Sythen: Geschätzt für die Lebensqualität, aber Sorgen um das Dorfbild

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Gute Verkehrsanbindung und Nahversorgung mitten im Grün - Sythen ist ein Ort mit hoher Lebensqualität. Durch schnelles Wachstum sieht mancher allerdings das alte Dorfbild gefährdet.

Sythen

, 19.03.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist ein sonniger Nachmittag und auf dem Spielplatz im Dorfkern von Sythen herrscht Hochbetrieb. Auffallend viele junge Väter sind dabei, wenn ihre Kids im Sand toben oder die Spielgeräte erkunden. Das alte Dorf, das urkundlich im Jahr 758 erstmals erwähnt wurde, ist voller Leben.

Auch Lara (3) und ihre Mutter Julia Brieden-Zeglin (37) nutzen das schöne Wetter. Auf der Rutsche hat die Kleine bereits eine neue Freundin gefunden.

„Das ist das Schöne an Sythen, du findest immer jemanden zum Spielen und du hast das Grün direkt vor deiner Tür“, sagt Julia Brieden-Zeglin und nennt damit einen Grund, warum der Ortsteil gerade bei jungen Familien so beliebt ist. „Eine bessere Lebensqualität kannst du im Ruhrgebiet nicht finden“, fügt sie hinzu.

Sythen: Geschätzt für die Lebensqualität, aber Sorgen um das Dorfbild

Die Mühle steht in Sythen für Tradition und Heimatgefühl. © (Archiv) Holger Steffe

Dieses persönliche Urteil wird durch die Ergebnisse unseres Ortsteil-Checks bestätigt. „Sythen ist super“, lautet der Slogan zufriedener Bewohner, der als Anmerkung mehrfach genannt wird. Nur in der Kategorie Gastronomie wird Sythen schlechter bewertet als der Median, der für ganz Haltern ermittelt wurde.

„Wir sind hier so glücklich. Wir haben die besten Nachbarn, die man sich wünschen kann. Alle haben Kinder in Laras Alter. Wir machen sehr viel zusammen, sogar Gartenhopping.“ So umschreibt Julia Brieden-Zeglin das Lebensgefühl in Sythen. Früher hat die Lehrerin mit ihrem Mann René Zeglin, von Beruf Informatiker, in Essen gewohnt. Seit 2013 lebt das Paar im Neubaugebiet Elterbreischlag (östlicher Teil/ehemaliger Seuchengarten).

Und so hat ein Teilnehmer des Ortsteil-Checks im Alter zwischen 35 und 50 Jahren sein Urteil über das geschichtsträchtige Dorf zusammengefasst: „Sythen ist ein tolles Beispiel für geglückte Stadtentwicklung durch Ausweis von Neubaugebieten, Wiederbelebung der Nahversorgung am Dorfplatz und Bürgerengagement am Schloss und Schwimmbad. Was vor 20 Jahren ein langweiliges und ‚altes‘ Dorf war, ist heute ein junger und lebhafter Vorzeigestadtteil am grünen Rand des größten Ballungsraumes im Zentrum Europas.“

Das wurde noch positiv bewertet:

Verkehrsanbindung: In dieser Kategorie vergeben die insgesamt 467 Teilnehmer aus Sythen 10 Punkte. Kein Wunder, denn Sythen liegt nicht nur nah am Autobahnanschluss Lavesum (A 43), sondern verfügt auch über einen eigenen Bahnhof. Ziele Richtung Norden wie Münster oder in den Süden im Ruhrgebiet sind gut zu erreichen.

Auch für das Ehepaar Brieden-Zeglin spielt diese Verkehrsanbindung eine Rolle. Die Lehrerin ist an einer Schule im Dorstener Ortsteil Barkenberg beschäftigt, die sie per Auto erreicht. Ihr Mann fährt mit der Bahn zu seinem Arbeitsplatz in Essen.

Weniger gut schneiden bei den Sythenern allerdings der öffentliche Nahverkehr (zu wenige Busse) und der Zustand des Bahnhofs sowie die fehlende Bahnunterführung ab.

Sythen: Geschätzt für die Lebensqualität, aber Sorgen um das Dorfbild

Neben der Kirche im Ortskern wurde ein neuer Kindergarten gebaut. © Hans Blossey

Nahversorgung: Auch mit diesem Angebot sind die Teilnehmer des Ortsteilchecks zufrieden (10 Punkte). Bei zwei großen Lebensmittelmärkten, Hausärzten, Zahnärzten, einer Grundschule, vier Kindergartenstandorten sowie einem Altenheim bleiben nur wenige Wünsche offen. Zahlreiche Vereine sorgen darüber hinaus dafür, dass Sythen kein ödes Schlafdorf ist. Es gibt einige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und der Begegnung.

Julia Brieden-Zeglin engagiert sich in der Marketingabteilung des Vereins Freibad Sythen. „Das Freibad ist für uns ein zusätzliches Bonbon“, sagt die Neubürgerin. Als Familienfrau schätzt sie die Einkaufsmöglichkeiten vor Ort.

Grünflächen: Wie schon erwähnt ist die grüne Umgebung das große Plus von Sythen. Auch hier werden volle 10 Punkte vergeben. Mit dem Silbersee hat der Ortsteil sogar ein touristisches Ziel zu bieten, das weit über die Region bekannt ist und vor allem für seinen wunderschönen Sandstrand beliebt ist.

Das wurde negativ bewertet:

Wohnen: Bezahlbarer Wohnraum ist wie überall in Haltern auch in Sythen knapp. Deshalb wird in dieser Kategorie nur ein Wert von 5 Punkten erreicht. Auch Familie Brieden-Zeglin hat ihre Erfahrungen mit den Grundstückspreisen in Sythen gemacht. Seitdem sie ihr Grundstück im Jahr 2012 erworben hat, sind die Preise noch weiter angestiegen.

Sythen: Geschätzt für die Lebensqualität, aber Sorgen um das Dorfbild

© Verena Hasken

Angebote für Jugendliche: Weniger zufrieden sind die Sythener mit dem Angebot für Jugendliche in ihrem Dorf (nur 5 Punkte). Auch in den erläuternden Anmerkungen wird diese Kritik geäußert. Tatsächlich gibt es keinen Treffpunkt für diese Zielgruppe. Die jungen Leute müssen sich einem Verein anschließen oder privat zusammenkommen.

Gastronomie: Auch hier könnte das Angebot besser sein, finden die Teilnehmer des Ortsteilschecks (ebenfalls nur 5 Punkte). Um 1980 gab es 17 Restaurants und Kneipen in Sythen, heute sind es nur noch sechs (Treibsand, Prickingshof, Zum Freibad, Pfeiffer, Lohfs olle Hüsken, Alter Garten). Ende 2018 wurde der Lindenhof im Dorfkern aufgegeben, was von vielen Sythenern bedauert wird.

Das macht den Sythenern Sorgen

Mancher Sythener wünscht sich, dass der Dorfcharakter erhalten bleibt. Es wird befürchtet, dass zu schnelles Wachstum das Gesicht des Ortsteils negativ verändern könnte. Gemeint sind damit auch größere Mehrfamilienhäuser, die im Zuge der Innenverdichtung am Standort von älteren Gebäuden errichtet werden.

Sythen: Geschätzt für die Lebensqualität, aber Sorgen um das Dorfbild

Der unverwechselbare Charakter des alten Dorfes Sythen sollte erhalten und bei der Planung neuer Häuser berücksichtigt werden. © Elisabeth Schrief

Vor einigen Jahren wurde diese Diskussion bereits öffentlich geführt, als die Gaststätte „Alte Post“ an der Dorfstraße einem modernen Hauskomplex weichen musste. 2013 wurde deshalb von der Politik der Feststellungsbeschluss für einen Bebauungsplan „Altes Dorf Sythen“ verabschiedet.

Seitdem aber ist nicht viel mehr passiert, wie jetzt eine Nachfrage im Rathaus ergab. Am B-Plan „Altes Dorf Sythen“ werde nicht gearbeitet, weil dafür keine Notwendigkeit gesehen werde. Er steht nicht mehr auf der Prioritätenliste des Bauamtes.

DAS BILDARCHIV DES LANDSCHAFTSVERBANDS WESTFALEN-LIPPE

KULTURGESCHICHTE UND LANDESKUNDE IM FOKUS

Das historische Foto wurde uns vom Bildarchiv des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe zur Verfügung gestellt. Dieses sammelt und sichert historische Bildbestände zur Kulturgeschichte und Landeskunde Westfalens. Über 400.000 Bilder von 1850 bis heute und 3000 Luftbilder veranschaulichen Vergangenheit und Gegenwart Westfalens. Die Bestände werden in der Online-Bilddatenbank zugänglich gemacht. Analoge und digitale Bildreproduktionen sind per Download, E-Mail oder Post (Rechnung per Post) zu bekommen. www.bildarchiv-westfalen.lwl.org

Wie Julia Brieden-Zeglin sorgen sich viele Sythener, dass nach dem bereits geplanten Abriss des ehemaligen Lindenhofs am Kreisverkehr dort ebenfalls ein moderner Zweckbau entstehen könnte. Im Halterner Bauamt wurde noch kein Bauantrag eingereicht. Da der Standort zum Bebauungsplan Dorfmitte Sythen gehöre, werde ein Gebäude den darin enthaltenen Festsetzungen entsprechen müssen. Deshalb sei eine Überdimensionierung aus Sicht der Verwaltung nicht zu erwarten.

„Als wir nach Sythen gezogen sind, war uns das Dorfbild wichtig“, fordert Julia Brieden-Zeglin eine maßvolle Bebauung.

Verkehrslärm sorgt für Frust

Frust ruft der Verkehrslärm bei den betroffenen Sythenern hervor, die in der Nähe von Münster- und Sythener Straße wohnen. Es wurde zwar bereits neuer Asphalt aufgebracht, der für mehr Ruhe sorgen soll. Aber nicht alle Betroffenen sind mit den Ergebnissen zufrieden.

„Die Motorräder auf der Sythener Straße sind für Anwohner bei gutem Wetter unerträglich“, schreibt der Teilnehmer dieses Ortsteils-Checks im Alter zwischen 35 und 50 Jahren.

Familie Brieden-Zeglin wohnt zum Glück nicht in der ersten Reihe zur Sythener Straße, aber manchmal ist auch in ihrem Garten der Lärm störend. „Die sind zu laut“, sagt Tochter Lara (3) dann über das Donnern der Motorräder.

Weitere Projekte, um den Lärm zu reduzieren, sind derzeit allerdings nicht geplant, hat das Landesamt Straßen.NRW mitgeteilt. Die Halterner Politik wird das Thema weiter beschäftigen, aktuell aufgrund eines Antrags der SPD-Fraktion. Sie setzt sich für zielgenaue Messungen im Bereich der L 652 vom Drügen Pütt bis zur Kreuzung Stockwieser Damm ein.

Mit der Einwohnerzahl muss auch die Infrastruktur wachsen

Fehlende Plätze in der Kinderbetreuung werden ebenfalls in den Erläuterungen zum Ortsteil-Check erwähnt. Auch Julia Brieden-Zeglin musste warten, bis sie einen Kindergartenplatz für Lara ergatterte. Sie hat ihn im Sommer 2018 im Josephkindergarten bekommen.

Wenn es um einen Platz in der Offenen Ganztagsgrundschule gehen wird, könnte die große Nachfrage für die Kinderbetreuung in Sythen der Familie wieder Probleme bereiten.

Alle Ergebnisse unseres Ortsteil-Checks in unserer Übersichtskarte

Erste Erwähnung im Jahr 758

Ritter und Adel prägten viele Jahrhunderte das Dorfgeschehen

  • Die Geschichte des Dorfes ist eng mit dem Haus Sythen verknüpft, das viele Jahrhunderte hindurch eine Wasserburg war.
  • Das heutige Kapellen-Gebäude, erbaut um 1330 mit Mauerresten historischer Anbauten, stellte die Hauptburg dar. Der heutige Eingangsbereich mit dem mächtigen Tor war Teil der Vorburg. Hervorgegangen ist diese wehrhafte Anlage aus einer germanischen Wallburg.
  • Dieser Ansiedlungsbereich findet in einer Urkunde aus dem Jahre 758 als „Sitina“ erste Erwähnung und soll in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Sachsen und Franken eine strategische Rolle gespielt haben.
  • Der erste Bischof von Münster, der heilige Liudger, wurde 805 für seine Christianisierungserfolge von Karl dem Großen mit großem Besitz ausgestattet, u.a. auch mit der Burg Sythen.

    Sythen: Geschätzt für die Lebensqualität, aber Sorgen um das Dorfbild

    Ehemaliges Wasserschloss Haus Sythen (Kinderheim): Hofseite des spätklassizistisches Herrenhauses mit Blick durch den Torhausbogen © LWL-Medienzentrum für Westfalen

  • Die gemeindliche Entwicklung des heutigen Sythen wurde durch die Jahrhunderte von verschiedenen Rittern und Adelsgeschlechtern bestimmt.
  • 1975 erfolgte die Eingemeindung zur Stadt Haltern. Durch seine verkehrsgünstige Lage ist Sythen ein Zuzugsort für Familien aus dem Ruhrgebiet.
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