Wie Helikoptereltern ihren Kindern schaden - Halterner Experten antworten

Kindererziehung

In Comedybeiträgen lachen wir über sogenannte Helikoptereltern. Die Wirklichkeit ist oftmals gar nicht so weit weg von der Überzeichnung. Wir haben bei zwei Halterner Experten nachgefragt.

HALTERN

, 15.10.2017 / Lesedauer: 3 min
Wie Helikoptereltern ihren Kindern schaden - Halterner Experten antworten

Eine Mutter packt ihrer Tochter noch schnell ein Buch in den Schulranzen. Ein Schild mit der Aufschrift „Liebe Eltern, ab hier schaffen wir das alleine“ hält sie davon ab, ihr Kind bis ins Klassenzimmer zu begleiten. So werden überfürsorglichen Eltern Grenzen gesetzt.

Sie tragen ihren Kindern die Schultasche bis ins Klassenzimmer, überwachen jeden ihrer Schritte und halten sie von Gefahren fern – ob real oder eingebildet. Die Rede ist von Helikoptereltern, die wie ein Hubschrauber über ihrem Nachwuchs kreisen und deren überfürsorgliches Verhalten für jede Menge Gesprächsstoff sorgt.

Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer aus Haltern, Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, begegnet das Phänomen fachlich in der Erziehungswissenschaft. Außerdem staunt er darüber, dass einige Universitäten bereits Elterntage einrichten, um dem Informationsbedürfnis der Erziehenden gerecht zu werden. An Dammers Institut gibt es diese nicht. Der Begriff Helikoptereltern sei schon 1969 von einer israelischen Psychologin geprägt worden und habe seitdem immer mehr an Bedeutung gewonnen, informiert der Experte.

Eltern fällt es schwer loszulassen

Das bestätigt auch die ehemalige Lehrerin Christine Klare aus Haltern. Sie und ihre Kollegen beobachten, dass es immer mehr Eltern schwer fällt, ihre Kinder loszulassen und ihnen Freiräume für die eigene Entwicklung zu gewähren. Hier spiele auch das Handy eine Rolle, das die ständige Kontrolle aus der Distanz ermögliche. „Sie trauen ihren Kindern nichts mehr zu. Diese müssen überhaupt nichts mehr aushalten“, sagt die Pädagogin.

Wenn irgendetwas in der Schule schief laufe, fühlten sich die Eltern – besonders die Mütter – so, als hätten sie selbst einen Fehler gemacht. Zwischen Eltern und Kind bestehe eine geradezu symbiotische (= eng verstrickte) Beziehung. Bis ins Detail wollten sich manche Erziehenden von den Lehrern über den Alltag in der Schule informieren lassen.

Seien die Noten mal nicht so wie gewünscht ausgefallen, werde dem Lehrer die Schuld zugewiesen. „Nicht die Kinder, sondern die Schule ist aus Sicht der Eltern in der Bringschuld“, erklärt Christine Klare.

Folgen spürbar

Die Folgen dieses Erziehungsstils sind für die Lehrer spürbar. Vor wenigen Wochen hat Christine Klare beispielsweise einen dritten Grundschuljahrgang auf Klassenfahrt begleitet. Abends hätten vier Kinder auf ihrem Zimmer wegen Heimwehs richtigen Terror veranstaltet. „Sie haben lauthals geschrien“, beschreibt die Lehrerin die Situation. Eine Schülerin hatte sogar ein T-Shirt von Mama und Papa im Bett. Bei einer anderen Fahrt hatten die Eltern ihrem Kind ein Fotoalbum mit Familienbildern mitgegeben, das gegen das Heimweh helfen sollte.

Es gebe einige Gründe für das soziale Phänomen der Überbehütung, berichtet Karl-Heinz Dammer. Aufgrund der gesunkenen Geburtenrate hätten Kinder heute einen höheren Stellenwert in den Familien als früher. Die Eltern bekommen ihren Nachwuchs in der Regel später, was die Tendenz zum Verhätscheln begünstige.

Optimale Unterstützung

Außerdem habe eine „Förderpropaganda“ dazu geführt, dass Eltern durch optimale Unterstützung alles aus ihren Kindern herausholen wollten. Hintergrund seien die vagen Aussichten auf einem sich schnell verändernden Arbeitsmarkt. „Die Angst sitzt den Eltern im Nacken“, erläutert Karl-Heinz Dammer. Deshalb seien Helikoptereltern vornehmlich als Problem der Mittelschicht zu sehen, die sich Sorgen um die Erhaltung ihres Status macht.

In vielen Fällen müssten Helikoptereltern allerdings damit rechnen, dass gerade ihre Kinder nicht den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt gewachsen sind. Wer als Kind permanent überbehütet werde, habe häufiger mit psychischen Problemen, beispielsweise mit Verhaltensunsicherheiten, zu kämpfen, warnt der Fachmann.

Kaum selbstständig Entscheidungen treffen

Die Betroffenen blieben bis ins Erwachsenenalter unmündig, könnten selbstständig kaum Entscheidungen treffen, scheuten Risiken und wollten sich auf keinen Fall der Gefahr des Scheiterns aussetzen. Letztendlich werde die eigenständige Lebensführung gefährdet. Wie viele Opfer von Helikoptereltern in seinem Seminar sitzen, weiß Karl-Heinz Dammer nicht.

Ihm ist allerdings aufgefallen, dass „die Anzahl der jungen Leute, die mit ziemlich dämlichen Fragen kommen, die auf Unselbstständigkeit schließen lassen, zugenommen hat“. Eltern seien bisher noch nicht in seiner Sprechstunde aufgetaucht. „Die würde ich auch achtkantig rausschmeißen“, schmunzelt der Professor.

Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer lehrt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Zu seinen Schwerpunkten gehören unter anderem die Themen „Pädagogisches Denken und Handeln im gesellschaftlichen Kontext“ und „Kritische Erziehungswissenschaft“. Die Familie von Karl-Heinz Dammer hat ihren Lebensmittelpunkt in Haltern-Sythen.
Lehrerin Christine Klare war zuletzt an der Grundschule Sythen eingesetzt. Sie ist seit zwei Jahren pensioniert und wohnt in Haltern.

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