Ich ziehe zum ersten Mal einen Kartoffelroder und in Ahle 33 brennt wieder Licht

rn#teinetuckert

Durch Heek und Nienborg bin ich am Mittwochabend bis nach Ahle gefahren. Dort konnte ich nicht nur in einem neuen Café sitzen sondern auch zum ersten Mal Kartoffeln ernten.

Heek

, 13.09.2019, 14:38 Uhr / Lesedauer: 5 min

Nach dem stressigen Vormittag in Legden habe ich mich am Donnerstagnachmittag auf den Weg in Richtung Heek gemacht. Dort an der Tankstelle lege ich noch einmal eine kurze Pause ein. Trotz der vielen Hin- und Herfahrerei passen wieder gerade einmal knappe zehn Liter Diesel in den Tank. Josef Leuker hat Recht behalten. Der Deutz schluckt wirklich fast nichts.

Ich zuckele ein bisschen durch den Ort, biege auch noch einmal kurz in Richtung Nienborg ab, fahre dann aber weiter Richtung Ahle. Dort habe ich am Abend noch eine Verabredung. Nach der Umleitung um die Baustelle an der Autobahnauffahrt biege ich wieder in die Wirtschaftswege ein. Während ich so auf den Ahler Ortskern zusteuere, merke ich, wie mein Magen anfängt, zu knurren. Eine Pause in Ahle, vielleicht mit einem Stück Kuchen. Das wäre jetzt genau das Richtige.

Ich ziehe zum ersten Mal einen Kartoffelroder und in Ahle 33 brennt wieder Licht

Dieter Hovestadt vor dem gerade eröffneten Café Mühle Hovestadt. Aus dem ehemaligen Bordell Ahle 33 hat er ein Ausflugslokal gemacht. © Stephan Teine

Bei Hovestadt holpere ich knatternd auf den Parkplatz. Ärgerlich: Alle Außenplätze liegen im Schatten. Als ich um das Haus herumgehe, um dort nach einem Sonnenplätzchen zu suchen, kommt mir Dieter Hovestadt entgegen. „Wir haben heute unser neues Café Mühle eröffnet“, sagt er mir. Dort würde ich auch einen Platz in der Sonne und ein Stück Kuchen bekommen.

Ahle 33: Ausflugscafé statt Bordell

Also den Trecker wieder anlassen und die paar hundert Meter zur neuen Adresse. Das ehemalige Bordell an der Ahauser Landstraße hat Dieter Hovestadt in den vergangenen Wochen und Monaten in ein Ausflugscafé umgebaut. „Hier ist fast kein Stein auf dem anderen geblieben“, sagt er mir einige Zeit später, als er sich zu mir an den Tisch setzt.

Das Gebäude war für den 42-Jährigen ein lange gehegter Traum: „Vor 40 Jahren stand hier die Gaststätte Hovestadt“, erzählt er. Dann hat seine Familie das Gebäude verkauft. 20 Jahre lang blieb es eine „normale“ Gastronomie, dann erhielt das Rotlicht dort Einzug. Ende vergangenen Jahres war damit Schluss.

Gebäude wieder in Familienbesitz

„Da kam mir die Idee, das Gebäude zu kaufen“, sagt er. Am Ende hat es sein Bruder Winfried Hovestadt gekauft. Dieter Hovestadt betreibt nun neben der Gaststätte im Ahler Ortskern auch das Café Mühle. Dort möchte er sonntags Kaffee und Torten anbieten, den Freitag und Samstag will er auf ein jüngeres Publikum ausrichten und unter der Woche abends einen Treffpunkt anbieten.

Acht Monate hat es gedauert, um aus dem „Barbetrieb“, wie Dieter Hovestadt es nennt, ein normales Lokal zu machen. „Allein die ganzen Richtlinien zu erfüllen, hat Monate gekostet“, sagt er.

Geöffnet ist dort mittwochs und donnerstags von 14.30 bis 21.30 Uhr, freitags und samstags von 14.30 bis 1 Uhr und sonntags von 10.30 bis 18 Uhr.

Und warum ist die Eröffnung am Mittwoch praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gegangen? „Weil wir ganz leise anfangen wollten und ja auch am Wochenende erst einmal 600 Gäste in unserer Hauptgaststätte bedienen müssen“, erklärt er.

Ich hab mein Stück Torte aufgegessen und muss mich – mit Blick auf die Uhr – auf den Weg machen. Die Kubota-Freunde aus Ahle hatten mich für den Abend eingeladen. Ich soll Kartoffeln ernten.

Ich ziehe zum ersten Mal einen Kartoffelroder und in Ahle 33 brennt wieder Licht

Hendrik Vestert, Mike Olbring, Dirk Hildebrandt und Bernhard Schwietering (v.l.) sind vier der insgesamt sechs Kubota-Freunde. Einmal im Jahr veranstalten sie ihr Kartoffelfest. © Stephan Teine

Als ich in Ahle 98 um die Ecke biege, warten Hendrik Vestert, Mike Olbring und Dieter Hildebrandt schon auf mich. „Bernhard kommt gleich“, ruft einer von ihnen mir zu. Am Wegesrand stehen ein alter Lanz Alldog, ein Massey Fergusson und ein kleiner moderner Kubota-Traktor.

Der Anfang war eine Wette um den Spritverbrauch

„Mit dem hat damals alles angefangen“, sagt Hendrik Vestert. Bei einer Geburtstagsparty haben sie zu sechst darum gewettet, dass ein Kubota-Traktor nur einen Liter Diesel in der Stunde verbraucht, wenn man damit eine Wiese mäht. Aus der Auflösung der Wette – der Verbrauch lag tatsächlich nicht höher – haben sie danach ein kleines Event für ihre Nachbarschaft gemacht. Und daraus entstand die nächste Idee.

Ich ziehe zum ersten Mal einen Kartoffelroder und in Ahle 33 brennt wieder Licht

Einen Kartoffelkäfer haben wir am Donnerstagabend auch aus dem Acker in Ahle geholt. © Stephan Teine

„Seitdem setzen wir auf einer kleinen Fläche Kartoffeln und ernten die dann mit alten Ackermaschinen“, erklärt Mike Olbring. Dieses Jahr findet das Kartoffelfest Ende September oder Anfang Oktober statt. An diesem Abend fangen wir schonmal ein bisschen an.

Bernhard Schwietering biegt mit seinem Deutz D15 um die Ecke. „Dann sind ja alle da, die heute können“, sagt Hendrik Vestert. Zu der Gruppe gehören eigentlich noch Hermann Große Vestert (der bereitet gerade die Feier zu seinem 50. Geburtstag vor) und Josef Brüning (der liegt mit Grippe im Bett).

Kartoffelroder passt nicht an den #teinetuckert-Deutz

„Na, dann spann mal deinen Deutz an“, sagt mir Mike Olbring. Ich deute auf mein fest verschraubtes Gepäckabteil. Das wird nichts werden. Stattdessen setze ich mich auf den 15er-Deutz von Bernhard Schwietering. Der ist ja baugleich. Ich kenne mich also aus. Denke ich.

Auf dem kleinen Acker wird ein alter Lanz-Kartoffelroder in Stellung gebracht. Ich soll vorsichtig rückwärts davor rangieren. Während die Männer das Gerät hinten ankoppeln, will Mike Olbring mir kurz eine Einweisung geben. „Du kannst ja mit Anhänger fahren, oder?!“, das war weniger eine Frage, sondern eine Feststellung.

Ich ziehe zum ersten Mal einen Kartoffelroder und in Ahle 33 brennt wieder Licht

Beim Aufsammeln und Absacken der gerodeten Kartoffeln helfen auch die Erwachsenen mit. Die Kinder sind – nach anfänglichem Gemurre – mit vollem Eifer dabei. © Stephan Teine

Ich schüttele den Kopf. Ich bin ja nicht umsonst ohne Anhänger unterwegs. Mike Olbring fällt das Gesicht eine Etage tiefer. „Männer, Vorsicht, wir haben es mit einem blutigen Anfänger zu tun“, ruft er dem Trio zu, das immer noch mit Zapfwelle und Kupplung kämpft.

Viele Hebel und ein Mordsgetöse

Mit tatkräftiger Hilfe schaffe ich es schließlich, den Roder in die richtige Furche zu rangieren. „Jetzt ganz langsam“, ruft mir Mike Olbring zu. Also: Ackergang einlegen, Zapfwelle dazu schalten, erster Gang, Kupplung kommen lassen. Mit einem Mordsgetöse beginnt der Roder hinter mir seine Arbeit. Ich schaffe vielleicht einen Meter, dann drehen die Räder des Deutz durch. „Das schafft er nicht“, ruft Bernhard Schwietering Mike Olbring zu.

Zum Glück meint er damit nicht mich, sondern den Deutz. „Doch, wir kriegen das hin“, ruft Mike Olbring zurück. Die Männer kuppeln noch einmal um, hängen den Roder etwas höher in die Ackerschiene und stellen sich hinten auf die Kupplung, um mehr Gewicht auf die Achse zu bringen. Neuer Versuch und dieses Mal klappt es: Ganz langsam zieht der Traktor seine Bahn durch das Kartoffelfeld. Die Knollen fliegen aus der Erde, rollen über das Gitter des Roders und fallen hinten wieder herunter.

Nicht zu viel ernten, das muss alles aufgesammelt werden

Ich komme in Schwung und gebe Gas. Nach ein paar Metern winkt Mike Olbring aber trotzdem ab. „Das reicht. Wir müssen die ja noch alle aufsammeln“, sagt er und deutet nach hinten. Fein säuberlich liegt dort ein ungefähr ein Meter breiter Streifen voller Kartoffeln.

„Die lassen wir jetzt antrocknen, dann können die Kinder die aufsammeln“, erklärt Hendrik Vestert. „Das Ganze soll ein großer Spaß für alle Beteiligten sein“, fasst Hendrik Vestert zusammen. Gleichzeitig würden die Kinder so lernen, wo die Kartoffeln herkommen.

Am Ende helfen dann aber auch die Erwachsenen mit. Das Aufsammeln dauert noch einmal deutlich länger, als die Fahrt mit dem Roder.

Die Kartoffeln verteilen sie unter Freunden oder verkaufen sie über eine Kiste am Straßenrand in Ahle. Wieviel sie aus dem kleinen Acker herausholen? Das wissen sie nicht genau. „Für das Kartoffelfest jedenfalls reicht es“, sagt Dirk Hildebrandt lachend.

Ich ziehe zum ersten Mal einen Kartoffelroder und in Ahle 33 brennt wieder Licht

In Kolonne fahren wir bei Einbruch der Dunkelheit in Ahle nach Hause. © Stephan Teine

Es ist mitten unter der Woche, die Kinder müssen gleich ins Bett und so löst sich die Runde nach und nach auf. In Kolonne fahren wir los. Ich schlafe heute Nacht bei Bernhard Schwietering in einem alten Wohnwagen. Bis dahin sind es nur ein paar hundert Meter.

Es ist kurz nach neun und ich bin hundemüde. Kurze Zeit später mache ich das Licht im Wohnwagen aus.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt