Störche fühlen sich in Haltern wohl - Sorgen um eine andere Vogelart

rnStörche in Haltern

Weißstörche fühlen sich in Haltern pudelwohl. Vogelkundler machen sich um sie gar keine Sorgen mehr. Dafür aber um eine andere Vogelart, deren Population sich im Sinkflug befindet.

24.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit Mitte März wird in den Storchennestern Halterns gebrütet: in Lippramsdorf, in Bergbossendorf, in Sythen und in Lavesum. „In Lavesum sind gerade fünf Küken geschlüpft“, berichtet Nils Ribbrock, stellvertretender Geschäftsführer der Biologischen Station Kreis Recklinghausen. Das ist außergewöhnlich, Ribbrock führt das auf starke Mäusejahre zurück.

Eine Kamera überwacht das Nest, deshalb weiß er über die Entwicklung in Lavesum so genau Bescheid. Ob in den anderen Nestern bereits Nachwuchs zur Welt gekommen ist, wisse man erst, wenn die Küken stark genug seien, ihre Köpfe über den Nestrand zu strecken.

Halterns Landschaft bietet gute Nahrung für die Aufzucht

Die Weißstorch-Betreuung läuft in weiten Teilen ehrenamtlich. Beteiligte in Haltern sind Rolf Behlert, Michael Jöbges und Nils Ribbrock. Sie „klappern“ alle Nest-Standorte ab, um die aktuelle Situation der Brut zu verfolgen. Naturfotograf Rolf Behlert aus Sythen hat immer seine Kamera dabei und hält die Vögel in ihren schönsten Posen fest. Michael Jöbges ist Ornithologe beim Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz (Lanuv) und hat seit 1990 die Betreuung der Störche in Nordrhein-Westfalen zu seiner Aufgabe gemacht.

Der Storch hat Nestbaumaterial gefunden und befindet sich im Anflug auf den Horst.

Der Storch hat Nestbaumaterial gefunden und befindet sich im Anflug auf den Horst in Sythen. © Rolf Behlert

Mit den Jahren flogen immer mehr Störche in Haltern ein. Die Heubach-/Mühlenbachniederung und die Lippeaue stellen für die aktuell 17 Brutpaare (2019: 15) besonders attraktive Lebensräume dar. Denn diese Landschaften bieten ihnen ausreichend Nahrung für eine erfolgreiche Aufzucht des Nachwuchses.

Hoch oben im Baumwimpfel des Erholungsparks vom Prickings-Hof hat sich ein Storchenpaar ein Nest gebaut.

Hoch oben im Baumwipfel des Erholungsparks vom Prickings-Hof hat sich ein Storchenpaar ein Nest gebaut. Eine Population wie auf dem Prickings-Hof findet man nur noch in den Zoos Rheine und Münster. © Rolf Behlert

Der Weißstorch wird in NRW aufgrund des deutlichen Populationsanstieges inzwischen in der Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten als ungefährdet geführt. „Die zahlreichen Artenschutzmaßnahmen der letzten 20 Jahre in Deutschland haben erstaunliche Früchte getragen. Diese Renaissance wagten wir uns früher kaum vorzustellen“, freut sich Nils Ribbrock. Als Art, die bei vielen Menschen Begeisterung wecke, stehe der Weißstorch als Sympathieträger seiner Ansicht nach vor einer recht sicheren Zukunft.

Im Kreis Recklinghausen brüten 26 Storchenpaare

Im Kreis Recklinghausen haben 26 Brutpaare Nester besetzt, in den 90er-Jahren waren es in ganz Nordrhein-Westfalen gerade einmal drei. Horste sind in Haltern wie im Hervester Bruch, in Deuten, Rhade, Waltrop und Ahsen besetzt. Bemerkenswert ist die Ansammlung von Störchen auf dem Prickings-Hof in Sythen, sagt Ribbrock. Hier brüten 14 Paare ihren Nachwuchs aus, zwei mehr als noch im vergangenen Jahr. Dass Störche auf so eng nebeneinander brüten, ist nur noch im Zoo Rheine und in Münster zu beobachten.

Dieses Storchenpaar baute seinen Horst direkt über der Voliere der Hausstörche vom Prickings-Hof.

Dieses Storchenpaar baute seinen Horst direkt über der Voliere der Hausstörche vom Prickings-Hof. © Rolf Behlert

Mittlerweile sieht der Landschaftsökologe mit Blick auf die Nahrungsversorgung eine Grenze bezüglich der Storch-Quartiere erreicht. Denn ein Storch beansprucht einen großen Lebensraum. Mittlerweile sei der Druck so groß, dass sich Paare schon in weniger optimalen Gegenden ihr Sommerlager einrichteten.

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Der Storch mag vernässte Niederungen, wo er Frösche, Regenwürmer und Käfer findet oder auch seine Lieblingsspeise: Mäuse. Ribbrock: „Grundsätzlich ist der Storch ein Gelegenheitsjäger. Alles was ihm vor den Schnabel springt, wird erbeutet.“ Das können auch mal ein Kaninchen-Baby oder ein kleiner Fasan sein.

Der Kiebitz nistet auf der Baustelle an der Lippe

Für eine andere Vogelart sieht die Lebenslage ganz anders aus. Nils Ribbrock: „Aktuell benötigt der Kiebitz, dessen Population sich in einem steilen Sinkflug befindet, viel mehr unsere Aufmerksamkeit.“ Im Jahr 2003 gab es beispielsweise im Sythener Brook, in der Heubachniederung, in Westrup, in der Lippramsdorfer Lippeaue oder in Hullern noch starke Kolonien. Mit den Jahren schrumpften sie auf drei, ein Refugium für den Kiebitz ist vorübergehend die Lippe-Deichbaustelle in Lippramsdorf-Mersch.

Der Kiebitz ist bedroht. Er findet kaum noch Brutplätze und Nahrung.

Der Kiebitz ist bedroht. In Haltern gibt es nur noch drei Kolonien. Rolf Behlert hat mit Helfern und Landwirt Döpper im Sythener Brook auf einer Ackerfläche ein Kiebitzgelege gefunden, mit Pflöcken gekennzeichnet und mit Zustimmung des Landwirtes von der Beackerung verschont. Der Schüler Jannik Peters hat mit großer Begeisterung mitgewirkt. © Rolf Behlert

„Der Kiebitz braucht weite Flächen ohne Hindernisse, damit er alles im Blick hat. Große Grünflächen sind gute Plätze zum Brüten“, erläutert Nils Ribbrock. Aber durch ungünstige Bewirtschaftungs-Rhythmen in der Landwirtschaft verliere er zunehmend seine Brutplätze.

Rettungsprogramme des Landes

INSELN UND BLÜHSTREIFEN FÜR DEN KIEBITZ

Um die Bestände des Kiebitz wieder zu beleben, gibt es Förderprogramme mit unterschiedlichen Laufzeiten für die Landwirtschaft. So kann durch das Aussparen der Gelege bei der Bodenbearbeitung der Bruterfolg deutlich verbessert werden. Empfehlenswert sind bearbeitungsfreie Schonzeiten etwa von Ende März bis Mitte Mai, ebenso die Anlage insektenreicher Strukturen wie Blühstreifen oder selbstbegrünende Ackerbrachen, die geschlüpften Küken Nahrung und Deckungsmöglichkeiten bieten. Nils Ribbrock und sein Team von der Biologischen Station informieren gerne: Tel. (02369) 77505 oder per E-Mail: ribbrock.biostation-re@t-online.de

Außerdem finde der Vogel kaum noch Nahrung (Insekten), weil die Artenvielfalt an den Ackerrainen abnehme.

Mit Förderprogrammen dem Kiebitz helfen

Das Land hat kurz- und langfristige Förderprogramme aufgelegt, die Landwirte in Anspruch nehmen können. Gegen eine Entschädigung werden diese zum Beispiel gebeten, Teile der Ackerfläche als Brachen für den Kiebitz zu lassen.

Nils Ribbrock schwärmt vom Kiebitz, der auch als Frühlingsbote gilt: „Es gibt kaum einen schöneren Vogel, seine Lautäußerungen gehen zu Herzen, seine Gaukel- und Sturzflüge sind einfach schön zu beobachten.“ Der Kiebitz sei ein Stück Heimat.

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