So hilft ein Unternehmen mit Halterner Wurzeln der Bundesregierung ins Digitale Zeitalter

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Von Haltern aus trat die Babiel GmbH ihren Siegeszug im Digitalzeitalter an. Geschäftsführer Dr. Rainer Babiel (49) informiert über die neuesten Herausforderungen.

Haltern

, 12.10.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die gebürtigen Halterner Georg, Harald und Dr. Rainer Babiel haben die Zeichen des digitalen Zeitalters früh erkannt und die Babiel GmbH, eine Agentur für Online-Kommunikation gegründet. Zunächst arbeitete das Trio von Haltern aus, heute unterhält Babiel Standorte in Düsseldorf, Berlin und Wien. Namhafte Kunden wie der Deutsche Bundestag und Auszeichnungen wie der World Summit Award spiegeln den Erfolg wider.

2010 haben wir zuletzt über Sie und die Babiel GmbH berichtet. Was ist seitdem passiert?

Das Wichtigste ist, dass meine beiden Brüder ausgeschieden sind, nachdem wir die Firma Ende letzten Jahres an das Unternehmen Conet in Hennef verkauft haben. Ich bin an der Muttergesellschaft beteiligt, habe meine Anteile dort eingebracht und bin Geschäftsführer der Babiel GmbH.

Meine Brüder sind mit 60 und 61 Jahren in den Ruhestand gegangen. Babiel selber hat jetzt 120 Mitarbeiter. Wir arbeiten weiter für öffentliche Verwaltungen, bekannteste Kunden sind der Deutsche Bundestag und das Außen- und das Entwicklungshilfeministerium. Für diese bereiten wir gerade auch die EU-Ratspräsidentschaft vor.

Für den Bundestag geht in Kürze ein sogenannter Skill für den Sprachassistenten Alexa online. Dann kann man sich über Alexa alles Wissenswerte über den Bundestag vorlesen lassen oder auch danach suchen. Der andere große Bereich, in dem wir tätig sind, ist das E-Business oder E-Commerce für Anlagen- und Maschinenbauunternehmen. Zu den bekannten gehören Henkel und Jungheinrich (Gabelstapler).

Also ist Babiel jetzt kein Familienunternehmen mehr?

Genau, Babiel gehört jetzt zu einem, wenn auch kleinen, Konzernunternehmen. Ich habe allerdings gemeinsam mit meiner Frau ein neues Unternehmen gegründet. Wir stellen jetzt Haarkosmetik her (lacht).

Für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat Babiel den digitalen Grünen Knopf entwickelt. Wie ist es dazu gekommen?

Die Initiative geht auf die Erfahrungen zurück, die beim Zusammenbruch einer Textilfabrik in Bangladesh mit vielen Toten gemacht wurden. Es gibt ein Basis-Set von Kriterien, die bei der Zertifizierung betrachtet werden.

Sukzessive soll das System strenger werden. Das geht auch auf die Milleniums-Ziele der Vereinten Nationen zurück, von denen manche vielleicht von uns Europäern belächelt werden. Da geht es beispielsweise auch darum, Mitarbeitern Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen.

Als Europäer denkt man daran nicht sofort, aber in Ländern wie Indien oder Bangladesch ist das ein riesiges Problem. Es geht auch darum, dass die Mitarbeiter verpflegt und nicht in einer Form von Sklaverei gehalten werden. Dieses Problem hatten wir beispielsweise in Doha bei den Fußballstadien.

Der Grüne Knopf ist nun zunächst eine Informationsseite. Langfristig sollen die Verbraucher aber auch verfolgen können, wo ihr T-Shirt herkommt. Ziel ist es, die gesamte Kette der Produktion zu dokumentieren.

Der Grüne Knopf

Hinweis für Verbraucher auf einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards

Die Website zum staatlichen Textilsiegel Grüner Knopf hat die Babiel GmbH für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung realisieren. Produkte wie T-Shirts, Bettlaken oder Rucksäcke müssen 26 anspruchsvolle Sozial- und Umweltstandards einhalten – von Abwassergrenzwerten und dem Verbot gefährlicher Chemikalien bis hin zu Mindestlöhnen und dem Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit. Zum Start deckt der Grüne Knopf die beiden wichtigsten Arbeitsschritte „Nähen“ und „Färben“ ab: Hier laufen alle der 100 Milliarden Kleidungsstücke weltweit durch. Hier arbeiten 75 Millionen Menschen. In den kommenden Jahren wird der Grüne Knopf auf weitere Produktionsschritte wie den Baumwollanbau ausgeweitet. Auch die Sozial- und Umweltkriterien werden kontinuierlich weiterentwickelt, zum Beispiel hin zu existenzsichernden Löhnen.

Was verbinden Sie mit der Digitalisierung?

Ich verbinde damit riesige Chancen. Wir sind in Deutschland allerdings immer eher Bestandswahrer, was von der Industrie gefördert wird, weil viele Arbeitsplätze daran hängen. Das ist auch total richtig. Aber ich ärgere mich auch.

Ich weiß noch, dass ich in der 13 am Gymnasium Haltern einen Vortrag über die Wasserstoffforschung von Mercedes und BMW gehalten habe. Damals fuhren sowohl von Mercedes als von BMW Wasserstofffahrzeuge durch Deutschland. Und nun 30 Jahre später sind die beiden Unternehmen so ziemlich die einzigen, die in diesem Bereich nicht mehr tätig sind. Stattdessen graben uns die Japaner und Koreaner das Wasser ab.

Aus meiner Sicht wird nicht früh genug auf neue Technologien oder auch im weitesten Sinn auf Digitalisierung gesetzt. Daran hängt sehr viel. Es wird beispielsweise viele Berufe in Zukunft nicht mehr geben. Aber im Land der Dichter und Denker müssen wir Vorreiter sein.

Im Moment ist allerdings in Sachen Internet-Infrastruktur Rumänien weiter als wir. Das finde ich blamabel. Ganz viele Nationen laufen uns hier den Rang ab.

Wie schwer ist es für Babiel, mit dem Service immer auf der Höhe der Zeit zu sein, um die modernsten Lösungen anbieten zu können?

Da gibt es zwei Ebenen. Einmal müssen wir darauf achten, dass unsere Softwarehersteller am Puls der Zeit bleiben. Das regelt man über Kongresse oder ähnliches. Auf der anderen Seite kann ich sagen, dass ich ziemlich der Älteste in unserem Unternehmen bin. Unser Altersdurchschnitt liegt unter 30. Das sorgt dafür, dass man immer wieder neue Ideen, beispielsweise von der Hochschule miteinbringt.

So ist die Alexa-Geschichte dadurch entstanden, dass sich einer unserer Junior-Projektleiter in seiner Bachelorarbeit mit dem Thema beschäftigt hat. Dann haben wir das dem Bundestag vorgestellt, wo man relativ begeistert war, denn die Verbreitung ist sehr groß. Auf der Website muss man erst surfen, jetzt kann man sich alle Dinge im Dialog erschließen. Man kann fragen, was heute im Bundestag los ist, man kann sich die Termine zeigen oder sich live ins Parlament schalten lassen.

Stichwort Arbeitskräfte: Sie unterstützen einen Fachbereich der Hochschule Düsseldorf. Gibt es genügend geeigneten Nachwuchs?

Man findet nicht genug Fachkräfte, auch nicht die richtigen. Die Preise sind durch Konzerne hoch, wo wir nicht unbedingt mitgehen können. Wir bieten allerdings ein schönes Arbeitsklima und abwechslungsreiche Tätigkeiten. Wir haben schon Fachkräfte an Konkurrenten verloren, aber auch erlebt, dass diese wieder zu uns zurückgekehrt sind. Darüber bin ich sehr glücklich.

Wie sieht der Markt für Unternehmen aus, die sich um Digitalmarketing und E-Commerce kümmern?
Man kann schon beobachten, dass von den Unternehmen, die ungefähr unsere Größe haben, viele gekauft worden sind. Da passiert eine sehr starke Konsolidierung am Markt. Darüber hinaus ist es so, dass die Anlagen- und Maschinenbauer den drohenden Wirtschaftsabschwung sehr früh gespürt haben, weil diese Investitionsgüter herstellen und in diesem Sektor die Nachfrage zurückgegangen ist.

Aber diese Unternehmen sind alle darauf vorbereitet und haben im Vorfeld Kapazitäten heruntergefahren. Für uns ist dabei das Positive, dass sie in die Digitalisierung investieren, um Prozesse zu verschlanken. Deshalb sind wir von dieser Entwicklung vielleicht nicht so stark betroffen wie vielleicht eine Werbeagentur, die keine Prozesse unterstützt, die zum Erfolg beitragen.

In den öffentlichen Verwaltungen dagegen erzielt man vielleicht nicht so hohe Tagessätze wie in der Wirtschaft, dafür hat man aber eine Kontinuität in den Aufträgen. Ein Bundestag beispielsweise kann nicht Pleite gehen. Hier sind wir sicher vor Zahlungsausfällen und Konjunkturdellen.

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