Verunreinigtes Glukosemittel - Müssen sich die Halterner Sorgen machen?

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Zwei Menschen sind nach der Einnahme eines verunreinigten Glukosemittels gestorben. „Müssen wir uns alle Sorgen machen?“, fragten wir Dr. Hannes Müller, Vorstand der Bundesapothekerkammer.

Haltern

, 10.10.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der tragische Fall in Köln, bei dem eine Schwangere und ihr ungeborenes Kind nach der Einnahme von verunreinigtem Glukosemittel verstarben, hat ganz Deutschland geschockt. Das Aufsehen ist auch deshalb so groß, weil Apotheken täglich Rezepturen herstellen und Arzneimittel abfüllen.

Allein in NRW werden jährlich um die 1,5 Millionen Individualrezepturen in Apotheken angemischt. Müssen wir alle Angst haben, dass ihre Qualität nicht stimmt? Diese Sorge sei absolut unbegründet, erklärt Dr. Hannes Müller, Vorstandsmitglied der Bundesapothekerkammer und Filialleiter der Römer-Apotheke in Haltern und fügt hinzu. „Aus pharmazeutischer Sicht kann ich mir nicht erklären, wie es zu der Verunreinigung kommen konnte.“

Die Auflagen für die Herstellung von Rezepturen seien extrem hoch.

Verunreinigtes Glukosemittel - Müssen sich die Halterner Sorgen machen?

Im „Europäisches Arzneibuch“ steht alles über Arzneistoffe, Arzneiformen und Analysemethoden. Früher gab es nur die gedruckte Form, heute steht eine DVD zur Verfügung. © Silvia Wiethoff

Um seine Aussage zu untermauern, holt der 32-Jährige in seinem Büro die Apothekenbetriebsordnung hervor, das ist sozusagen die „Bibel der Apotheker“. Darin wird auch die Anfertigung von Rezepturen und das Abfüllen von Arzneistoffen festgeschrieben.

Verunreinigtes Glukosemittel - Müssen sich die Halterner Sorgen machen?

Über jede Rezeptur, die in einer Apotheke angefertigt wird, muss eine Dokumentation hinterlegt werden. © Silvia Wiethoff

Im Zentrum steht die Dokumentation über jede Rezeptur, zu deren Herstellung die Apotheker verpflichtet sind. In ihr müssen die Plausibilitätsprüfung (Dosierung, Applikationsart, Art, Menge und Kompatibilität der Ausgangsstoffe untereinander etc.), die Herstellungsanweisung und das -protokoll schriftlich hinterlegt werden. Mindestens fünf Jahre sind diese Angaben aufzubewahren. Bei Hannes Müller befinden sie sich in dicken Aktenordnern im Keller. „Das ist ein fürchterlicher Papieraufwand“, sagt der Apotheker.

Individualrezepturen

Ein Zuschussgeschäft für den Apotheker

Deutsche Apotheken sind im Gegensatz zu den ausländischen Versandunternehmen dazu verpflichtet, individuelle Rezepturen herzustellen. Für die Apotheker sei es ein Zuschussgeschäft, sagt Dr. Hannes Müller, Vorstandsmitglied der Bundesapothekerkammer. Dafür nennt er ein Beispiel: In der Halterner Römer-Apotheke hat er ein Salbenpräparat für eine entzündliche Hauterkrankung hergestellt. Dafür benötigte er mehr als zwei Stunden, denn für eine der vorgesehenen enthaltenen Substanzen musste er nach Ersatz recherchieren, um die gesamte Rezeptur ausreichend stabil und haltbar zu machen. Die Änderung konnte er erst nach zweimaliger Rücksprache mit dem verschreibenden Arzt vornehmen. Die Rechnung für die Rezeptur betrug 28 Euro.

Ein bis zwei individuelle Rezepturen werden in der Halterner Römer-Apotheke jeden Tag hergestellt. In den meisten Fällen handelt es sich um Cremes oder Salben, die für Menschen mit Hauterkrankungen bestimmt sind. Hannes Müller und sein Team fertigen aber auch Kapseln für ein Kind mit chronischer Erkrankung an, das täglich eine sehr niedrige Menge Penicillin einnehmen muss.

Auch das Glukosemittel, das in Köln zum Einsatz kam, gibt die Römer-Apotheke an eine Gynäkologische Arztpraxis in Haltern regelmäßig ab. Es wird nicht angemischt, sondern aus einem fünf Kilogramm-Behälter abgefüllt. In Köln war nach den bisherigen Ermittlungen der betreffende Behälter verseucht.

Es werden nur zertifizierte Arzneimittel eingesetzt

Für Hannes Müller steht fest, dass die Verunreinigung nicht zufällig beim Hersteller in den Eimer gelangen konnte. Schließlich würden ausschließlich zertifizierte Ausgangsstoffe nachgewiesener Reinheit in den Apotheken verwendet. Darüber hinaus müsse vor der Verwendung die Identität jedes Ausgangsstoffes geprüft werden.

Der Kölner Ermittlungsstand weist nach, dass die betreffende Charge, die den Hersteller verlassen hat, unbelastet war.

Aus seiner Sicht ist das Sicherheitslevel ausreichend, das die Herstellung von Rezepturen und Abgabe von Arzneistoffen regelt. „Allerdings“, räumt er ein, „können überall dort, wo Menschen beteiligt sind, trotz höchster Qualitätsstandards Fehler passieren.“

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