arbeit und Technik (Westfälische Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen). Die Institute begleiten das Projekt wissenschaftlich.

Fokus liegt auf der Pflege

Das „Digi-Quartier“ fokussiert sich auf die Pflege, wie Projektleiter Ringo Schoepke-Diekmann erklärt. „Das Leitziel ist: ambulant vor stationär.“

Es basiert auf den Erfahrungen des Quartiernetzes in Gelsenkirchen. „Es wird geschaut, wo sind vor Ort die Netzwerke, wo die Bedarfe? Wie kann man sie generalisieren?“, erläutert der Projektleiter.

Zusammen mit den am Projekt beteiligten Akteuren soll ein digitalisiertes, vernetztes System aus geeigneten technischen und sozialen Neuerungen sowie neuen Dienstleistungsangeboten entwickelt und fest verankert werden. Bereits bestehende ehrenamtliche Treffs wie Repair-Cafés, Technik-Stammtische sollen als Treffpunkte genutzt werden. „Man muss das Ehrenamt einbinden“, sagt Schoepke-Diekmann.

Drei Modellkommunen wurden ausgewählt

Drei Modellkommunen wurden für das kreisweite Projekt ausgewählt, das eher ländlich strukturierte Dorsten-Wulfen, Herten-Innenstadt als sehr städtisches Beispiel sowie Castrop-Rauxel-Habinghorst.

Die Ergebnisse aus den Kommunen sollen am Ende übertragbar sein auf alle kreisangehörigen Städte, sagt Ringo Schoepke-Diekmann. „Die Menschen sollen befähigt werden, mit der digitalen Welt umzugehen.“ In Wulfen ginge es unter anderem darum, weite Wege zurückzulegen, dafür können sich die Bürger zum Beispiel E-Bikes ausleihen.

Gemeinsam mit Fachkräften aus Kommunen und Wohlfahrtsverbänden wurden Geräte angeschafft, die man sich zum Ausprobieren ausleihen kann.

Zurzeit arbeite das Projekt außerdem an einer virtuellen Realität, die die Verwendung von Hilfsmitteln im Haushalt veranschaulichen und praktisch erfahrbar machen soll. Im April 2021 könnte sie online gehen. Eine Zusammenarbeit mit Pflegediensten ist außerdem angedacht. Zurzeit werden auch Exkursionen für Fachkräfte und kommunale Beschäftigte angeboten.

Halterner Seniorenbeirat ist optimistisch

„Es bleibt abzuwarten, ob die Erkenntnisse aus dem Projekt auch in unserer Stadt bei der Quartiersentwicklung hilfreich sein können“, sagt Otto K. Rohde vom Seniorenbeirat der Stadt Haltern. Die Kreisseniorenvertretung (KSV), zu der auch Haltern gehört, sei kurz nach Beginn des Projektes über die Inhalte und Ziele unterrichtet worden, so Rohde weiter. Man habe zudem an Exkursionen teilnehmen können.

Weil man aber schon jetzt auf eine umfängliche Technikdatenbank des Projektes zugreifen könne, sei er hier optimistisch, dass jeder Kommune, die dem Pflege-Leitbild des Kreises Recklinghausen „ambulant vor stationär“ folge, zum Ende des Projekts ein großes Portfolio für die individuelle eigene Umsetzung einer zielgerichteten Quartiersentwicklung zur Verfügung stehen werde, sagte Rohde. „Hinsichtlich der Angebote zur digitalen Weiterbildung für Seniorinnen und Senioren in Haltern am See gibt es sicher noch Luft nach oben.“

Unterstützer für digitalen Stammtisch gesucht

Die digitalen Stammtisch-Treffen, die im Rahmen des Halterner „Digital-Kompass“ angedacht waren, hätte er in 2019 leider nicht in der geplanten Regelmäßigkeit durchführen können, bedauert Rohde. Zielgruppen sind ältere Menschen, die sich im souveränen Umgang mit dem Internet Unterstützung wünschen, und Internetlotsen, die sich weiterbilden möchten.

Hier soll im laufenden Jahr ein neuer Anlauf genommen werden. Dafür sucht Otto K. Rohde noch Unterstützer. Wer Interesse hat, kann sich per Email (otto.rohde@seniorenbeirat-haltern.de) oder Tel. (02364) 94 93 56 bei Otto K. Rohde melden.

Spazierstock mit GPS kann hilfreich sein

Älteren Menschen kann in der Zukunft die Digitalisierung ihres Zuhauses von Nutzen sein. Das vielzitierte Smarthome (Vernetzung von technischen Geräten im Haushalt mittels intelligenter Software zur Verbesserung der Lebensqualität) findet heute schon in vielen Haushalten Anwendung, zum Beispiel bei automatisch gesteuerter Beleuchtung und Heizung. „Eine LED-Leiste am Bett, die auf Bewegung reagiert, kann Stürze verhindern“, erkärt Schoepke-Diekmann. Er nennt als Beispiel einen Spazierstock mit GPS-Signal, mit dessen Hilfe man zum Beispiel einen dementen Angehörigen orten kann, falls dieser sich verlaufen habe. „Der Nebeneffekt ist auch, dass man den Stock immer wieder findet, falls der Besitzer ihn verlegt hat“, sagt der Projektleiter.

Umfrage-Ergebnis

Ältere Menschen haben Nachholbedarf beim Umgang mit dem Internet

Das Meinungsforschungsinstitut Kantar hat im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung eine Bevölkerungsbefragung durchgeführt, um herauszufinden, wie sicher sich die Menschen in Deutschland im Internet und beim Umgang mit Smartphone und Co. fühlen. Insgesamt fühlen sich 63 Prozent der Befragten eher sicher bis sehr sicher im Umgang mit dem Internet. Differenziert nach Altersgruppen zeigt sich ein anderes Bild: Während 79 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sich eher sicher bis sehr sicher fühlen, gilt das nur für 41 Prozent der 60- bis 69-Jährigen. Und bei den über 70-Jährigen fühlt sich nur jeder Dritte (36 Prozent) eher sicher bis sehr sicher im Umgang mit dem Internet. Das heißt, bei den älteren Generationen besteht Nachholbedarf bei den digitalen Kompetenzen.
Lesen Sie jetzt