Von der Weltstadt New York ins kleine Sythen

Gelungener Auftakt der Gitarrentage

Lukasz Kuropaczewski ist ein Mann der Kontraste. Musikalisch und auch sonst im Leben. Auf New York folgte bei ihm das kleine Sythener Schloss. Zwar gilt der Pole immer noch als Geheimtipp unter den weltbesten Gitarristen, der Auftakt der Sythener Gitarrentage am Sonntagvormittag zeigte aber eindeutig, dass er nicht lange geheim bleiben wird.

SYTHEN

von Klaus Lipsinski

, 02.08.2015 / Lesedauer: 3 min
Von der Weltstadt New York ins kleine Sythen

Aus New York nach Sythen: der Pole Lukasz Kuropaczewski am Sonntag bei den Gitarrentagen.

Würde er ein anderes Instrument spielen, er wäre längst weltbekannt.

Aber klassische Gitarristen werden selten zum allgemeinen Star. Für das Sythener Festival ein Glücksfall. Denn würden sonst Musiker kommen, die wie Kuropaczewski bereits auf den berühmtesten Bühnen standen, von der Carnegie Hall bis zum Concertgebouw Amsterdam?

„Die Gitarre gilt nicht als seriös“, beschreibt er selbst, und eins seiner großen Ziele sei, das zu ändern. Mit seriös meint er unter anderem, dass die prominentesten Komponisten nur selten für das Instrument schreiben. Das war zwar schon immer so, und Gitarristen haben daher keine Hemmungen, andere Musik zu arrangieren.

Ursprünglich für Viola

An diesem Vormittag waren es zwei Stücke, Aria und Cadenza, die Krysztof Penderecki ursprünglich für Viola schrieb. Der berühmte Komponist gab allerdings Kuropaczewskis sensibler Gitarrenversion ausdrücklich seinen Segen. Bei Krysztof Meyer, der ebenfalls zu den sehr bekannten zeitgenössischen Komponisten zählt, bettelte Kuropaczewski so nachdrücklich, bis er nach einem Gitarrenkonzert auch ein Solowerk bekam. „Tryptich“ heißt die Musik, die ihm auch gewidmet ist. In der letzten Woche spielte er die Uraufführung in New York, in Sythen gab es die erste europäische Aufführung.

Nicht nur in diesem Stück dehnt Kuropaczewski die klanglichen Möglichkeiten der Gitarre bis in extremste Bereiche aus. Vom fast unhörbaren zarten Flüstern bis zu brutal angerissenen Saiten.

Atemberaubend und immer perfekt

Atemberaubend wild, voller Energie, aber seine Klangbalance bleibt immer perfekt. Wunderschön integrierte er dabei leise Töne in lautere, lang verklingende Akkorde.

Rasend schnell ist er ohnehin, eine Selbstverständlichkeit in der Spielklasse. Doch wichtiger war etwas anderes: Zwischen zwei Tönen entsteht bei ihm immer eine Verbindung und eine sehr persönliche Art von Spannung, die sich entwickelt und nie abreißt. Nie klingt etwas gleich.

So emotional wie ein guter Sänger

Das gilt auch für einstimmige Passagen. Mit dichtem Legato spielt er dann so emotional wie ein guter Sänger. Klänge werden zu seiner eigenen Sprache. Man konnte gar nicht anders als gebannt zuzuhören. Harmonisch ist er stets bestens orientiert, nutzt Dissonanzen zur Spannung, löst sie wunderschön auf. Lässt sich Zeit, bevor er etwas Neues beginnt.

Atmet mit der Musik ruhig ein und aus.

Wenn sich Musik wiederholt, so wie in Manuel Ponces zehn Preludes, kann Kuropaczewski sie unterschiedlich charakterisieren wie ein guter Schauspieler. Was erst burschikos und kraftvoll vorwärts drängt, verwandelt sich mit den gleichen Tönen plötzlich in einen verträumten Rückblick oder ein resigniertes Ausatmen. Giulianis „Rossiniana“ Nr.3 profitierte davon genauso wie Tansmans „Prelude und Interlude“, Albeniz „Asturias“ oder die berühmte spanische Romanze eines anonymen Komponisten.

Es gibt keinen Grund, warum Kuropaczewski nicht in einigen Jahren doch ein Weltstar sein sollte. Ob er dann noch nach Sythen kommt?

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