Socken auf dem Tapeziertisch - Hannelore Müller (86) hört nach 50 Jahren Wochenmarkt auf

rnHalterner Wochenmarkt

An einem Tapeziertisch fing alles an. 50 Jahre lang hat Hannelore Müller auf dem Halterner Markt Socken und Bücher verkauft. Nun haben die Marktbeschicker sie verabschiedet.

Haltern

, 12.08.2019, 12:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Irgendwie war der Führerschein vor rund 50 Jahren der Anfang. „Mein Mann hat mich immer geärgert. Sonntags, wenn ich mit den Kindern raus wollte, hat er gesagt: ‚Lass mich liegen, ich will nicht im Stau stehen.‘“, erinnert sich Hannelore Müller im Erdgeschoss des Alten Rathauses und muss ein bisschen schmunzeln. „Dann hab ich den Führerschein gemacht.“

50 Jahre lang ist die Hernerin jeden Dienstag und jeden Freitag mit ihrem Auto zum Halterner Wochenmarkt gefahren, um hier ihre Waren zu verkaufen. Am Freitag haben Marktmeister Andreas Geldmann, die ehemalige Marktmeisterin Monika Feldmann und einige Marktbeschicker Hannelore Müller verabschiedet.

„Von ihm hab ich immer die Knickeier bekommen“

Während Hannelore Müller erzählt, kommen immer wieder Menschen draußen vom Markt zu ihr herein. Wie „Kartoffel-Gerd“ - Gerd Sonder. „Wir sind zusammen alt geworden“, sagt er zu Hannelore Müller, die ihm zunickt. 41 Jahre standen die beiden zusammen auf dem Marktplatz. „Von ihm hab ich immer die Knickeier bekommen“, sagt die 86-Jährige und lächelt.

„Ich wollte mich selbständig machen“, sagt Hannelore Müller. Statt in den Urlaub zu fahren, kauften die Hernerin und ihr Mann damals - Socken. Auf einem acht Meter langen Tapeziertisch brachte Hannelore Müller Socken aus Nottuln und Strumpfhosen aus Dortmund an die Halterner. Bis der Pennymarkt eröffnete. „Da habe ich gedacht, jetzt ist es aus“, erinnert sich die 86-Jährige. „Die hatten billigere Socken, die Leute wollten das. 98 Pfennig haben die gekostet.“ Woraufhin Hannelore Müllers Schwester anfing, gebrauchte Romane mit auf den Verkaufstisch zu legen.

Socken auf dem Tapeziertisch - Hannelore Müller (86) hört nach 50 Jahren Wochenmarkt auf

So richtig aufhören wollte Hannelore Müller eigentlich nicht. 50 Jahre lang hat sie ihre Waren auf dem Wochenmarkt in Haltern verkauft. © Eva-Maria Spiller

Wider erwarten lief das Buchgeschäft gut. „Haben Sie noch mehr?“, hätten die Leute sie gefragt, sagt Hannelore Müller. Neben gebrauchten Zukunftsromanen hat die Hernerin auch Western und Liebesromane verkauft. „Verstecken sie die, da kommt meine Nachbarin“, erinnert sich Susanne Mehlbreuer an eine Kundin am Stand von Hannelore Müller, die schnell ihre Baccara-Heftchen verschwinden ließ. Drei Bücher gab es für einen Euro. Wer sein Buch zurückbrachte, der hat fünf Cent zurückbekommen. Damit nicht aus Versehen dasselbe Buch nocheinmal gekauft wurde, haben die Halterner ihre Initiale in den gelesenen Büchern hinterlassen.

„Ich habe dann so ein Mundwerk bekommen“

„Ich war so ein schüchterner Mensch, das können sich meine Kinder gar nicht vorstellen“, sagt Hannelore Müller. Aber wer auf dem Markt verkaufen wolle, der könne schließlich nicht schüchtern sein. „Ich habe dann so ein Mundwerk bekommen, dass sich mein Mann sogar schon gewundert hat. Da hab ich gesagt: ‚Dann musst du mehr verdienen, dann bleibe ich zu Hause“, sagt die 86-Jährige.

„Wenn sie mal nicht da war, dann haben sie die Leute vermisst“, sagt Susanne Mehlbreuer vom Blumenstand gegenüber. Immer, wenn Hannelore Müller morgens zum Markt mit ihren Büchern anrückte, hat Susanne Mehlbreuer ihr beim Aufbau geholfen. Und wenn die Leute mal nicht da waren - weil sie krank waren oder nicht mehr laufen konnten - dann hat Hannelore Müller die gewünschten Bücher auch mal mit dem Auto bis zu ihren Kunden nach Hause gebracht.

Richtig gerne hört Hannelore Müller nicht auf. „Ich möchte so gerne“, sagt die Hernerin. „Aber als der Markt im Winter wegen des Weihnachtsmarktes auf den Kärntner Platz umgezogen ist, da habe ich gesagt: ‚Da mache ich nicht mehr mit.‘“ Dabei hat die 86-Jährige noch 32 Umzugskisten gebrauchter Bücher zu Hause.

Das Autofahren hat Hannelore Müller aufgegeben. Jetzt, sagt sie, dreht sie mit ihrem Hund im Park vor ihrer Wohnung ihre Runden. Und bringt ihre Urenkel in den Kindergarten. „Ich bin eine Oma, die in die Welt passt und nicht am Fenster sitzt. Ich bin ein zäher Teufel.“

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