Cannabis ist schon für Schüler ganz normal, doch auch harte Drogen sind ständig in der Stadt zu finden. Eine Recherche zwischen Marihuana, Kokain und Crystal Meth in Haltern am See.

Haltern

, 12.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten und akkurat gestutzten Hecken. Große teure SUVs in den Einfahrten, Kinder beim Klavierunterricht. Haltern am See ist im Vergleich zum nahen Ruhrgebiet eine wohlhabende Stadt. „Hier herrscht aber auf keinen Fall heile Welt“, sagt Hartmut Giese und lacht. Der Suchtberater der Caritas kennt die andere, für viele unsichtbare, Seite der Stadt gut.

„Es gibt in Haltern schon eine richtige Drogenszene“, sagt Giese: „Und seit ein paar Jahren wächst sie.“ Wahrscheinlich gebe es in der Stadt sogar „ziemlich viele“ Dealer. Er selbst kennt mindestens fünf persönlich, ist durch seine Arbeit aber zur Verschwiegenheit bei Details verpflichtet. Giese schätzt, dass 10 bis 30 Menschen in Haltern davon leben, andere Leute mit illegalen Stoffen zu versorgen.

Fünf Halterner Gerichtsprozesse mit Kokain oder Amphetamin

Es ist nur leicht übertrieben, wenn man sagt, dass Cannabis seit vielen Jahren auf jeder Party mit mehr als 20 jungen Leuten zu finden ist. Die mögliche Legalisierung ist immer mal wieder in der Politik Thema. Potentielle Einnahmequelle für den Staat auf der einen, Einstiegsdroge Stufe zwei (nach Nikotin und Alkohol) auf der anderen Seite. Haltern ist nicht die heile Welt, sagt Giese. Und es gibt in der Stadt durchaus mehr als ein paar Tütchen Gras. Immer wieder stehen Halterner vor Gericht, bei denen es auch um Kokain oder Amphetamin geht. Unter diesen Begriff fallen viele gefährliche, schnell abhängig machende Drogen, die zum Beispiel Speed, Pep oder Crystal Meth genannt werden.

Anfang Dezember wurde ein Halterner Bauarbeiter zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. Bis zu sieben Kilo schwere Pakete mit Gras, Kokain und Amphetamin waren bei ihm zu Hause zwischengelagert. Anfang 2018 fand die Polizei bei Hausdurchsuchungen in Marl und Haltern kiloweise Cannabis, Amphetaminöl, Bargeld in fünfstelligem Bereich und drei scharfe Schusswaffen. Seit Anfang 2017 sind insgesamt fünf verschiedene Prozesse öffentlich geworden, die mit Kokain oder Amphetamin in Haltern zu tun hatten. „Ob man hier sogar Heroin bekommt, weiß ich nicht“, sagt Hartmut Giese: „Aber es wird sicherlich Leute geben, die hier Heroin nehmen.“ Vor ein paar Wochen habe er durchaus gehört, dass man in Haltern auch Crystal Meth bekommen soll, sehr gefährliches synthetisches Rauschgift bekannt aus der TV-Serie Breaking Bad.

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Drogen in Haltern und ihre Wirkungen

Cannabis ist weit verbreitet, doch auch Amphetamin und Kokain werden relativ häufig in Halterner Haushalten gefunden. Ein kurzer Überblick über die häufigsten illegalen Drogen.
12.12.2018
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Ein Viertel aller 12- bis 25-Jährigen hat schon einmal Cannabis konsumiert, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Angstzustände und Halluzinationen können beim Konsum auftreten. Ein Kreislaufkollaps ist möglich.© dpa
Amphetamin (etwa Speed oder Meth) beschreibt synthetische Drogen, die meist als Pulver oder kristallin auftreten. Im Zweiten Weltkrieg haben Soldaten die Substanz genutzt, um wach bleiben zu können. Es wirkt stark aufputschend, kann zu Herzrasen und sogar zum Herzstillstand führen.© dpa
Regelmäßiger Kokaingebrauch kann die Organe stark schädigen und schwere Psychosen verursachen. Bereits innerhalb weniger Wochen kann sich eine starke Abhängigkeit entwickeln, so die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Lebensbedrohliche Reaktionen bis zum Tod sind möglich.© dpa
Ecstasy-Tabletten können lebensbedrohlich giftige Stoffe zum Strecken des Wirkstoffs enthalten. Der Konsum hat häufig Gedächtnis- und Sprachstörungen sowie Gleichgewichtsschwäche zur Folge.© dpa
LSD wird auf kleinen Papierbögen eingenommen und ist ein starkes Halluzinogen. Panikzustände können vorkommen, verzerrte Wahrnehmung kann zu selbstzerstörerischen Handlungen und schlimmen Unfällen führen© dpa
Heroin dämpft die gesamte geistige Aktivität und kann schnell eine tödliche Vergiftung mit sich bringen, vor allem weil das Atemzentrum gelähmt wird, heißt es von der DHS. "Es wird sicherlich auch in Haltern Leute geben, die Heroin geben", meint Suchtberater Hartmut Giese.© dpa

„Ich hab 20 Leute in meiner Kontaktliste, über die ich sofort an Gras kommen kann“, sagt der junge Halterner Simon, der eigentlich anders heißt, seinen echten Namen aber nicht nennen möchte. Er hat vor Kurzem am Halterner Joseph-König-Gymnasium Abitur gemacht. „Bei etwas härteren Drogen wie Koks oder Speed ist das nicht so einfach wie bei Gras, wo die Bestellung fast wie beim Pizzataxi geht“, sagt Simon: „Aber wenn man sich bemüht, kommt man auf jeden Fall dran.“

Simon kifft „zwischendurch mal“, wie er sagt. So wie viele in seinem Alter, um die 20. Eine Drogenszene, wie man sie sich aus dem Berliner Untergrund vorstellt, gebe es in Haltern tatsächlich nicht, „das ist hier alles eher gut situiert“, sagt Simon. Kontakte nach Marl spielen eine zentrale Rolle. Früher war die Disco Old Daddy ein bekannter Brennpunkt, heute treffen sich Käufer und Verkäufer mal hier, mal da. Manche Dealer laden zum Handel tatsächlich in die eigene Wohnung ein, meistens trifft man sich aber zum Beispiel auf Spielplätzen oder anderen vorher vereinbarten öffentlichen Ecken, erzählt Simon.

Höchste Fallzahlen mindestens seit 20 Jahren

Die Polizei hat im vergangenen Jahr in Haltern die meisten Rauschgift-Delikte der vergangenen 20 Jahre verzeichnet. Ob das ein Allzeit-Hoch bedeutet, möchte Sprecherin Ramona Hörst aber nicht sagen. 73 Fälle wurden 2017 bearbeitet, sechs Jahre zuvor waren es nur 20. „Drogendelikte sind nichts, wo die Leute Anzeigen erstatten, wie wenn ihnen etwas geklaut wird“, sagt Hörst: „Wenn jemand ins Wespennest sticht, kommen häufig viele Wespen raus. Einem Verdächtigen können wir häufig mehrere Sachen nachweisen. Das sagt über die generelle Verbreitung wenig aus.“ Deshalb schwanken die Zahlen deutlich. 2005 waren‘s 56 Fälle, im nächsten Jahr nur 18, jetzt eben über 70.

Typische Treffpunkte gebe es in Haltern nicht, bestätigt die Polizeisprecherin. „Die meisten Rauschgift-Verstöße in Haltern sind Cannabis-Verstöße - aber es gibt auch Einzelpersonen mit härteren Drogen.“ Darüber, wie die Beamten den Dealern auf die Schliche kommen wollen, möchte sie nicht reden: „Wir sind froh, wenn die Gegenseite noch nicht alle unsere Tricks und Kniffe kennt.“ Deutschlandweit hat ein Viertel aller 12- bis 25-Jährigen mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert. Jeder Sechste zwischen 18 und 20 hat das in den letzten zwölf Monaten getan, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

„Es ist schon krass, was an den Schulen abgeht“

Simon hat keine Bedenken, erwischt zu werden. Seine Eltern wissen vom Cannabis. „Von denen kriege ich dafür kein High-Five, die finden das nicht toll. Aber es ist okay.“ Zwei Leute kenne er persönlich in Haltern, die immer Gras im Rucksack dabei haben, falls jemand etwas kaufen möchte. „Es ist schon krass, was an den Schulen abgeht“, sagt Simon. Ziemlich viel werde da gehandelt oder zumindest verabredet. Über Schüler, die jetzt noch am Joseph-König-Gymnasium sind, weiß er: „Da gab‘s Leute, die haben schon in der achten oder neunten Klasse gekifft. Das sind Leute, die sind auch in der neunten Klasse mit einem Springmesser auf eine Stufenfeier gekommen und haben einfach so Fahrradreifen zerstochen.“

„Ein Vorfall im Westuferpark war für uns eine Initialzündung, die Drogenprävention an unserer Schule noch einmal auszubauen“, bestätigt der Leiter des Gymnasiums, Ulrich Wessel. Die Schüler hatten dort in den Herbstferien Joints geraucht, ihre Eltern waren auf die Schulleitung zugekommen, um den Vorfall zu thematisieren. Daraufhin gab es schriftliche Verweise, die erste von sieben möglichen Ordnungsmaßnahmen, nicht zu verwechseln mit einem richtigen Schulverweis.

Schüler wurden von der Kursfahrt nach Hause geschickt

Erst in diesem Jahr sind Schüler direkt am ersten Abend von einer Kursfahrt nach Hause geschickt worden, weil sie in Hamburg gekifft haben, berichtet Wessel. „Ich bin nicht so blauäugig, zu denken, dass Schüler außerschulisch nicht mal einen Joint rauchen“, sagt er: „Ich verspreche den Eltern aber, alles zu tun, damit zu den Unterrichtszeiten auf dem Schulgelände oder bei Schulveranstaltungen nichts konsumiert oder gehandelt wird.“ Das Schulteam gebe sich alle Mühe bei der Prävention: „Wir wollen nichts vertuschen und offensiv mit dem Thema umgehen.“ Jeder Siebtklässler beschäftigt sich am Gymnasium im Unterricht mit dem Thema Nikotin, in der achten Klasse geht es um Alkohol und in der neunten um illegale Drogen.

Der Nürnberger Dominik Forster spricht in ganz Deutschland vor Schülern über seine Drogenkarriere. Er war Dealer und saß zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Im November war er im Joseph-König-Gymnasium zu Gast. Seine ganze Geschichte ist unter diesem Artikel verlinkt.

Auch Dagmar Perret, Leiterin der Joseph-Hennewig-Hauptschule, sagt: „Wir haben das Thema immer im Blick.“ Manchmal habe man schon ein komisches Gefühl bei manchen Schülern, aktuelle Fälle von Drogenkonsum seien ihr aber nicht bekannt. Sie meint, das Problem sei am Gymnasium größer, weil dort durch die Oberstufe einfach mehr ältere Schüler sind. Es sei schon Jahre her, dass mal ein offensichtlich bekiffter Hauptschüler nach Hause geschickt wurde.

So können Eltern ihre Kinder bei einem Verdacht ansprechen

Zur Person

Hartmut Giese, Caritas

Diplom-Sozialarbeiter Hartmut Giese und seine Kollegen sind erreichbar unter Tel. (02364) 10 900 oder per E-Mail an suchtberatung@caritas-dattelnhaltern.de.
Wenn Neuntklässler Joints rauchen: So verbreitet sind Drogen in Haltern am See

Hartmut Giese © Caritas

„Über die Schule kommen Hinweise viel zu spät“, sagt Hartmut Giese, der Suchtberater der Caritas. Eltern sollten es viel früher erfahren, wenn in der Schule Auffälligkeiten auftreten, meint er. Innere Abwesenheit, sozialer Rückzug oder Lustlosigkeit gehören zu möglichen Anzeichen für Drogenkonsum genau wie Unruhe, Schweißausbrüche oder Gewichtsverlust. Doch wie sollten Eltern reagieren, wenn sich die eigenen Kinder verändern? Was tun, wenn ich glaube, dass mein Kind Drogen nehmen könnte?

„Auf jeden Fall ansprechen“, sagt Hartmut Giese: „Aber respektvoll!“ Auf keinen Fall dürfe man das Thema unter den Tisch fallen lassen. Ein großer Fehler sei es, von oben herab mit den Jugendlichen zu reden und Vorwürfe zu erheben. Dann blocken die Kinder häufig alles ab und der Zugang ist dicht. „Man sollte ruhig sagen, dass man sich Sorgen macht“, sagt Giese. Wichtig sei, eine offene Atmosphäre zu schaffen, sodass man wirklich mit einander reden kann - nicht dass einer redet und der andere nur dasitzt. „Wenn man selbst in Brass ist, ist das sicherlich ganz schwer“, sagt Giese: „Viele kommen damit nicht klar - und da biete ich gerne Unterstützung an.“ Wichtig sei es, konsequent zu sein, doch für den Jugendlichen muss deutlich werden: „Aber meine Eltern lieben mich ja.“

Kommentar von Redakteur Kevin Kindel:

Vor zwei Jahren bin ich zum ersten Mal überhaupt in Haltern am See gewesen, ich habe hier keinerlei langjährige Kontakte. Innerhalb von drei Stunden Recherche und weniger als zehn Whatsapp-Nachrichten könnte ich jetzt problemlos in Haltern an Cannabis kommen. Bei Konzerten oder im Fußballstadion wundert sich schon lange niemand mehr, wenn es nach einem Joint riecht. Marihuana ist normal geworden.

Jeder, der gelegentlich mal kifft, denkt, er habe seinen Konsum im Griff, könne jederzeit aufhören. Bei einigen trifft das zu, bei anderen aber auch nicht. Auch wenn Gras vielleicht nicht körperlich besonders gefährlich ist: Lethargie und Antriebslosigkeit kosten einigen sehr intelligenten jungen Menschen Jahre ihres Lebens, weil sie nicht von der Stelle kommen.

Viel alarmierender ist aber, wie häufig ich von verschiedenen Freundeskreisen im letzten Jahr von Kokain oder Speed gehört habe. Bei manchen Privatparties werden ganz offen auf dem Tisch Lines gezogen, um bis mittags zu feiern. Und das machen keine kaputten Junkies, sondern Akademiker, die am Montag wieder kerzengerade im Büro sitzen. „Ich hab‘s nur einmal ausprobiert“, hört man von denen. Und zwei Monate später probieren sie es dann noch einmal aus. Damit es bei diesen beiden einen Malen bleibt, muss man schon sehr gefestigt sein.

Ich meine: Jeder Erwachsene ist für seine eigene Gesundheit verantwortlich. Selbst Schuld, was man sich da reinpfeift - insofern könnte man Cannabis auch legalisieren, damit es wenigstens unter staatlicher Kontrolle mit Steuern verkauft wird. Wenn es für Erwachsene legalisiert wird, bekommt es bei Jugendlichen aber denselben Stellenwert wie Tabak. Und an die Stelle des interessanten Verbotenen rücken Kokain und Amphetamin. Und dieses Zeug ist ernsthaft gefährlich.

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