Im Schnitt dauert es 29,4 Wochen, bis eine Person mit psychischen Problemen einen Therapieplatz bekommt. Wie man sich in der Zwischenzeit selber helfen kann, erklärt eine Halterner Expertin.

Haltern

, 18.01.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die psychischen Probleme in jedem Alter nehmen immens zu“, sagt Andrea Schürmann-Bäumer. Die Diplom-Pädagogin ist unter anderem als Heilpraktikerin für Psychotherapie in Hamm-Bossendorf tätig. Gleichzeitig sind die Wartezeiten im gesamten Ruhrgebiet, bis jemand einen Therapieplatz wirklich wahrnehmen kann, oft extrem lang.

Besonders in den Wintermonaten sei das Klientenaufkommen in ihrer Praxis höher, sagt Schürmann-Bäumer. Laut der Psychotherapeutenkammer NRW (PTK) steige im Winter eher die Nachfrage nach Plätzen, da sich viele Menschen weniger draußen aufhielten und sich in den eigenen vier Wänden ihrer bestehenden psychischen Probleme stärker bewusst würden, so Andreas Pichler von der PTK. Deshalb habe dies nichts mit der sogenannten „Winterdepression“ zu tun.

29,4 Wochen Wartezeit: „Hier wird Leid unnötig verlängert“

So werde eine psychotherapeutische Behandlung manchmal aufgeschoben, bis „genügend“ Leidensdruck vorhanden sei, so Pichler. In ihrer Praxis hat die Diplom-Pädagogin Andrea Schürmann-Bäumer vor allem mit depressiv erkrankten und suchtkranken Menschen zu tun. Andere befänden sich seit Jahren in anhaltenden Konfliktsituationen.

Gleichzeitig dauert es im Ruhrgebiet laut PTK im Schnitt 29,4 Wochen, bis eine Person eine Psychotherapie aufnehmen kann. „Die Psychotherapeutenkammer bewertet diese Situation als unverantwortlich den betroffenen Menschen gegenüber. Hier wird Leid unnötig verlängert, Chronifizierung von Erkrankungen billigend in Kauf genommen und die Auswirkungen auf das private und soziale Leben psychisch kranker Menschen missachtet“, sagt Andreas Pichler von der PTK.

Was also tun, um solche Wartezeiten zu überbrücken? Die PTK empfiehlt etwa Selbsthilfegruppen, die Betroffene über die Seite des Selbsthilfenetzes NRW finden, das telefonische Beratungsangebot der PTK und auch die psychotherapeutischen Sprechstunden, die in ambulanten Praxen angeboten werden.

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Mit diesen Tipps können Sie sich in der Wartezeit selbst helfen

„Hilfreich ist es sicherlich auch, sich schon einmal selbst auch sachkundig zu machen“, sagt Andreas Pichler von der PTK. Neben Literatur, Internetportalen und Fachgesellschaften für einzelne Erkrankungen finden Betroffene auch Informationen auf der Seite der Bundespsychotherapeutenkammer.

„Auch sollte die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, psychotherapeutische Hilfe in einer Privatpraxis in Anspruch zu nehmen und sich die Kosten von der Krankenkasse erstatten zu lassen“, so Pichler. „Auch hier sind die Krankenkassen gefordert, unbürokratische Lösungen zugunsten einer schnellen Versorgung ihrer Versicherten zu finden.“

Die Halternerin Andrea Schürmann-Bäumer gibt allen, die auf einen Therapieplatz warten, außerdem folgende Tipps, um sich in der Zwischenzeit selbst zu helfen und vor allem, um zu entspannen:

  • Wingwave: Die teilweise kostenfreie App dient zum Stressabbau, um mithilfe von Musik mentale Blockaden zu lösen.
  • 7Mind Mediation & Achtsamkeit: Mithilfe der App können Nutzer Meditationen ab einer Minute nutzen, um Stress abzubauen oder auch, um besser einzuschlafen. Es müssten nicht immer die 45-Minuten-Meditationen drei Mal in der Woche sein, so die Diplom-Pädagogin.
  • 6-Minuten-Tagebuch: „Man nimmt sich morgens und abends jeweils drei Minuten Zeit, um den Fokus auf die positiven Dinge des Tages zu legen“, so Schürmann-Bäumer. Denn die „berühmten Kleinigkeiten“ helfen, um gut in den Tag rein- und auch wieder rauszukommen. Die Wirksamkeit dieser Methode sei wissenschaftlich nachgewiesen. Das Tagebuch helfe, das Gedankenkarussell zu stoppen. Und: „Es ist kurz und umsetzbar.“

„Es ist kein Problem, ein Problem zu haben. Es wird zum Problem, wenn man damit keinen Umgang findet und es dauerhaft einfach nur aushält“, so Schürmann-Bäumer.

„Größte Herausforderung ist es, sich sein Problem einzugestehen“

Menschen in Krisensituationen, die kurzfristig Hilfe benötigten, empfiehlt Schürmann-Bäumer außerdem die Krisenhilfe Münster, das Psychologische Beratungszentrum (PBZ) in Haltern und auch die Telefonseelsorge. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL) hilft betroffenen, innerhalb weniger Wochen einen Psychotherapie-Platz zu finden.

„Die größte Herausforderung ist es, sich einzugestehen, dass man etwas unternehmen muss“, sagt Andrea Schürmann-Bäumer. Gleichzeitig sei der bewusste Entschluss nötig, offen dafür zu sein, dass sich im Leben etwas ändern darf. „Wenn die Hürde genommen ist, dann funktioniert der Rest auch“, sagt Andrea Schürmann-Bäumer.

Für die Unterversorgung im Ruhrgebiet sieht die PTK NRW vor allem die unzureichende Bedarfsplanung des Bundes in der Verantwortung. Da man 1999 von fehlerhaften Ausgangsbedingungen ausgegangen sei und an diesem Fehler - insbesondere im Ruhrgebiet - hartnäckig festgehalten werde, werde das Problem der Unterversorgung bis heute „wie eine Bugwelle“ vor sich hergeschoben, sagt Andreas Pichler.

Die PTK geht davon aus, dass mindestens 300 zusätzliche Kassenzulassungen von Psychotherapeuten nötig wären, um den Bedarf im Ruhrgebiet adäquat zu decken.

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