Warum der Bürgerschützenverein Nienborg über Nacht plötzlich 175 Jahre älter wurde

rnSerie zum Jubiläum

Der Allgemeine Bürgerschützenverein Nienborg feiert 2020 sein 500-jähriges Bestehen. In einer Serie blicken wir auf die Vereinsgeschichte zurück. In Teil eins geht es um die Anfänge.

von Martin Mensing

Heek

, 02.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tradition, Brauchtum, Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn – die Bürgerschützen erfüllt es mit Stolz, diese Tugenden auch nach einem halben Jahrtausend noch pflegen zu können. Die Nienborger Schützen prägen die Dorfgeschichte. Dabei gehen die Anfänge des Vereins auf das 17. Jahrhundert zurück. Dachte man zumindest lange.

1680 – auf dieses Jahr wurden die Anfänge des Bürgerschützenvereins über Jahrhunderte datiert. Doch nicht aus reiner Willkür. Es gibt Beweise für diese Datierung. Und zwar das älteste erhaltene silberne Schild der Schützenkette von König Bernardus Hermannus (von) Billerbeck. Seine Königin war Anna Margareta Zumpoli. Der König war Goldschmied und Spross einer alten Nienborger Burgmannsfamilie, seine Königsplakette stach er selbst.

1980 feierte der Verein sein 300-jähriges Bestehen

So feierte der Verein im Jahr 1980 sein 300-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass fertigte Heimatforscher Josef Wermert eine Festschrift. Seiner Arbeit ist zu verdanken, dass die Bürgerschützen 15 Jahre später plötzlich sogar ihr 475-jähriges Bestehen feiern konnten. Die Alterung des Vereins über Nacht ist nämlich auf seine Entdeckung zurückzuführen.

In einem Karton mit unverzeichneten Gerichtsakten fand Josef Wermert im Februar 1991 Fragmente von Rechnungen der Nienborger Burgmannschaft aus dem 16. Jahrhundert. Die älteste dieser Rechnungen stammt aus dem Jahr 1520 und enthält den bislang ältesten Beleg für das Nienborger Schützenwesen.

Einst wurde auf einen hölzernen Papagei geschossen

In der durch Moder zum Teil zerstörten Rechnung heißt es, dass dem Wirt oder Bierbrauer Lubbert Lubertus für eine Tonne Bier Geld bezahlt wurde. Das Bier wurde am Sonntag nach dem Festtag der Heiligen Margaretha beim Vogelschießen getrunken, der 1520 auf den 18. Juli fiel.

Das silberne Schild der Schützenkette von König Bernardus Hermannus aus dem Jahr 1680.

Das silberne Schild der Schützenkette von König Bernardus Hermannus aus dem Jahr 1680. © Martin Mensing


Wie der Rechnung zu entnehmen ist, wurde damals auf einen hölzernen Papagei geschossen („als men den papegoge schot“). „Man kann wohl mit großer Gewissheit davon ausgehen, dass sich keine älteren Belege zum Nienborger Schützenwesen mehr finden lassen. Mit diesem Fund ist die Nienborger Schützengesellschaft nunmehr die älteste in der Gemeinde Heek und zugleich auch „eine der ältesten im westlichen Münsterland“, fasst der Historiker zusammen.

Johann Lammers „war“ 160 Jahre Kaiser

Und Josef Wermert fügt in seinen Ausführungen hinzu: „Das Jahr der ersten Erwähnung sagt nichts über das tatsächliche Alter dieser Schützengesellschaft aus. Deren Ursprung wird sicherlich im 15. Jahrhundert liegen, wie Erkenntnisse über die Entwicklung des westfälischen Schützenwesens nahe legen.“

Das Jubiläumsfest steigt vom 25. Juli bis 4. August 2020 in der Dinkelgemeinde.

Gemeinsam mit dem aktuellen Vizepräsidenten Klaus Lammers schrieb Josef Wermert zum Jubiläum vor 25 Jahren eine weitere Festschrift. In beiden bislang erschienenen Festschriften erhalten die Leser vor allem Einblicke in die Historie des Vereins. „Damit war ich 160 Jahre Kaiser“, freut sich der frühere Präsident des Vereins und erste Vereinskaiser Johann Lammers, der von Jubiläum bis Jubiläum – von 1980 bis 1995 – mit seiner Ehefrau Hildegard Lammers als Kaiserpaar in Nienborg regierte.

Der Ursprung der Schützengesellschaften liegt im 13. Jahrhundert

Ihren Ursprung haben die Schützengesellschaften übrigens im 13. Jahrhundert in Flandern und Brabant, im heutigen Nordfrankreich und Belgien. Um 1400 erreichte die Bewegung die nördlichen Niederlande und das Rheinland. Die Bürger Nienborgs waren laut Bürgereid zur Verteidigung der Stadt verpflichtet.

Dieses Schriftstück belegt laut Historiker Josef Wermert, dass es den Bürgerschützenverein bereits seit 1520 gibt.

Dieses Schriftstück belegt laut Historiker Josef Wermert, dass es den Bürgerschützenverein bereits seit 1520 gibt. © Repro Martin Mensing

Dennoch darf die militärische Bedeutung der Schützengesellschaft nicht zu hoch eingeschätzt werden. Sie leisteten zwar einen Beitrag zur Sicherung des Ortes, ihr Hauptzweck blieb jedoch die Betätigung im Schießsport und die dazugehörige Pflege der Geselligkeit. Höhepunkt der Schießübungen war das alljährliche Vogelschießen um die Königswürde. So wie heute auch noch.

Nienborg wurde von twentischen Soldaten erobert

Weitere Rechnungen der Folgejahre belegen, dass die Burgmänner den Schützen zum jeweiligen Schützenfest Bier spendierten. Im Jahr 1557 zahlte Ludger von Raesfeld zu Haus Hamern 18 Schillinge. Infolge der Erfindung des Schießpulvers war die Landesburg im 16. Jahrhundert zunehmend bedeutungsloser geworden. Der 14. Februar 1593 bedeutete schließlich das Ende der Burg als militärische Anlage.

Damals wurde noch auf einen hölzernen Papagei geschossen.

Damals wurde noch auf einen hölzernen Papagei geschossen. © Repro Martin Mensing


Nienborg wurde an diesem Tag von im spanischen Sold stehenden twentischen Soldaten erobert, geplündert und teilweise in Brand gesteckt. Die Burgmannshäuser wurden zwar wieder aufgebaut, dienten ihren Bewohnern jedoch nur noch als Wohnung.

Interessant: Die Schützenkönige kamen damals alle aus wohlhabenden Familien, was sich besonders an den für diese Zeit ungewöhnlich großen Königsplaketten zeigt. Und bereits wenige Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) gab es wieder nachweisbare Vogelschießen und Schützenfeste in Nienborg. Fun-Fact: Fünf der Könige aus dem 17. und 18. Jahrhundert waren zugleich auch Bürgermeister in Nienborg.

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