„Der erste Kuss ist ein Genuss“ - der Herberner Heinz Rogge und die Damenwelt

rnEine Gemeinde liest

Bereits zum fünften Mal findet die Aktion „Eine Gemeinde liest“ in Ascheberg statt. In diesem Jahr ist natürlich alles anders. Samstag stand der gestorbene Heinz Rogge im Mittelpunkt.

von Marion Schnier

Ascheberg

, 17.08.2020, 11:24 Uhr / Lesedauer: 3 min

Einmal jährlich sind die Bürger der drei Ascheberger Ortsteile aufgerufen, sich an der Aktion „Eine Gemeinde liest“ zu beteiligen. Jeder hat dann die Möglichkeit, vor Zuhörern z.B. eine Kurzgeschichte vorzulesen oder etwas selbst Geschriebenes vorzutragen. Das kann an öffentlichen Plätzen stattfinden oder auch in privaten Gärten. Der Verein „Ascheberg Marketing e.V.“ ist der Organisator und freut sich immer über zahlreiche Teilnehmer auf Seiten der Leser, aber auch der Zuhörer.

Erst im Juni diesen Jahres konnte durch die aktuelle Corona-Lage zu diesem Event aufgerufen werden, es finden 15 Lesungen vom 14. bis 26. August statt.

Den Auftakt verfolgten mehr als 30 Zuhörer, als Susanne Schütte und Marie-Luise Koch aus dem Roman von Robert Seethaler „Das Feld“ an der Trauerhalle am Friedhof in Ascheberg vorlasen.

30 Zuhörer vor dem Jochen-Klepper-Haus

Bei der zweiten Veranstaltung trafen sich am Samstag, 15. August, wieder fast 30 Zuhörer vor dem Jochen-Klepper-Haus in Herbern. Dieses Treffen hieß: „Rogge - ein junger Mann sucht seinen Weg in schwierigen Zeiten“ von Egon Zimmermann.

Jeder hat bestimmt schon einmal ein Tagebuch geführt und weiß dadurch, wie anstrengend es sein kann, täglich etwas diesem kleinen Buch anzuvertrauen. Oft wird es angefangen und mit noch vielen leeren Seiten weggelegt und vergessen.

Dem 2014 im Alter von 83 Jahren gestorbenen Herberner Heinz Rogge ging es nicht so. Er besaß eine große Anzahl an Tagebüchern, die er seit seiner Jugend fast täglich führte. Rogge ergänzte seine handschriftlichen Texte mit Zeitungsausschnitten und hervorragenden eigenen Zeichnungen.

Egon Zimmermann (r.), Vorsitzender des Heimatvereins Herbern, bei seinem Vortrag „Rogge - ein junger Mann sucht seinen Weg in schwierigen Zeiten".

Egon Zimmermann (r.), Vorsitzender des Heimatvereins Herbern, bei seinem Vortrag „Rogge - ein junger Mann sucht seinen Weg in schwierigen Zeiten". © Marion Schnier

Egon Zimmermann, Heimatforscher und Vorsitzender des Heimatvereins Herbern, bat den am 21.08.1931 geborenen Rogge bereits vor einigen Jahren vergeblich darum, diese besonderen Tagebücher dem Heimatverein zur Verfügung zu stellen, da es sich um wertvolle zeitgeschichtliche Dokumente der unmittelbaren Nachkriegszeit und der 50-Jahre-Zeit handelt. Dass sie doch noch dem Heimatverein zur Verfügung gestellt wurden, war dann Rogges Ehefrau und deren Sohn zu verdanken, die Zimmermann die Bücher nach Rogges Tod übergaben.

Zimmermann war so fasziniert von diesen eindrucksvollen Schilderungen, die Alltag, Armut, Hunger und das Elend der Nachkriegszeit, aber auch die Zeit der damaligen Jugendlichen wiedergaben, dass er sie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte. Mit dem Buch „Die Tagebücher von Heinz Rogge (1945 – 1954), das er daraufhin verfasste, erhält jeder einen Einblick in das damalige Leben von Heinz Rogge.

Kirchenglocken übertönen minutenlang die Lesung

Einen kleine Übersicht gab Zimmermann auch den Zuhörern bei dem einstündigen Treffen der Aktion „Eine Gemeinde liest“, die durch minutenlanges Kirchengeläut unterbrochen wurde. Trotz Mikrofon musste für diese Zeit eine Pause eingelegt werden. Schmunzelnd bemerkte der Autor daraufhin: „Gegen die Stimme des Herrn kommt man nicht an“.

Mit Datum gab er dann die Tagebucheintragungen wider, die von der Not erzählen, dass mancher nur die Kleidung besaß, die er am Leib trug, von Essensreduzierungen, vom Streik der Bergleute, von Tagen, an denen es kein Brot gab und Zucker statt Fleisch ausgegeben wurde. „Ein Jahr ohne Eier“, dies war ein Eintrag am 4. Mai 1947.

Tagebuch-Eintragung: „Die Welt ist verrückt“

Es gibt Tage, an denen Rogge vermerkt: „Wer denkt, wird verrückt“, oder „Die Welt ist verrückt“ . Es gibt Eintragungen über Wohnungsräumungen durch Hausbesetzungen, von der neuen Währung, bei der es statt Reichsmark die Deutsche Mark gab und wie dies dann das Leben in Herbern veränderte.

In den Tagebüchern schreibt Rogge jedoch nicht nur über die traurigen Zeiten seiner Jugend, sondern auch über seine Leidenschaften wie Theaterspielen, sportliche Aktivitäten, etwa Fußball, Kanufahren, Schwimmen. Er hatte einen großen Freundeskreis, mit dem er sich regelmäßig auf der Straße traf oder feierte.

Rogge war Mitglied in zahlreichen Vereinen und dem Kirchenchor. Er liebte es, zu lesen, zu musizieren und zu tanzen. Die Damenwelt schien ihm zu Füßen zu liegen. Mit Rogges Tagebucheintragungen über das weibliche Geschlecht brachte Zimmermann die Zuhörer so einige Male zum Schmunzeln.

In den 50er Jahren radelt Rogge bis zum Nordkap

Der junge Mann vertraute seinem Tagebuch seine Gefühle an, zum Beispiel vom ersten Kuss: „Der erste Kuss ist ein Genuss. Es ist ein komisches Gefühl. Man sieht und hört nichts mehr“. In den 50er-Jahren ging es dann auf die Reise. Mit dem einzigen erschwinglichen Fortbewegungsmittel, dem Fahrrad (damals gab es keine Gangschaltungen), radelte Rogge nach Holland, Belgien, Frankreich, Spanien und Italien, aber auch bis zum Nordkap sowie nach Russland.

Doris Wesselmann, Schwester von Egon Zimmermann, charakterisierte zum Abschluss Heinz Rogge, der auch viele Jahre für dieses Medienhaus als freier Mitarbeiter gearbeitet hat. Wer noch mehr über das Leben von Rogge erfahren möchte, hat die Möglichkeit, das Buch: „Die Tagebücher von Heinz Rogge (1945 – 1954)“ in dem Schreibwarengeschäft Angelkort in Herbern zu erwerben. Der Erlös geht an den Heimatverein.

Anke Richter-Weiß, Kultur und Tourismus des Ascheberg Marketing e.V., freute sich über die gelungene Veranstaltung. Bis zum 26. August 2020 folgen täglich weitere kostenlose Lesungen, bei denen selbstverständlich die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden müssen. Die Termine sind auf der Internetseite von Ascheberg Marketing ersichtlich.
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