Pfarrer Josef Leyer zeigt den Glockenstuhl, der 2018 komplett neu aus Eichenholz gebaut wurde. © Victoria Garwer
Blick durchs Schlüsselloch

Mit Video: Glocken-Geheimnisse und die andere Seite des Kirchengewölbes

Mehrere abgeschlossene Türen und ein paar Treppenstufen trennen die normalen Besucher der Pfarrkirche St. Ludgerus in Heek von den kleinen Geheimnissen der Kirche.

Das Holz knarzt bei jeder Bewegung, ansonsten ist es still. Die Sonne scheint durch die Schlitze zwischen den Brettern vor den Fenstern. Die vier stählernen Glocken im Kirchenturm der St.-Ludgerus-Kirche bewegen sich keinen Millimeter. Majestätisch hängen sie in dem drei Jahre alten Glockenstuhl.

Plötzlich durchbricht völlig unerwartet ein Glockenschlag die Stille. Ein lautes „Dong“ hallt durch den Turm. „Es ist 9.15 Uhr“, erklärt Pfarrer Josef Leyer lachend. „Ich habe extra nicht darauf hingewiesen. Die meisten Besucher erschrecken sich total.“ Während er das sagt, hängt noch immer der dumpfe Ton in der Luft. Fast eine Minute lang ist das Nachhallen noch zu hören, dabei hängt die Glocke schon lange wieder ganz still da.

Normale Kirchenbesucher bekommen diesen Ort nicht zu sehen. Sie hören nur die Glocken, wenn sie zum Gottesdienst kommen, oder wenn sie zur richtigen Zeit über den Platz vor der Kirche schlendern. Zu sehen sind sie von unten nicht.

Schmale Wendeltreppen führen nach oben

Zwischen dem öffentlich zugänglichen Kirchenraum und den Glocken liegen mehrere abgeschlossene Türen. 21 Treppenstufen führen hinauf zum Orgelbalkon, weitere 33 sind es bis zum Glockenstuhl. „Die Lebensjahre von Jesus“, sagt Pfarrer Josef Leyer dazu, als wäre dieser Zufall geplant gewesen. Die Wendeltreppe ist steil und schmal, zum Schluss ist nur noch ein gebückter Gang möglich, damit der Kopf unversehrt bleibt.

Oben angekommen schließt Pfarrer Josef Leyer die Tür auf. Knarrend schwingt sie auf und gibt den Blick frei auf die vier Glocken. In zwei Ebenen übereinander hängen sie in dem hohen Raum. Die Josefsglocke ist die größte von ihnen. Durchmesser 154,5 Zentimeter, Gewicht 2020 Kilogramm, Alter 43 Jahre. Die Ludgerusglocke ist zwar die kleinste, dafür aber die älteste. Durchmesser 96 Zentimeter, Gewicht 500 Kilogramm, Alter 474 Jahre.

Die Josefsglocke ist die größte und neueste der vier Glocken im Kirchturm der St.-Ludgerus-Kirche.
Die Josefsglocke ist die größte und neueste der vier Glocken im Kirchturm der St.-Ludgerus-Kirche. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Aber warum reicht nicht eine Glocke? „Mehrere Glocken sorgen für ein harmonischeres Geläut“, erklärt Josef Leyer. „Die Tonlagen müssen zueinander und zu den Nachbargemeinden passen. Aber das ist nicht unsere Aufgabe, dafür gibt es Glockensachverständige beim Bistum.“

Neuer Glockenstuhl aus Eichenholz

Vor drei Jahren haben die Heeker Glocken quasi ein neues Zuhause bekommen. Sie hängen zwar noch an gleicher Stelle, doch der Glockenstuhl wurde rundum erneuert. Der alte stählerne Glockenstuhl wurde durch einen langlebigeren aus Eichenholz ersetzt.

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Geheimnisse des Kirchturms

Das Gerüst aus dicken Balken steht nun völlig frei im Raum, ohne Verbindung zu den Außenwänden. Mit Absicht, wie Josef Leyer sagt. „Dadurch wird eine Rissbildung im Turm verhindert. Schließlich entstehen beim Läuten ja auch Schwingungen und diese sollen nicht auf die Wände übertragen werden.“ Deswegen muss eine Fachfirma auch zweimal im Jahr die Schrauben nachziehen. „Mit der richtigen Pflege hält so ein Glockenstuhl 150 bis 200 Jahre“, sagt Josef Leyer.

Über diesem Holzgestell ist eine sehr schmale Leiter aus Stahl zu sehen. „Die führt hoch zur Turmuhr“, sagt der Pfarrer. Doch dorthin geht er nie mit Besuchern. Der Aufstieg über die verschiedenen Leitern ist dafür zu gefährlich. Stattdessen lenkt der Pfarrer die Aufmerksamkeit auf eine kleine Holztür.

Gewölbedecke wurde nachträglich eingezogen

Erst öffnet er diese historische Tür, dann die Feuerschutztür dahinter. „Das Gewölbe von oben“, sagt er und zeigt in den Raum. Es ist quasi der Dachboden der Kirche. Unter den Dachziegeln und Balken sind komisch geformte, riesige Hügel zu sehen. Mit diesem Anblick kann man wohl nur etwas anfangen, wenn man den Kirchenraum von unten kennt.

Das Gewölbe von oben ist ein ungewöhnlicher Anblick.
Das Gewölbe von oben ist ein ungewöhnlicher Anblick. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

1340 wurde die Gewölbedecke nachträglich in die Kirche eingezogen. Die Bögen reichen deswegen tief hinab und ruhen auf Sandsteinkonsolen. Diese fangen den Druck ab und sorgen dafür, dass die Kirche oben nicht auseinandergedrückt wird.

So kennen Kirchenbesucher das Gewölbe der Kirche St. Ludgerus.
So kennen Kirchenbesucher das Gewölbe der Kirche St. Ludgerus. © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Genau dieses alte Mauerwerk ist auf dem Dachboden von der anderen, unbemalten Seite zu sehen. Gut zu erkennen ist auch der mächtige Schlussstein, der die einzelnen Rippen am höchsten Punkt des Gewölbes zusammenhält.

Schmale Holzplanken führen am Rand entlang. Eine Seite hat Josef Leyer mit einem Geländer absichern lassen, damit er diesen besonderen Raum auch Besuchern und zum Beispiel den Firmlingen zeigen kann. Ohne Geländer wäre das wohl zu gefährlich. Das jahrhundertealte Gemäuer würde zwar halten, aber das Risiko muss ja niemand eingehen. Selbst der Fachmann, der regelmäßig die Dachbalken überprüft, bewegt sich nur auf den Holzbalken.

Im hinteren Teil steigt das Gemäuer stark an. Das ist der Bereich über dem Altarraum, der deutlich höher ist. Eine schmale Holzleiter führt dort hinauf. Denn da oben ist eine Öffnung, über die zum Beispiel der Adventskranz aufgehängt wird. Aber hier müssen sich Besucher mit dem Anblick von unten begnügen.

Das Gewölbe müsse ja nicht mehr beansprucht werden als nötig und außerdem sei die Treppe total dreckig, sagt Josef Leyer lachend. Einige Orte in der Kirche werden eben immer ein kleines Geheimnis bleiben.

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Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer