16 Windräder drehen sich in Haltern. Und es werden mehr. Wie sicher sind die Anlagen? Was kann die Feuerwehr bei einem Brand ausrichten? Wozu dienen Eiswurf-Schilder? Wir haben uns umgehört.

Haltern

, 17.04.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Wie oft in Deutschland Windkraftanlagen abbrennen, ist nicht genau festgehalten. Das eröffnet Raum für Streit: Reichen die Wartungen aus oder fehlen Kontrollen? Fragen und Antworten zum Thema Windkraft in Haltern.

? Wie viele Windräder gibt es in Haltern?

In der Seestadt sind bereits 16 Windräder in Betrieb. Weitere sechs werden gebaut oder sind derzeit in der Planung.

? Um welche Projekte geht es dabei konkret?

Ein Windrad baut die Westwind Hawig Verwaltungsgesellschaft ganz in der Nähe der ehemaligen Schachtanlage Auguste Victoria 9. Es wird 230 Meter hoch und ist baugleich mit der Anlage, die die Sebbel GmbH und Co. KG gerade in Hullern baut. 245 Meter hoch werden dagegen die beiden von der RAG Deutsche Steinkohle beantragten Windräder vom Typ Nordex am ehemaligen Wetterschacht. Das Verfahren läuft seit 2016, vom Kreis als Genehmigungsbehörde gab es bereits positive Bescheide. Hier sitzen die Halterner Stadtwerke als Partner der RAG mit einem kleinen Anteil mit im Boot.

Was Sie über die Windräder in Haltern wissen müssen

16 Windräder sind in Haltern bereits in Betrieb. Unser Bild zeigt einige Anlagen in der Nähe von Lavesum. © Ingrid Wielens

In der Hohen Mark zwischen Annaberg und Holtwick (nördlich der Weseler Straße) plant die Windenergie Ennenberg - eine private, von Georg Dammann gegründete Gesellschaft - zwei Windräder mitten im Wald. Die Energiegenossenschaft Haltern ist an dem Projekt beteiligt. Die Genehmigungsverfahren laufen noch. Bis zum Herbst hoffen die Investoren auf grünes Licht. Der Mindestabstand von 1500 Metern zur Wohnbebauung wird eingehalten. Einer Genehmigung steht daher wahrscheinlich nichts im Weg. Baustart ist vermutlich im kommenden Jahr. Das Projekt wird von der Bäuerlichen Bürgerwind-Projektberatungsgesellschaft (BBWind) aus Münster begleitet. Diese ist auch in Lippramsdorf und Hullern aktiv.

? Was ist das Besondere an den vier von RAG und Windenergie Ennenberg geplanten Anlagen?

Die Anlagen sind baugleich. Mit einer Gesamthöhe von 245 Metern halten sie zurzeit den Höhenrekord sogar in Nordrhein-Westfalen. Die höheren Windräder stehen für einen Wechsel des Anlagentyps. Denn mit ertragsstarken Turbinen für Standorte mit schwachen bis mittleren Windgeschwindigkeiten bietet der Hamburger Hersteller Nordex dieses neue Produkt an.

Was Sie über die Windräder in Haltern wissen müssen

Am Lembecker Weg westlich der Granatstraße ganz in der Nähe der ehemaligen Schachtanlage Auguste Victoria 9 entsteht derzeit eine große Baustelle für ein neues Windrad. © Kevin Kindel

Die Rotorfläche der Turbine ist um 30 Prozent größer (Nennleistung zwischen 4,0 und 4,5 Megawatt). Der Rotor ist 73 Meter groß, die Narben drehen sich in 164 Metern Höhe. Jeder Meter bringt 0,5 bis ein Prozent mehr Strom. Die Geräuschkulisse der Windräder soll geringer sein, erklärt der Vorstand der Energiegenossenschaft Haltern, Henning Henke. Die Genossenschaft wird später mit der Windenergie Ennenberg über den Kauf und die Übernahme eines der beiden Windräder verhandeln.

? Wie groß ist die Brandgefahr bei diesen Anlagen?

Grundsätzlich ist das von Anlage zu Anlage unterschiedlich. Normalerweise sind aber alle wichtigen Komponenten mit Temperaturfühlern ausgerüstet. Erhöhte Temperaturen führen zu einer Abschaltung der Windenergieanlage. Zudem wird eine Störmeldung gesendet. Brennende Teile könnten also nicht in die Umgebung geschleudert werden.

Felix Losada bestätigt das. „Das System erkennt eine Störung“, war auf Anfrage vom Sprecher des Windenergieanlagen-Herstellers Nordex aus Hamburg zu erfahren. Das Unternehmen hat auch bereits einige Anlagen in die Seestadt geliefert. Zudem werde es an sieben Tagen in der Woche und 24 Stunden am Tag per Fernwartung geprüft, erklärte Losada weiter.

Was Sie über die Windräder in Haltern wissen müssen

Beim Ausbruch eines Feuers in den Gondeln bzw. Maschinenhäuschen der Windenergieanlagen könnte die Feuerwehr nicht einschreiten. © Ingrid Wielens

Nach Angaben des Bundesverbands Windenergie ist die Wahrscheinlichkeit eines Brands in einem Windrad sehr gering. „Bei bundesweit 30.000 errichteten Anlagen und gemessen an den Millionen von Betriebsstunden sind große Havarien äußerst selten und liegen im Promillebereich“, sagt Felix Rehwald vom Windanlagenhersteller Enercon, dessen Windräder auch in Haltern stehen. Offizielle Zahlen gibt es aber nicht.

? Was kann im schlimmsten Brandfall passieren?

Die Gondel könnte ausbrennen, die Flammen auf die Rotorblätter übergreifen. Brennende Teile könnten dann herunterfallen. Auch das Trafohäuschen am Boden ist brennbar. Der Turm selbst und damit seine Standsicherheit sind durch ein Feuer nicht gefährdet.

? Was kann die Feuerwehr im Falle eines Windrad-Brands ausrichten?

In weit über 100 Metern Höhe kann die Feuerwehr nichts ausrichten. Die Drehleiter kommt lediglich auf eine Höhe von 23 Metern. Ein Versuch, ein Feuer in solchen Höhen zu löschen, würde daher gar nicht erst unternommen. „Wir können auch nicht in ein Windrad einsteigen, wenn es oben brennt“, sagt Georg Bäther, stellvertretender Leiter der Feuer- und Rettungswache. Die Gefahr durch extreme Hitze und eine mögliche Instabilität einzelner Teile sei viel zu groß.

Was Sie über die Windräder in Haltern wissen müssen

Die Gondel eines Windrades ist so groß wie ein kleines Einfamilienhaus. © OVE ARSCHOLL/Nordex

Stehen also Gondel- oder Rotorblatt in Flammen, warten die Feuerwehrmänner ab und lassen dies kontrolliert abbrennen. „Zuallererst wird die Gefahrenstelle abgesichert“, führt Georg Bäther aus. Fielen Teile vom Windrad hinunter, werde versucht, sie zu löschen. „Wir müssen aber immer auch auf die Sicherheit unserer Leute achten“, betont er. Auch sogenannte Monitore - spezielle Strahlrohre, mit denen aus sicherer Entfernung gelöscht werden kann - kommen zum Einsatz. Befindet sich das Feuer im unteren Teil des Turms, löscht die Feuerwehr.

? Wie weit muss die Fläche rund um ein brennendes Windrad abgesperrt werden?

Das variiert unter anderem je nach Höhe der Windräder und der Größe von Gondel und Rotorblättern. „Manchmal ist die Sperrung ganzer Straßenzüge erforderlich“, weiß Georg Bäther. Standard sei ein rund 500 Meter großer Absperr-Radius rund um die Anlage.

? Wie ist die Feuerwehr auf Windrad-Brände vorbereitet?

In der Feuerwache gibt es für jedes der 16 Windräder in Haltern eine Einsatzakte. Sie enthält eine Landkarte, auf der auch die umliegenden Straßen, Gebäude und andere Objekte sowie der Absperr-Radius verzeichnet sind. Weitere wichtige Informationen zu Anfahrt, Art und Größe der Anlage, zum Betreiber, zum Ansprechpartner und zur Löschwasserversorgung mittels Hydranten oder öffentlichen Gewässern sind beispielsweise auch in der Akte verzeichnet.

Die Feuerwehr verschafft sich zudem bereits vor Inbetriebnahme eines Windrads einen Eindruck von der Anlage. Außerdem finden regelmäßige Begehungen und Übungen mit den Höhenrettern des Kreises Recklinghausen statt. Bisher hat es nach Auskunft des stellvertretenden Feuerwachenleiters in Haltern noch keine Einsätze an Windrädern gegeben.

? Wodurch könnte ein Brand im oder am Windrad entstehen?

Nach Angaben des Bundesverbands Windenergie könnten Fehler der elektrischen Anlage oder auch ein Getriebeschaden im Maschinenhaus Ursache eines Feuers sein. Allerdings haben nicht alle Windräder ein Getriebe - tatsächlich aus Brandschutzgründen.

Ein Blitzeinschlag könnte ebenfalls ein Feuer auslösen. Die Anlagen sind aber wie alle Bauwerke mit Blitzschutzeinrichtungen ausgerüstet.

Was geschieht bei einem medizinischen Notfall in der Gondel?

Ein Monteur könnte beispielsweise verletzt oben in der Gondel liegen. Die Feuerwehr in Haltern kennt die Ausstiegsluken und Aufstiegssysteme des Windrads.

Im Innern haken sich die Feuerwehrleute bei nicht bestehendem oder defektem Aufzug mit einem Sicherungsgerät in das Aufstiegssystem ein und klettern dann hoch, um den Patienten zu versorgen. Die Höhenretter des Kreises Recklinghausen werden zudem alarmiert. Bäther: „Falls nötig, können nur die Höhenretter den Patienten auch hinunter transportieren.“

? In den Wintermonaten kann Eiswurf an Windrädern eine Gefahr darstellen. Was ist zu beachten?

In den kalten Monaten kann Eiswurf nicht ausgeschlossen werden. „Die Windräder verfügen aber über ein Sensoren-System, das die Schwingungen des Rotorblatts misst“, führt Nordex-Sprecher Felix Losada aus. Vereist ein Rotorblatt, verändern sich diese Schwingungen. Es entsteht eine Unwucht. Losada: „Die Anlage wird dann umgehend heruntergefahren.“ Denn schließlich sollen die Eisstücke, die sich dann lösen könnten und aus enormer Höhe herabstürzen, nicht noch weiter in die Umgebung geschleudert werden.

Die Gefahr einer Vereisung sei bei hoher Luftfeuchtigkeit und bei Temperaturen von unter null bis minus zehn Grad der Fall. Bei noch größerer Kälte sei die Luftfeuchtigkeit nicht mehr hoch genug, erklärt Losada.

Christian Hovenjürgen, Geschäftsführer der Windenergie Haltern am See GmbH & Co. KG, die im Bereich Lavesum drei Windräder betreibt, weiß von einigen automatischen Abschaltungen wegen Eisbildungen zu berichten. „Erst nach einer Sichtkontrolle kann das Windrad dann wieder in Betrieb genommen werden“, sagt er. Auch das Eis muss dafür wieder geschmolzen sein.

? Was hat es mit den Warnschildern wegen Eiswurfs auf sich?

Ernsthafte Zwischenfälle wegen Eiswurfs hat es nach Aussage von Christian Hovenjürgen an den Anlagen der Windeenergie Haltern noch nicht gegeben. Dennoch warnen die Windbauern mit entsprechenden Schildern vor diesem Phänomen. „Vorsicht Eiswurf - Abstand halten“ ist darauf zu lesen. „Die Windräder stehen auf Privatgrundstücken. Mit den Warnschildern sichern die Betreiber sich haftungsrechtlich ab“, sagt er. Die Warnschilder sind zudem gesetzlich vorgeschrieben. Eine Abstandsregelung zu Straßen oder Häusern wegen Eiswurfs ist im Baurecht nicht verankert.

? Ist es verboten, ein Windrad trotz aufgestelltem Warnschild zu passieren?

Grundsätzlich stehen die Anlagen auf Privatgrundstücken. Selbst dort, wo die Zufahrt für Fahrzeuge gesperrt ist, würde Christian Hovenjürgen Spaziergängern den Durchgang gewähren - „natürlich immer auf eigene Gefahr“, sagt er. Deswegen schließlich stünden ja die Schilder dort.

Was Sie über die Windräder in Haltern wissen müssen

Windräder stehen grundsätzlich auf Privatgrundstücken. Es wird aber meistens geduldet, dass Spaziergänger nebenliegende Wege benutzen. Natürlich auf eigene Gefahr. © Ingrid Wielens

? Wie reagieren Windräder bei Sturm?

Ab Windgeschwindigkeiten von 25 Metern pro Sekunde schalten die Anlagen sich automatisch ab.

? Der TÜV hat kürzlich eine strengere Überprüfung von Windrädern gefordert. Wie oft werden die Anlagen gewartet?

Die Standardwartung erfolgt zweimal im Jahr, erklärt der Sprecher des Windenergieanlagen-Herstellers Nordex, Felix Losada. Christian Hovenjürgen macht allerdings deutlich kürzere Wartungsintervalle aus. Hinzu kommt die Fernwartung rund um die Uhr.

? Gibt es einen Trend zu immer höheren Windenergie-Anlagen?

Felix Losada bestätigt einen solchen Trend. Denn insbesondere im Binnenland sei der Wind mit zunehmender Höhe immer kontinuierlicher und stärker, die Windernte dementsprechend größer. In geringerer Höhe dagegen sorgten Gebäude und Wälder oft für Turbulenzen, die zu einer geringeren Windernte führten.

? Wie groß muss der Abstand der Windräder zur Wohnbebauung oder zu Straßen sein?

Hierzu gibt es keine gesetzlichen Vorgaben. Wie Jochem Manz, Sprecher der Kreisverwaltung Recklinghausen, ausführt, hätten sich einige Richtwerte in der Praxis eingespielt - auch vor dem Hintergrund gerichtlicher Urteile. Demnach habe ein Windrad, das in einem Abstand von unter 400 Metern geplant werde, keine Aussicht auf Genehmigung. „Zwischen 400 und 600 Metern muss genau geschaut werden“, sagt Manz und meint damit die besondere Prüfung der Situation unter dem Gesichtspunkt von Lärmemissionen und optischen Bedrängungen. Hier werden auch Gutachter hinzugezogen. „Bei mehr als 600 Meter großen Abständen bestehen keine Beschränkungen mehr“, sagt der Sprecher der Genehmigungsbehörde.

Auskunft des Energieministeriums

Bald 100 Anlagen auf nordrhein-westfälischen Waldflächen

Windkraft in Wäldern ist umstritten - dennoch werden sich in den nordrhein-westfälischen Forsten bald 100 Windräder drehen. Das hat das Energieministerium kürzlich mitgeteilt. Demnach sind in NRW bereits 83 Anlagen auf Waldflächen in Betrieb (Ende 2017: 67). Elf Windräder würden zudem gerade im Wald gebaut und drei weitere seien bereits genehmigt. Damit werde insgesamt etwa eine Waldfläche von rund 5,5 Hektar für Windräder in Anspruch genommen, berichtete das Ministerium. Weitere 74 Windenergieanlagen seien noch in Genehmigungsverfahren mit offenem Ausgang, hieß es.
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