Fragwürdige Zustände und erfüllte Standards in Heeker Flüchtlingsheimen

rnUnterkünfte für Flüchtlinge

Die Flüchtlingsunterkunft in der Brinkstraße ist für die syrische Familie, die durch den Sturm „Sabine“ ihr Heim verlor, eine Notlösung. Der Zustand ist „fragwürdig“. Nur ein Einzelfall?

Heek

, 12.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Sturmtief „Sabine“ hat eine siebenköpfige syrische Flüchtlingsfamilie obdachlos gemacht. Der Sturm riss den Giebel ihres Hauses in der Ludgeristraße zu Boden. Das Haus wurde in der Folge abgerissen. Die Familie ist in einer Notunterkunft in der Brinkstraße unterkommen. Die Zustände dort sind „fragwürdig“. Ein generelles Problem? Ein Rundgang mit Bauamtsleiter Herbert Gausling sorgt für Klarheit.

Eines vorweg: In der Dinkelgemeinde leben derzeit 94 Flüchtlinge in insgesamt neun verschiedenen Unterkünften. Möglich wäre sogar knapp das Doppelte an Flüchtlingen. „Das würde aber an die Grenze der Zumutbarkeit stoßen“, so der Bauamtsleiter. Und dieser macht keinen Hehl daraus, dass das Haus in der Brinkstraße nur eine „absolute Notlösung“ ist.

Die Unterkunft in der Brinkstraße ist „fragwürdig“

Das Haus stammt aus den 1920er-Jahren. Der Putz bröckelt. Die Jalousien sind heruntergelassen. Sichtschutz. Gardinen hat die Familie derzeit nicht. Und dreckig soll die Wohnung gewesen sein. Das berichten Augenzeugen am Mittwoch unserer Redaktion. Auch das leugnet der Bauamtsleiter nicht. „In der Kürze der Zeit war nicht alles möglich.“ Und: Das Haus in der Brinkstraße hat ohnehin ausgedient. Es soll abgerissen werden.

Die Flüchtlingsunterkunft in der Bült entspricht den „baurechtlich notwendigen“ Standards und wurde von der Gemeinde 2017 noch umfangreich renoviert.

Die Flüchtlingsunterkunft in der Bült entspricht den „baurechtlich notwendigen“ Standards und wurde von der Gemeinde 2017 noch umfangreich renoviert. © Till Goerke

Dass diese „fragwürdigen“ Zustände in der Dinkelgemeinde nicht die Norm sind, zeigt sich in der Bült. Dort, auf einer großen Wiese, steht ein gut 100 Meter breiter Bau. Er erinnert an eine Lagerhalle. Die Bausubstanz ist besser, wenngleich einige Verblendsteine fehlen. Einige Fenster sind zugeklebt, in anderen hängen Gardinen. Durch einen langgezogenen Flur gelangt man in die einzelnen Zimmer.

Die Unterkunft in der Bült wurde 2017 umfangreich renoviert

Nicht groß, vielleicht 15 Quadratmeter, aber mit allem nötigen ausgestattet. Küchenzeile, Tisch, Stühle, Kühlschrank und eine Couch. Alles zwar bunt zusammengewürfelt aus dem Bestand des Bauhofes, aber in ordentlichem Zustand. „Hier haben wir vor drei Jahren noch umfangreich renoviert“, berichtet Herbert Gausling. Neue Wandfarbe und ein neu verlegter Fußboden inklusive.

Ein Blick ins Innere eines Zimmers in der Bült zeigt: Alles notwendigen ist vorhanden. Die Hgyiene lässt zwar zu wünschen übrig, aber das ist eine Sache der Bewohner.

Ein Blick ins Innere eines Zimmers in der Bült zeigt: Alles notwendigen ist vorhanden. Die Hgyiene lässt zwar zu wünschen übrig, aber das ist eine Sache der Bewohner. © Till Goerke

Dass nicht alles sauber ist, liegt wohl in der Natur der Sache. Es ist eine reine Männerunterkunft. Putzen und Hausarbeit steht da augenscheinlich nicht an erster Stelle. „Aber hier sind alle Standards erfüllt“, so der Bauamtsleiter. Dazu gehören neben Gas, Wasser und Strom natürlich auch umfassende Brandschutzmaßnahmen inklusive Fluchtwegen und Rauchmeldern.

Der Begriff „Standard“ ist dehnbar

Der Begriff „Standard“ in Bezug auf Flüchtlingsunterkünfte ist derweil dehnbar. Zumindest in der Dinkelgemeinde. Es gibt den „baurechtlich notwendigen“ Standard wie in der Bült und jenen, der dem „normalen“ Standard einer gewöhnlichen Wohnung zumindest nahe kommt. So wie bei der Unterkunft in der Stroot.

Das Vorzeigeobjekt der Gemeinde in Sachen Flüchtlingsunterkünfte - das Vier-Parteien-Haus in der Stroot, das 2016 gebaut wurde.

Das Vorzeigeobjekt der Gemeinde in Sachen Flüchtlingsunterkünfte - das Vier-Parteien-Haus in der Stroot, das 2016 gebaut wurde. © Till Goerke

Das auffällig in zwei verschiedenen Rottönen verputzte Haus bietet Platz für vier Familien in jeweils einer 50 Quadratmeter großen Wohnung. Das Haus hat die Gemeinde 2016 in Windeseile bauen lassen. Um der Nachfrage in Sachen Flüchtlingsunterkünfte angemessen gerecht werden zu können.

Die Unterkünfte haben unterschiedliche Standards

Ein Blick ins Innere zeigt: Es unterscheidet sich kaum von einer ganz normalen Wohnung. Laminatboden, aufeinander farblich abgestimmte Möbel, eine Couch und persönliche Gegenstände. Fotos zieren die Wand. „Wir haben uns gut eingerichtet“, sagt der Mann, der dort mit seiner Familie seit einiger Zeit wohnt.

Die Wohnung in der Stroot ist mit allem ausgestattet, was zu einer „normalen“ Wohnung dazugehört. Es erinnert nichts an eine Flüchtlingsunterkunft.

Die Wohnung in der Stroot ist mit allem ausgestattet, was zu einer „normalen“ Wohnung dazugehört. Es erinnert nichts an eine Flüchtlingsunterkunft. © Till Goerke

Und warum haben nicht alle Unterkünfte diesen Standard? Auch das liegt in der Natur der Sache: Mit Ausnahme des Hauses in der Stroot hat die Gemeinde alle Häuser gekauft. Einige in den 1990er-Jahren, andere später. Die Vorbesitzer haben mit Blick auf den Verkauf wenig bis gar nicht in die Bausubstanz investiert. So erklärt es der Bauamtsleiter. Es geht also letztlich ums Geld.

Die Gemeinde hat viele Häuser gekauft

„Wir haben als Gemeinde schon viel investiert, gerade in der akuten Flüchtlingskrise noch zwei Häuser gekauft.“ Alle komplett zu renovieren und auch zu modernisieren sprenge einfach den finanziellen Rahmen. „Wir helfen wo wir können, aber man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass überall der Standard herrscht, den jeder von uns Zuhause gewöhnt ist“, sagt Herbert Gausling.

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Und was vielen in der Diskussion um die Standards wohl nicht klar sein dürfte: Nicht selten sorgen die Bewohner selbst dafür, dass dieser sinkt. „Mit dem Lüften haben wir leider oft Probleme.“ Zu selten würden Fenster geöffnet. Die Folge: Schimmel an den Wänden. Die Kosten für die Entfernung trägt die Gemeinde.

Wohnungsvergabe erfolgt nach bestimmten Kriterien

Natürlich dürfe man dies, das betont Herbert Gausling, nicht verallgemeinern, aber es gebe eben Unterschiede bei den Menschen, die in den Notunterkünften untergebracht sind. Zumindest bezogen auf die Aspekte Lüften und Hygiene im Haushalt. Und darum überprüft die Gemeinde nach der Ankunft zunächst auch erst einige Woche, wie sich die Neuankömmlinge geben.

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Und das ist auch das Kriterium, wie die Wohnungen in den neun Wohnunterkünften zugewiesen werden. Neuankömmlinge starten im „baurechtlich notwendigen“ Standard und können sich in den „normalen“ Standard hocharbeiten. Das habe nichts mit Willkür seitens der Gemeinde zu tun, sondern diene dem Schutz der (Bau-)Substanz.

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