Das sagen zwei Eltern nach dem Profilschul-Aus

Diskussionen in Ascheberg

Fünf Jahre wird es die Profilschule in Ascheberg noch geben. Viele Eltern sind enttäuscht – stehen trotzdem hinter dem Konzept. Wir sprachen mit Andrea Jabsen und Alexander Neumann aus Herbern über ihre Erfahrungen mit dem Gemeinsamen Lernen, anfängliche Skepsis und die Angst vor der Zukunft.

ASCHEBERG

, 06.12.2016, 06:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ist das Konzept der Profilschule gescheitert?

Jabsen: Nicht nur für uns, sondern eine Vielzahl anderer Eltern, mit denen wir in Kontakt stehen, gibt es kein besseres Konzept für unsere Kinder – gescheitert ist es auf keinen Fall.Neumann: Wir haben mehrere Jahrgänge erlebt und sind überzeugt von der Entwicklung, die unsere Kinder an der Profilschule gemacht haben.  

Warum haben Sie sich damals für die Schule entschieden?

Jabsen: Weil sie eine Chance für alle Kinder ist, sich individuell zu entwickeln. Die Lehrer haben uns signalisiert: Vertrauen Sie uns. Und das haben wir getan – letztlich auch aus Überzeugung.  

Waren Sie anfangs gar nicht skeptisch?

Jabsen: Doch natürlich, alles war Neuland. Wir haben eine dicke Informationsmappe bekommen und an vielen Infoabenden teilgenommen. Ich habe damals immer gedacht: Das ist so rosarot, wo ist der Haken an der Geschichte?Neumann: Ich persönlich vertraute auch auf die Annahme, dass ein Schulversuch besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, der Fokus auf dem Gelingen liegt.

Als Einwohner der Gemeinde hatten Sie damals auch die Garantie, dass Ihr Kind auf jeden Fall an der Profilschule angenommen wird.

Neumann: Genau, an der Stelle sind wir damals auf Nummer sicher gegangen. Losverfahren und Meldefristen beim Anmeldeverfahren können sehr beengend sein. Beim zweiten Kind wussten wir: Die Profilschule ist der richtige Ort. Wenn unser drittes Kind in zwei Jahren die Schule wechselt, geht die Suche leider wieder los.  

Im Nachhinein: Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Gemeinsamen Lernen?

Jabsen: Meine Tochter hat sehr gute Erfahrungen mit Teamarbeit und dem selbst gesteuerten Lernen gemacht. Es ist toll, welche Sozialkompetenzen an der Schule vermittelt werden.  

Woran liegt es, dass die Anmeldezahlen an der Profilschule zurückgegangen sind?

Neumann: Mal abgesehen von dem demografischen Wandel, mit dem alle Kommunen zu kämpfen haben, glaube ich, dass Eltern vor oder bei der Schulwahl selten Durchblick haben, was auf sie und ihre Kinder zukommt. Da sind Welten zwischen der eigenen Schulzeit und dem, was heute geboten wird. Den wahren Wert erkennt man doch erst nach und nach.Jabsen: Es gibt sicherlich einige Eltern, denen das Konzept zu fremd ist. Die meisten haben den klassischen Frontalunterricht erlebt. Das gruppengesteuerte Lernen ist ja etwas ganz Neues.  

Ihre Kinder werden noch nach dem Konzept ausgebildet. Salopp gefragt: Was interessiert Sie dann, dass es die Schule nicht mehr geben wird?

Neumann: Wir haben das Auslaufen der Realschule miterlebt. Und als nicht mehr so viele Schüler da waren, wurde der Lehrkörper immer kleiner und entsprechend auch die Präsenz der Realschule. Zum Schluss saßen irgendwo am Ende eines Ganges gerade mal zwei Klassen. Man ist abgestempelt als Auslaufmodell – das ist schade! Für die Schüler und die Lehrer, die mit so viel Herzblut dabei sind.  

Sie blicken also auch mit Sorge in die Zukunft?

Neumann: Ja, natürlich. Man fragt sich: Wird der Schulträger den Standard aufrechterhalten? Wie können die Lehrer motiviert werden? Und mit welchem Gefühl gehen die verbleibenden Profilschüler und Lehrer morgens in die SchuleJabsen: Auf einer Seite ist es auch ungerecht, dass das Geleistete jetzt in ein schlechtes Licht gestellt wird. Die negativen Schlagzeilen der letzten Zeit sind ein Schlag ins Gesicht für die, die sich für die Schule starkgemacht haben.  

War die Gesamtschule denn die richtige Entscheidung?

Neumann: Klare Strukturen braucht die Gemeinde, sonst weiß keiner, wo er dran ist. Das Einzugsgebiet der Gesamtschule wird dadurch aber nicht kleiner. Mit überall sinkenden Schülerzahlen muss das Netz jetzt noch weiter ausgeworfen werden.Jabsen: Es gab wohl oder übel keine andere schnelle Alternative. Ich würde aber gerne sehen, dass die erarbeiteten Erkenntnisse in das künftige Schulportfolio mit aufgenommen werden.  

Besteht für den Schulstandort in Ascheberg die Gefahr, dass zum Beispiel Herberner Eltern in Zukunft eher nach Werne tendieren? Jabsen: Die Gefahr besteht auf jeden Fall. Das gilt nicht nur für Eltern aus Herbern, sondern auch aus Ascheberg. Neumann: Die Frage ist ja auch, wie sich die Gymnasien in Zukunft verhalten werden. Sie sind auch gefordert, ihren Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Und man darf nicht vergessen, dass der Stachel der Haupt- und Realschulauflösung noch tief sitzt. Es gibt Eltern, die das Szenario nicht noch einmal erleben wollen.

Ihr Appell für die Zukunft?

Jabsen: Unser Appell an Bezirksregierung und Träger: Geht gut mit unseren wertvollen Lehrern und allen Mitwirkenden um, die so viel für die Schule und die Kinder getan haben. Ich glaube, Wertschätzung wird in schwierigen Zeiten viel zu selten zum Ausdruck gebracht. Wir schätzen diese Arbeit – und da spreche ich stellvertretend für viele andere Profilschuleltern.

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