Die Aufräumarbeiten an der Unglücksstelle gehen weiter. © Guido Bludau
Eingestürztes Windrad

Streit um Prüf-Intervall: Wie sicher war das Halterner Windrad?

Nach dem Einsturz eines Windrads in Lippramsdorf stellt sich die Frage, wie sicher Windenergieanlagen eigentlich sind. Reichen die gängigen Kontrollen? Gibt es Havariepläne?

Windräder werden zunehmend im Wald gebaut, aber auch in der Nähe von Wohnhäusern sind sie oft zu finden. Nach Havarien stellt sich schnell die Frage, wie sicher Windenergieanlagen (WEA) eigentlich sind. In Lippramsdorf war am 29. September ein Windrad bis auf 40 Meter eingestürzt.

Wie der Bundesverband Windenergie (BWE) in Berlin auf Anfrage mitteilt, habe es seit 2005 bundesweit bislang sieben Fälle von umgeknickten Anlagen gegeben – Haltern eingeschlossen. Einen Anspruch auf Vollständigkeit der hauseigenen Statistik will Sprecher Frank Grüneisen aber nicht erheben. Eine offizielle Statistik zu Schäden an Windenergieanlagen gibt es nicht.

„Havarien dieser Art sind eine absolute Ausnahme“

„Angesichts von 29.715 Windenergieanlagen in Deutschland stellen diese Art von Havarien die absolute Ausnahme dar“, betont Grüneisen. Die BWE-Statistik führt zudem bundesweit 34 Fälle auf, in denen Rotorblätter, Rotorteile oder die gesamte Gondel abstürzten. Darunter dürfte auch ein weiterer Windrad-Unfall in Haltern gelistet sein. Bereits im April 2020 war das Rotorblatt eines Windrads an der B58 vom Wind zerfetzt worden.

Die Gondel hatte sich zwei Meter tief in den Boden gebohrt.
Die Gondel hatte sich zwei Meter tief in den Boden gebohrt. © Bludau Foto © Bludau Foto

Seit 2005 hat der BWE 118 Schadensereignisse an WEA gezählt. Am häufigsten kommen demnach Brände (58) vor. Deren Ursachen seien aber nur zum Teil erfasst worden, darunter Blitzeinschläge (7), menschliches Fehlverhalten (3), technische Schäden (1), Schwelbrand (1) oder Kupferdiebstahl (1).

In Nordrhein-Westfalen gab es seit 2005 13 Schadensfälle. Dabei seien am Stichtag 30. Juni 2021 insgesamt 3.845 Windenergieanlagen installiert gewesen.

Zur Ursache für die Havarie in Haltern wollte sich Frank Grüneisen nicht äußern. „Für den aktuellen Schaden können wir keine Einschätzung treffen“, sagt er. Hier werde es umfangreiche Untersuchungen der Versicherer geben.

TÜV fordert Prüfungen nach Betriebssicherheitsverordnung

Der TÜV-Verband fordert unterdessen „eine Aufnahme dieser Anlagen in den Regelungsbereich der Betriebssicherheitsverordnung“. Dadurch müsste jedes Windrad mindestens alle zwei Jahre nach verbindlichen bundeseinheitlichen Vorgaben von qualifizierten und unabhängigen Sachverständigen überprüft werden. Denn „Schäden an Windrädern gefährden immer wieder Mensch und Umwelt“, so der TÜV.

Am Tag nach dem Einsturz des Windrades an der Unglücksstelle.
Am Tag nach dem Einsturz des Windrades an der Unglücksstelle. © Guido Bludau © Guido Bludau

Nach 2004 gebaute Windanlagen müssen alle zwei Jahre überprüft werden. Betreiber können den Zeitraum allerdings auf vier Jahre verlängern, wenn die Anlage mindestens jährlich gewartet wird. „In der Praxis führt das dazu, dass die Sicherheit der neueren Windräder nur alle vier Jahre von unabhängiger Seite überprüft wird. Dieser Zeitraum ist eindeutig zu lang“, erklärt der TÜV-Verband.

„Wirtschaftlich begründete Forderungen“ des TÜV

Beim BWE stößt der TÜV auf taube Ohren. „Die Forderungen, die der TÜV regelmäßig wiederholt, sind wirtschaftlich begründet“, kontert Grüneisen. Der Verband wolle sich lediglich Aufträge sichern. Die Praxis der Prüfungen durch unabhängige Sachverständige und zugelassene Überwachungsstellen habe sich dagegen bewährt. Grüneisen: „Die Abstände und Intervalle sind ausreichend.“ Durch Digitalisierung, den Einsatz von künstlicher Intelligenz und die Fernüberwachung der Anlagen sei eine permanente Überwachung der Windräder gewährleistet.

Engmaschige Überprüfung des jetzt havarierten Windrads

Auf Anfrage informierte der Hersteller des havarierten Windrads, die Firma Nordex aus Hamburg, über die Wartungsintervalle am ehemaligen Schachtgelände AV 9. Der Kunde, also die Stadtwerke und RAG Montan Immobilien, habe mit der Nordex Group einen Premium-Wartungsvertrag abgeschlossen, hieß es. Dieser umfasse einmal im Jahr eine umfangreiche Wartung der Anlage.

„Die Wartung umfasst unter anderem die Wartung des Fernüberwachungssystems, die Komplettkontrolle aller Komponenten, die zustandsorientierte Rotorblattwartung, die Kontrolle der Ölstände, Entnahme von Ölproben, Schmierdienst sowie die Überprüfung aller Systeme der Anlage, die den sicheren Betrieb gewährleisten, einschließlich der Sichtprüfung der Blitzschutzeinrichtung und Erdungseinrichtungen“, führte Nordex-Sprecher Felix Losada Losada aus.

Prinzipiell werde bei jeder Wartung fast jedes Element der Anlage angesehen. „Auch die Turmelemente und deren Anbauteile werden hierbei umfänglich kontrolliert.“ Die Kontrolle der Rotorblätter erfolge ebenfalls im ersten, dritten und fünften Jahr unter anderem mit Drohneninspektionen oder bei Bedarf „aus dem Seil“.

Zudem habe der Betreiber Nordex auch mit der „ZÜS Prüfung der Befahranlage“ beauftragt. Diese werde beispielweise durch den TÜV, die Dekra oder GÜS durchgeführt und von Nordex begleitet. Zusätzlich seien regelmäßige vorgeschriebene Kontrollen, wie beispielsweise alle vier Jahre die wiederkehrende Prüfung der Anlage, durchzuführen.

Feuerwehr: „Wir sind gut aufgestellt“

Was aber passiert, wenn es trotzdem – wie nun in Haltern – zur Havarie kommt? Liegen spezielle Havarie-Pläne bereit? „Allumfassend gibt es keine Notfallpläne“, erklärt Werner Schulte, Leiter der hauptamtlichen Feuerwache in Haltern. Dort liegen allerdings Einsatzpläne für den Fall eines Brandes oder bei einer erforderlichen Höhenrettung, wenn Personen in Turm oder Gondel verletzt sind, bereit. Darin sind detaillierte Angaben zu jedem einzelnen Windrad in Haltern, beispielsweise zu Nabenhöhe, Betriebsmitteln sowie zum Betreiber und Hersteller (einschließlich Telefonnummern) aufgeführt.

Laut Werner Schulte werden im Fall eines Windrad-Brandes das Gebiet und auch Straßen großflächig abgesperrt. „Die Sperrpunkte sind schon festgelegt“, sagt Schulte. In einem solchen Fall werde der Turm aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten. Auch das Löschen einer Gondel ist aufgrund der gewaltigen Höhe nicht möglich.

Anders sehe es bei einer Höhenrettung aus, wenn sich Verletzte in der Gondel oder im Turm befinden. „Wir führen regelmäßig Begehungen und Übungen an den Windrädern durch“, sagt Schulte. Alle Feuerwehren des Kreises verfügten über Höhenretter. Diese würden dann zusammengezogen, ein Polizeihubschrauber komme dann ebenfalls zum Einsatz. „Wir haben einen Alarmplan für jedes Windrad“, sagt Schulte. „Wir sind gut aufgestellt.“

Beim Kreis gibt es einen Umweltalarmplan

Auch beim Kreis gibt es keinen Havarieplan. „Es gibt natürlich Mechanismen, die umgehend in Gang gesetzt werden, wenn Gefahr für die Umwelt droht“, weiß Sprecherin Lena Heimers. So sehe der Umweltalarmplan zum Beispiel eine ständige Rufbereitschaft für entsprechende Unfälle vor. Meistens sei es die Feuerwehr, die den Kreis dann alarmiere. So war es auch am 29. September. Heimers: „Mitarbeiter des Wasserschutzbehörde waren noch am selben Abend an dem eingestürzten Windrad.“

So sieht es derzeit an der Unglücksstelle aus

  • Die Teile des eingestürzten Windrads werden derzeit noch immer abtransportiert. Wie der Hersteller Nordex in Hamurg jetzt auf Anfrage erklärte, müssten aber einzelne Teile noch für die Ursachenforschung vor Ort verbleiben. „Die Baustelle ist noch nicht vollständig geräumt, weil die Sichtung der Teile vor Ort durch verschiedene Gutachter sowie die Absprachen mit Behörden Zeit in Anspruch nimmt“, teilte eine Sprecherin des Unternehmens mit.
  • Dennoch seien die Aufräumarbeiten weit fortgeschritten. Der Abschluss der Ursachenanalyse werde aber voraussichtlich noch weitere Wochen in Anspruch nehmen.
  • Um eine Verschmutzung des Untergrunds durch ausgelaufene Öle und Kühlflüssigkeiten einzudämmen, wird der Bereich des abgestürzten Maschinenhauses unter gutachterlicher Begleitung soweit ausgekoffert, bis sichergestellt ist, dass keine Öle, Fette und/oder Kühlflüssigkeiten mehr im Boden vorhanden sind. „Mit der Auskofferung ist bereits begonnen worden“, ließ Nordex wissen.
Über die Autorin
Redaktion Haltern
Geboren in Dülmen, Journalistin, seit 1992 im Medienhaus Lensing - von Münster (Münstersche Zeitung) über Dortmund (Mantelredaktion Ruhr Nachrichten) nach Haltern am See. Diplom-Pädagogin und überzeugte Münsterländerin. Begeistert sich für die Menschen und das Geschehen vor Ort.
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Ingrid Wielens

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