Das Haus in der Goldstraße, duckt sich wie eine graue Maus hinter das Alte Rathaus. Seine Tage sind nun angezählt. Dabei hat es als altes Gefängnis eine fesselnde Geschichte zu erzählen.

Haltern

, 29.12.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Norbert Neufeld legt Fotoalben und Akten auf den Esszimmertisch in seinem schmucken Fachwerkhäuschen auf der Lippmauer. Wie häufiger mal blättert er durch die Seiten, die voller Halterner Geschichte und Geschichten stecken und viel von seinen Ahnen erzählen. In seinem Rücken steht die Tür zu einem kleinen Arbeitszimmer offen, der Blick fällt auf einen alten, schweren Schreibtisch. Es ist der Schreibtisch von Norbert Neufelds Großvater, dem Gendameriemeister Wilhelm Neufeld. Daran hat er unter anderem Buch über die Häftlinge Halterns geführt.

Vier Zellen für Landstreicher und Wegelagerer - Ein Besuch im alten Halterner Gefängnis

Die Lage des Hauses ist prominent. Es liegt im Schatten des Alten Rathauses. © Elisabeth Schrief

Dienst- und Wohnsitz hatte der Polizeibeamte in der Goldstraße. Dort steht ein Haus, das ein Schattendasein hinter dem historischen Alten Rathaus führt und mehr und mehr verfällt, Anfang des Jahres wird es ebenso wie die beiden kleinen Nachbarhäuser abgerissen und - so ist der Plan - durch zwei Neubauten mit zwölf Wohneinheiten ersetzt. Die Stadt hat das Haus verkauft, in dem einst Halterns Polizeistation samt vier Gefängniszellen untergebracht waren. Im Keller saßen beispielsweise Wegelagerer und Diebe ein und Halterner, die schwarz geschlachtet hatten. Einmal beschwerten sich Gefangene über „unglaubliche Zustände“.

Zum Inventar gehörten vier Bettstellen und ein Nachtstuhl

Das Haus in der Goldstraße wurde vermutlich 1906 gebaut. Stadtarchivar Gregor Husmann fand dazu folgende Aufzeichnungen: Am 11. Dezember 1906 wird ein Mietvertrag zwischen dem Amt Haltern (vertreten durch den Ehrenamtmann Graf von und zu Westerholt & Gysenberg) und der Stadt Haltern (vertreten durch Bürgermeister Homann) über vier Gefängniszellen samt Inventar geschlossen. Für die Benutzung der Polizeigefängnisse zahlt die Stadt jährlich 150 Mark an die Amtskasse (ab 1925 waren es 250 Mark jährlich).

Zum Inventar gehörten vier Bettstellen, vier Matratzen, vier Schemel, vier Tische, vier Aufhängebänke, vier Decken, ein Nachtstuhl. Die Reinigung und das Heizen der Zellen, die Beleuchtung bei Inhaftierung von Personen sowie die Beköstigung der Gefangenen hatte die Stadt zu übernehmen. Auch für Ruhe hatte sie zu sorgen.

Aus Wilhelm Nazarewski wurde Wilhelm Neufeld

Dafür war Wilhelm Neufeld, geboren am 14. November 1883 als Wilhelm Nazarewski in Piassutten/Ostpreußen, zuständig. Denn er war der Gendameriemeister in Haltern – damals dem Polizeipräsidium Münster zugehörig. Noch während der Kaiserzeit hatte er mit Genehmigung des königlichen Regierungspräsidenten seinen Namen von Nazarewski in Neufeld ändern dürfen.

Wilhelm Neufeld stand von 1926 bis 1945 im Dienste der Polizei. Er war mit seinen beiden Brüdern in den Westen gegangen, um Arbeit zu finden. Anfangs malochte er als Bergmann in Wanne-Eickel (hier heiratete er 1919 Alma Brinkhorst), dann meldete er sich zur Polizei und wurde am 1. Juli 1909 in den Staatsdienst übernommen. Über die Königliche Polizeidirektion Gelsenkirchen kam der Landjäger - was so viel wie ein Dorfpolizist war - 1918 nach Haltern.

Vier Zellen für Landstreicher und Wegelagerer - Ein Besuch im alten Halterner Gefängnis

Wilhelm Neufeld lebte mit seiner Ehefrau Alma und Sohn Wilhelm erst an der Johannesstraße, dann in der Dienstwohnung des Polizeigebäudes in der Goldstraße. Dass es noch so viele Fotos gibt, hat mit einer Freundschaft zu tun: Familie Neufeld war eng mit der Fotografenfamilie Kortenkamp befreundet. © Kortenkamp

Als Gendameriemeister, zu dem er aufstieg, wohnte er mit seiner Frau und Sohn Wilhelm zunächst auf der Johannesstraße, dann im Dachgeschoss der Polizeistation.

Landrat verfügte ein regelmäßiges Ausklopfen der Strohsäcke

In alten Unterlagen finden sich Aufzeichnungen, die ein Bild vom Alltag in der Polizeistation vermitteln. Die Stadt hat Aufzeichnungen archiviert, die ein Bild vom Alltag in der Polizeistation vermitteln.

So verfügte der Landrat des Kreises Coesfeld am 20. August 1929 nach einer Revision, dafür Sorge zu tragen, dass die Matratzen, Strohsäcke und Decken regelmäßig und häufiger als sonst ausgeklopft und gereinigt werden. Desgleichen seien die Fenster von Zeit zu Zeit zu öffnen, damit die schlechte Luft aus den Räumen ziehe.

Im Februar 1932 schrieb die Halterner Zeitung „Vier Halterner beschweren sich über unglaubliche Zustände im Polizeigefängnis für Untersuchungsgefangene.“ Sie seien von Beamten der Kriminalpolizei aufgefordert worden, in ihren bereitstehenden Wagen zu steigen, um auf der hiesigen Polizeiwache wegen angeblicher Einbruchsdiebstähle verhört zu werden.

Gefangene wanderten wegen der Kälte in der Zelle auf und ab

„Da wir keine Angaben machen konnten, wurden wir eingesperrt. Der Raum, in den wir kamen, war ungeheizt. Da es Abend war, umgab uns eine ägyptische Finsternis. Wir konnten es wegen der Kälte auf dem Strohsack nicht aushalten, da dessen Beschaffenheit aller Beschreibung spottete. Wir wanderten deshalb die ganze Nacht mit umgehängter Decke in der Zelle auf und ab und waren am Sonntagmorgen vor Kälte halb erstarrt. Verpflegt wurden wir gut…

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Die alte Halterner Polizeistation mit Gefängnis

Das Haus in der Goldstraße 1 hat eine interessante Geschichte, die mit Familie Neufeld verknüpft ist. Fotos erzählen von der Historie und geben einen Einblick in das inzwischen abbruchreife Haus.
27.12.2019
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Die Stadt hat das Gebäude in der Goldstraße verkauft. Es beherbergte einst das Stadtgefängnis, später städtische Büros, dann das Stadtmuseum und schließlich zog eine Flüchtlingsfamilie ein. Das Haus ist einsturzgefährdet und steht seit langem leer.© Foto:Elisabeth Schrief
Die Lage des Hauses ist prominent. Es liegt im Schatten des Alten Rathauses.© Foto:Elisabeth Schrief
Der Abstieg in den dunklen Keller: Eher gruselig als einladend.© Foto:Elisabeth Schrief
Hier wurde früher gekocht.© Foto:Elisabeth Schrief
Ein Blick unter die Zimmerdecke im Erdgeschoss.© Foto:Elisabeth Schrief
Zuletzt wohnte eine Flüchtlingsfamilie in dem Haus an der Goldstraße. Gardinen erinnern an die private Nutzung des Hauses.© Foto:Elisabeth Schrief
Die offene Tür gibt Einblick in den Raum, in dem früher das städtische Museum untergebracht war.© Foto:Elisabeth Schrief
Die einst schöne Treppe führt ins Obergeschoss, wo einst das Stadtmuseum beheimatet war.© Foto:Elisabeth Schrief
Ein Blick ins Erdgeschoss des ehemals städtischen Gebäudes in der Goldstraße: Die Wände sind feucht, die Fenster marode.© Foto:Elisabeth Schrief
Alma und Wilhelm Neufeld hatten einen Sohn. Der heiratete später Paula Timte, zusammen wohnten sie erst in der Goldstraße bei den Eltern, dann an der Holtwicker Straße.
Wilhelm Neufeld lebte mit seiner Ehefrau Alma und Sohn Wilhelm erst an der Johannesstraße, dann in der Dienstwohnung des Polizeigebäudes in der Goldstraße.
Der Dienstausweis von Wilhelm Neufeld: In seinen letzten Dienstjahren war er "Meister der Gendamerie".
Familienfeier in der Dienstwohnung unter dem Dach des Hauses in der Goldstraße 1.
Der Schreibtisch des Dienstzimmers sowie der dazu gehörige Stuhl, beides Eigentum von Wilhelm Neufeld, stehen heute in der Wohnung seines Enkels Norbert.
Das Gruppenfoto mit den Halterner Polizeibeamten entstand vor der Dienststelle in der Goldstraße 1.
Wilhelm Neufeld (M.) und seine Brüder. Gemeinsam kamen sie von Ostpreußen ins Ruhrgebiet, um hier zunächst im Bergbau zu arbeiten.

Bei unseren öfteren Vernehmungen konnten wir wahrnehmen, dass die Kriminalbeamten sehr nobel und freundlich waren. Als man endlich einsah, dass wir nichts einzugestehen hatten, wurden wir nach dreitägiger Haft entlassen und atmeten endlich auf…Die Frage ist berechtigt, wer entschädigt uns für das, was wir in körperlicher und seelischer Beziehung durch diesen augenscheinlichen polizeilichen Missgriff haben ausstehen müssen?

Zweimal am Tag gab es frisches Wasser

Im Mai 1934 wurde eine „Kostordnung für Gefängnisse und Gewahrsame“ erlassen. Darin hieß es unter anderem: Frisches Trinkwasser ist nach Bedarf einmal vor- und einmal nachmittags zu verabreichen.

Zu essen gab es damals pro Woche unter anderem Salzhering, 80 g Wurst, Käste, einen halben Liter Milch, eineinhalb Gramm Tee, ein Ei, sechs Gramm Gerstenmalz, 40 Gramm Kakao, mittags Eintopf mit Linsen und Hülsenfrüchte, für den Heiligen Abend ist eine Bockwurst mit Salat zu gewähren. Wenn Kaffee, Tee oder Kakao verabreicht wurde, fiel die Abendsuppe fort. Es wurde den Dienststellen zur Pflicht gemacht, die Lebensmittel möglichst billig einzukaufen. Pro Gefangenem wurde ein Tagessatz von 1,50 Mark berechnet. Für die Tagesbeköstigung der Gefangenen war die Ortspolizeibehörde zuständig beziehungsweise deren Küchenarbeiter. Die Haftdauer betrug zu jener Zeit zwischen drei Stunden bis zu 14 Tagen.

Während des Krieges wird die Verpflegung zum Problem

Warum Halterner einsitzen mussten, hielt Gendameriemeister Wilhelm Neufeld im Januar 1941 fest: Schutzhaft, Diebstahl, Jagdvergehen, Widerstand, Aufruhr, Landstreicherei, Sittlichkeitsverbrechen, Flucht aus einem Lager, Arbeitsverweigerung.

Vier Zellen für Landstreicher und Wegelagerer - Ein Besuch im alten Halterner Gefängnis

Der Schreibtisch des Dienstzimmers sowie der dazu gehörige Stuhl, beides Eigentum von Wilhelm Neufeld, stehen heute in der Wohnung seines Enkels Norbert. © Kortenkamp

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Verpflegung der Inhaftierten zum Problem. Am 7. November 1942 wandte sich der Meister der Gendamerie, Neufeld, an die Ortspolizeibehörde des Amtes Haltern: „Seit etwa einem halben Jahr sind die Preise für Kartoffeln in die Höhe gegangen. Die Frühkartoffeln aus der letzten Ernte kosteten bis zu 10 Mark der Zentner. Dasselbe war es mit Gemüse. Ich hatte auch nicht gerechnet, dass so viele Gefangene hier eingeliefert werden und hatte mich im vorigen Herbst nicht darauf vorgesehen. Die Folge davon war, dass ich in den Sommermonaten einkaufen mußte. Der festgesetzte Betrag 1,50 Mark pro Tag reicht nicht aus, die Gefangenen zu verpflegen, zumal es sich meistens um ganz ausgehungerte beziehungsweise halbverhungerte Leute handelt.“

Amtsinspektor stellte den Bedarf von 30 Sack Kalk fest

In den letzten drei Kriegsmonaten (bis zum 24. März) saßen 42 Gefangene insgesamt 126 Tage ein, die Verpflegung wurde mit 189 Mark in Rechnung gestellt. Vom 17. August bis 30. September 1945 waren acht Gefangene 52 Verpflegungstage wegen Diebstahls, Verdacht des Mordes, und Schwarzschlachtung, Umhertreibens oder Widersetzen der Anordnung durch die Militärregierung und politischer Gesinnung in den vier Zellen. Gendameriemeister Neufeld bat zur Bestreitung der Zusatzreinigung und Betreuung um Auszahlung einer Beihilfe pro Tage in Höhe von 50 Pfennig.

Nach einer Ortsbesichtigung schrieb am 4. Oktober 1945 Amtsinspektor Schlautmann an den Stadtbaumeister Frank: „Sie stellten bezüglich der Instandsetzungsarbeiten am Amtsgefängnis einen Bedarf von 30 Sack Kalk fest, wovon von der Stadt Haltern 10 Sack zur Verfügung gestellt werden. Die Mauer haben wir alsdann unter Zuhilfenahme von Lehm hochgezogen.“

Alma Neufeld kochte das Essen für die Gefangenen

Gendameriemeister Wilhelm Neufeld ging 1946 in den Ruhestand, er starb am 23. August 1949. Norbert Neufelds Großmutter Alma durfte in der Goldstraße wohnen bleiben, im Gegenzug musste sie die Gefangenen verpflegen. In die Wohnung lebte auch Sohn Wilhelm mit seiner Frau Paula Timte ein. „Meine Eltern fühlten sich dort aber nicht sehr wohl. Sie zogen 1954 zur Holtwicker Straße“, erzählt Norbert Neufeld.

Im Sommer 1949 mietete die Stadtverwaltung für 10 DM monatlich vom Amt eine Gefängniszelle, um sie als Obdachlosenasyl zu benutzen. Nach dem Auszug der Polizei in den 50er-Jahren richtete die Verwaltung ihr Steuerbüro im Erdgeschoss des Hauses ein, ab dem 5. August 1965 beherbergte das Gebäude (nach einem Umbau) im ersten Stock das Stadtmuseum. Repräsentativ war das nicht.

Die Halterner Zeitung schrieb in den 70er-Jahren: Haltern gilt als archäologisch wichtiger Ort von europäischem Rang. Die Dokumentation der Grabungsergebnisse aus römischer Zeit im Halterner Museum kann diesen Rang allerdings nicht für sich beanspruchen. Hatte der Altertumsverein Haltern bereits vor dem ersten Weltkrieg ein repräsentatives eigenes Museum, das dann leider den Bomben des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fiel, so ist die bestehende Sammlung heute in dürftigen Räumen untergebracht und für einen Fremden kaum zu finden.“

Haus diente Geflüchteten als vorübergehende Bleibe

Mit Fertigstellung des Römermuseums an der Weseler Straße 1993 wurde das Haus geräumt. Es stand eine Weile leer, später wohnten hier geflüchtete Menschen aus der DDR und dann eine Großfamilie aus Kasachstan. Danach stand das Haus wieder leer und war lediglich Lagerraum. Es verkam und ist heute baufällig.

Leni Grewer hat die guten Zeiten erlebt. Sie war Hausmädchen bei Familie Neufeld. Zu eine ihrer Aufgabe gehörte es, Essen zu den Gefangenen in den Keller zu tragen. Einmal saß sie sogar selbst hinter Gittern. Sie war auf der Rekumer Straße leichtsinnig und verbotenerweise freihändig Fahrrad gefahren. Als nicht ganz ernst gemeinte Erziehungsmaßnahme setzte Wilhelm Neufeld sie fest. Leni Grewer lacht heute darüber. „Ich habe mich bei Familie Neufeld sehr wohl gefühlt.“

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