Wie stark leiden Kinder und Jugendliche unter der Corona-Krise?

rnExperte im Interview

Laut einer Studie sind junge Menschen aufgrund der Corona-Krise häufiger gereizt. Jedes vierte Kind berichtet, dass es in der Familie häufiger zu Streit komme. Was ein Experte dazu sagt.

Haltern

, 18.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine aktuelle Umfrage des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt für Deutschland erstmals, wie sich die Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt hat. Demnach fühlen sich mehr als 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Krise seelisch belastet. Stress, Angst und Depressionen hätten zugenommen. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten habe sich fast verdoppelt.

Dazu äußert sich nun Dr. Michele Cagnoli, der stellvertretende ärztliche Direktor der LWL-Klinik Marl-Sinsen, einer der größten Fachkliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Deutschland, im Interview mit der Halterner Zeitung.

Dr. Michele Cagnoli ist stellvertretender ärztlicher Leiter der LWL-Klinik in Marl-Sinsen.

Dr. Michele Cagnoli ist stellvertretender ärztlicher Leiter der LWL-Klinik in Marl-Sinsen. © LWL

Herr Dr. Cagnoli, die Corona-Krise hat den Alltag vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Trifft das auch auf ihren Arbeitsalltag in der LWL-Klinik zu?

Ja, gerade zu Beginn der Corona-Krise waren die Auswirkungen schon enorm. Wir mussten zu Beginn der Pandemie beispielsweise geplante stationäre Aufnahmen sowie ambulante Therapien aussetzen. Erst nach den Lockerungsmaßnahmen des Landes konnten wir die Versorgung wieder nach und nach vorsichtig hochfahren. Mittlerweile haben wir fast alle Bereiche wieder in Betrieb. Insgesamt sind wir bislang gut durch diese Pandemie gekommen. In unserer Belegschaft und bei unseren Patienten gab es glücklicherweise noch keine Erkrankung mit dem Coronavirus.

Wie unterscheidet sich ihr Arbeitsalltag im Vergleich zum Zeitpunkt vor der Corona-Krise?

Wir müssen mehr hygienische Vorgaben beachten. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen die Behandlungen familienanalog. Das heißt, dass die Gruppe der Patienten, also unsere Kinder und Jugendlichen, gemeinsam durch den Tag gehen. Sie essen und lernen zusammen, verbringen auch ihre Freizeit in der Gruppe. Wir ahmen einen Alltag nach, weil wir unseren Patienten eine Struktur geben wollen, die sehr wichtig für ihre psychische und soziale Entwicklung ist. Wenn die Gruppe mit ihren Betreuern unter sich ist, verzichten wir auf eine Maskenpflicht.

Sind Besuche auf der Station möglich?

Ja, aber es ist so, dass pro Patient maximal immer nur ein Besucher auf die Station kommen darf. Für den Besucher gilt die Maskenpflicht genau wie für alle sonstigen Fachkräfte, die auf der Station im Einsatz sind. Bei Einzelgesprächen kann wiederum auf einen Mund-Nasenschutz verzichtet werden, sofern ein ausreichender Abstand gewährleistet ist. Ich finde das auch gut so, weil im persönlichen Gespräch mit unseren Patienten die Mimik und Gestik von großer Bedeutung ist.

Hat die Corona-Pandemie zu einem Anstieg der Patientenzahlen oder des Beratungsbedarfs geführt?

Wir haben zuletzt mäßig viele Notfallvorstellungen von Kindern und Jugendlichen bekommen. Die Zeit des Lockdowns und der Schulschließungen hat in manchen Familien das Konfliktpotenzial entschärft. Der gewohnte Alltag wurde auf den Kopf gestellt und musste deutlich flexibler gestaltet werden. Viele Eltern mussten sich damit auseinandersetzen, wie sie den Alltag ihrer Kinder neu strukturieren können. Das hat zu mehr Nachsicht geführt, wodurch sich der Druck auf die Kinder vermindert hat. Eine Frage, die uns zugleich jedoch auch sehr beschäftigt: Wie hoch ist die Dunkelziffer im Bereich häuslicher Krisen?

Glauben Sie, dass es in Familien auch vermehrt zu Gewalt gekommen sein könnte?

Das ist nicht auszuschließen. Häufig kommen diese Fälle nicht ans Tageslicht, weil sie sich im Verborgenen, hinter den eigenen vier Wänden, abspielen. Es gab in den letzten Monaten kaum Fälle, die von den Jugendämtern an uns herangetragen wurden. Es ist derzeit also auch kein negativer Trend erkennbar. Dennoch ist zu befürchten, dass es in den vergangenen Monaten vermehrt zu häuslicher Gewalt gekommen sein könnte.

Welche Gründe sprechen es aus Ihrer Sicht dafür?

Für Familien ergeben sich Umstellungen, die nicht immer leicht zu bewältigen sind. Die veränderte Situation lässt Sorgen und Ängste entstehen, die Einfluss auf unsere Psyche nehmen. Durch Kurzarbeit oder Kündigungen kann es auch zu finanziellen oder sogar existenziellen Bedrohungen kommen. Das Stresslevel steigt, Konflikte eskalieren schneller. Leider fällt in diesen Zeiten oft auch der Ausgleich weg, der die Leute normalerweise entspannt, beispielsweise der Sport.


Wie wichtig ist ein solcher Ausgleich speziell auch für Kinder und Jugendliche?

Wenn Kinder und Jugendliche kaum Anregungen in der Familie bekommen, können das oft andere Menschen und Aktivitäten ausgleichen. Freizeitbeschäftigungen sind sehr wichtige strukturelle Quellen der Erholung und Freude. Außerfamiliäre Bezugspersonen wie zum Beispiel die Erzieherin im Kindergärten, der Lehrer in der Schule, der Trainer im Sportverein oder Gleichaltrige waren zuletzt für viele Kinder und Jugendliche jedoch nicht wie gewohnt erreichbar. Soziale Isolation ist bei unseren Patienten zunehmend ein Thema.

Ob Regeln zum Mindestabstand oder Maskenpflicht - der neue Alltag während der Corona-Pandemie bedeutet weiterhin eine große Umstellung. Wie gut können Kinder und Jugendliche damit umgehen?

Erstaunlich gut. Unsere Befürchtungen hierzu haben sich bislang überhaupt nicht bestätigt. Die meisten Kinder und Jugendlichen zeigen sich sehr diszipliniert. Die Krise zeigt uns, dass einfache Regeln, die für alle verbindlich sind, auf Akzeptanz und Verständnis stoßen.

Was können Sie Eltern konkret im Umgang mit ihren Kindern empfehlen?

Es ist eine lebenslange Aufgabe für alle Eltern, ihren Kindern zu erklären, wie sie ihre Gefühle und Wünsche mit dem, was gesellschaftlich geregelt ist, in Einklang bringen können. Wichtig ist vor allem, dass man den Kindern ihre Ängste und Sorgen nimmt und ihnen stattdessen Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Panikmache ist nicht angebracht. Umso jünger die Kinder sind, umso stärker bestimmen die Eltern auch die Emotionen der Kinder mit.

Rechnen Sie damit, dass die Corona-Krise in Zukunft zu mehr psychischen Problemen, bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen, bei Kindern und Jugendlichen führen wird?

Die Spätfolgen dieser Krise sind in vielen Bereichen noch nicht konkret abzusehen. Ob es in den nächsten Jahren dazu kommt, dass Menschen aufgrund der jetzigen Situation und Lebenslage vermehrt traumatisiert sind, ist spekulativ. Wir sollten diesbezüglich aber alle sehr aufmerksam sein. Selbst wenn wir die Pandemie irgendwann unter Kontrolle kriegen, werden wir die Ängste und Sorgen bei Kindern vermutlich noch länger bearbeiten müssen.

Zur Person

  • Dr. Michele Cagnoli (61) ist beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.
  • Er stammt aus Rom (Region Latium) und arbeitet seit 1998 in der LWL-Klinik in Marl-Sinsen.
  • Er ist seit 2005 stellvertretender ärztlicher Direktor.
  • Cagnoli lebt seit 1978 in Deutschland.
Lesen Sie jetzt