Forscher entdecken falsche Zähne im Wolfsmaul

Letzter Wolf aus Herbern

Vor 183 Jahren starb der letzte Wolf Westfalens in Herbern. Jetzt musste er noch einmal zum Zahnarzt, weil Wissenschaftler Informationen über seine DNA benötigten. Mit überraschenden Erkenntnissen.

Herbern

15.02.2018, 17:22 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mund auf, es tut nicht weh: Zuerst sind die vorderen Zähne dran.

Mund auf, es tut nicht weh: Zuerst sind die vorderen Zähne dran. © LWL/Steinweg

Es ist der ungewöhnlichste Patient, den Dr. Jörg Hense bisher in seiner Zahnarztpraxis in Münster zu Besuch hatte. Aber immerhin einer, der stillhält: ein Wolf, wenn auch nur als Präparat aus dem Museum. Vor 183 Jahren lief er noch frei herum, durchstreifte die Wälder, die heute die Gemeinde Ascheberg bilden. 1835 wurde er in Herbern erlegt – er gilt als der letzte Wolf in Westfalen.

Heute gibt es sie wieder in Deutschland, die Verwandten des „Letzten Wolfs“. Aber sind sie wirklich verwandt? Kann man über Generationen hinweg eine genetische Verbindung ziehen? Dieser Frage gingen Dr. Jan Ole Kriegs und Lisa Klepfer vom Naturkunde-Museum Münster des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) nach. Dazu brauchten sie einen Zahnarzt – und erlebten eine Überraschung.

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Der letzte Wolf Westfalens beim Zahnarzt

15.02.2018
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Dem Wolf wird von Zahnarzt Dr. Jörg Hense ein Backenzahn entnommen.© Foto: LWL/Steinweg
Dr. Jörg Hense (l.) schaut sich zusammen mit Dr. Jan Ole Kriegs (M.) und Lisa Klepfer vom LWL-Museum für Naturkunde zunächst die vorderen Zähne an.© Foto: LWL/Steinweg
Auf den Weg zum Zahnarzt begaben sich zusammen mit dem "letzten Wolf" Museumsdirektor Dr. Jan Ole Kriegs und die Wissenschaftlerin Lisa Klepfer vom LWL-Museum für Naturkunde.© Foto: LWL/Steinweg
Ein Wolf beim Zahnarzt: Ein Backenzahn wird entnommen.© Foto: LWL/Steinweg
Dr. Jörg Hense (l.) hat dem Wolf einen Zahn entnommen und schaut, ob er verwertbares Material entdeckt.© Foto: LWL/Steinweg
Der sogenannte "letzte Wolf", der 1835 in Herbern erlegt wurde, befindet sich als ausgestopftes Exponat im LWL-Museum für Naturkunde.© Foto: LWL/Steinweg

„Von einem so alten Tier noch genetisches Material zu bekommen, ist sehr schwierig. Wir haben es schon einmal mit Hautproben probiert, was nicht geklappt hatte“, sagt Museumsdirektor Kriegs, „deshalb jetzt der Gang zum Zahnarzt“. Ein zuerst gezogener Reißzahn ließ den Zahnarzt stutzen, denn der Zahn war seltsam verknöchert, und kein Nervenkanal war zu entdecken. Daher zog der Arzt noch einen Eckzahn, der nicht weiter aufgebohrt wurde, um mögliche DNA-Reste nicht zu stark zu erhitzen.

Eckzahn zur Untersuchung

Der Eckzahn ging als Ganzes zur Untersuchung an das Senckenberg-Institut in Gelnhausen. Dort sollte, so die Hoffnung, noch intaktes genetisches Material aus einem Nervenkanal herausgelöst werden. Das Ergebnis war eindeutig und gleichzeitig verblüffend: „Es handelt sich mit 100-prozentiger Sicherheit um einen Elefanten-Zahn“, schreibt der LWL – also Elfenbein.

„Nach dem ersten Schock haben wir erst mal herzlich gelacht“, sagt Kriegs. „Die damaligen Präparatoren hatten offenbar künstliche, aber täuschend echt aussehende Wolfszähne aus Elfenbein geschnitzt.“ Diese wurden dann in das Wolfspräparat eingesetzt. Immerhin sei das Fell aber mit Sicherheit vom „Letzten Wolf“ und nicht von einem Dickhäuter, ergänzt LWL-Zoologin Klepfer.

Einflüsse des Menschen

Die Untersuchung des Zahns hat die Biowissenschaftlerin Alina von Thaden durchgeführt, die im Rahmen ihrer Doktorarbeit über die menschlichen Einflüsse auf die Populationsstruktur von Wildtieren in Mitteleuropa forscht. Sie wollte wissen, ob überhaupt noch eine Verwandtschaft der Populationen von damals und heute besteht.

Erkenntnisse über die Verwandtschaft des letzten westfälischen Wolfes hätte aber nur ein echter Wolfszahn gebracht. „Da anscheinend das komplette Gebiss des historischen Wolfspräparates aus Elfenbein-Imitaten besteht, schauen wir dem Wolf jetzt noch einmal unter die Pfoten und versuchen aus den Fußballen DNA zu gewinnen“, so Museumsdirektor Kriegs.