Igelrettung in Davensberg: Mähroboter sind die größten Feinde der Igel

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Immer mehr Igel werden von Mährobotern verletzt. Auch Nahrung und Schlafplätze sind knapp. Familie Brandt aus Davensberg rettete allein im vergangenen Jahr 51 Igel. Das kostet Geld, Zeit und Nerven.

Herbern, Ascheberg

, 17.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

In der heutigen Zeit haben es Igel schwer: In aufgeräumten Gärten gibt es wenig Nahrung. Auch nach Überwinterungsmöglichkeiten müssen die Tiere lange suchen. Ein großes Problem sind inzwischen auch Mähroboter geworden, die die Tiere verletzen oder sogar töten. Familie Brandt aus Davensberg widmet daher beinahe all ihre Freizeit den verletzten und kranken Igeln im Ort.

Das Ganze begann vor rund fünf Jahren ganz harmlos: Der mittlere Sohn der Brandts berichtete von einem Schulausflug, auf dem die Klasse eine Igel-Auffangstation besuchte. Er war hin und weg von den kleinen stacheligen Genossen und die Brandts beschlossen, der örtlichen Igelretterin unter die Arme zu greifen. Als die krank wurde und sich nicht mehr um die Tiere kümmern konnte, übernahmen die Brandts die Igelhilfe in Davensberg.

Igel lieben Hackfleisch, Rührei und Katzenfutter

Dass sie wenige Jahre später 51 Igel in einem einzigen Jahr retten würde, ahnte Olivia Brandt zu dem Zeitpunkt noch nicht. Aktuell befinden sich rund 20 Igel in der Obhut der Brandts. Manche von ihnen sind bereits aus dem Winterschlaf erwacht, andere lassen sich noch etwas Zeit. Nach knapp einem halben Jahr Winterschlaf haben die Tiere richtig Hunger.

Eine Dose getreidearmes Katzenfutter frisst ein Igel am Schnitt am Tag. Zum Vergleich: Ein ausgewachsener Igel wiegt selbst im Schnitt nur 750 Gramm. Nebenbei naschen Igel auch gerne Rührei oder ungewürztes Hackfleisch. „Igel lieben Mett. Die sind gar keine Vegetarier, auch wenn das klassische Bild vom Igel mit dem Apfel auf dem Rücken aus alten Kinderbüchern einem das vermittelt“, erzählt Olivia Brandt.

Regenwürmer und Milch machen den Tieren Bauchschmerzen

Außerdem seien die Tiere laktose-intolerant. Wer den heimischen Igeln also etwas Gutes tun möchte, sollte eine Schale mit Wasser und nicht mit Milch aufstellen. Auch ein naturnaher Garten ohne den Einsatz von Pestiziden hilft den kleinen „Stachelnasen“, wie Brandt sie nennt. Denn dort finden die Igel nicht nur Schlafplätze, sondern auch genug Insekten für eine gesunde Ernährung. „Wenn sie keine Käfer finden, fressen sie Würmer. Und die sind voll mit Parasiten. Das macht die Igel krank“, erzählt die Igelretterin.

Jeder Igel hat ein eigenes Gehege und ein Schlafhäuschen. Das muss täglich gereinigt werden.

Jeder Igel hat ein eigenes Gehege und ein Schlafhäuschen. Das muss täglich gereinigt werden. © Brandt

Während sich Brandt in den ersten beiden Jahren nur um überwinternde Igel gekümmert hat, wurden die Tiere inzwischen zu einem Ganzjahresjob. Denn immer wieder werden ihr Igel gebracht, die von Rasenmährobotern angefahren und schwer verletzt wurden. Im vergangenen Jahr zog sie einen ganzen Igelwurf mit der Hand auf, weil die Mutter bei einem Mäh-Unfall verstarb.

Igel durchkreuzen Urlaubspläne

In ihrer Zeit als Igelretter haben die Brandts beinahe jedes Tier durchgebracht. So sehr sie an den Tieren auch hängen, so erleichtert seien sie jedoch auch, wenn sie sie eines Tages in die Freiheit entlassen können. „Bei den ersten Tieren fiel es uns schon schwer, sie frei zu lassen. Inzwischen freuen wir uns auch über igelfreie Zeit. Urlaub zu machen ist bei der Menge an bedürftigen Tieren kaum möglich“, so Brandt.

Die Igel sind Olivia Brandt ans Herz gewachsen. Während sie die Expertin in Sachen Krankheiten ist, kennt sich ihr Mann Vladimir besonders mit dem Verhalten der Tiere aus.

Die Igel sind Olivia Brandt ans Herz gewachsen. Während sie die Expertin in Sachen Krankheiten ist, kennt sich ihr Mann Vladimir besonders mit dem Verhalten der Tiere aus. © Brandt

Rund eineinhalb Stunden in den Morgenstunden und zwei Stunden am Abend bringen die Brandts auf, um die stacheligen Gesellen zu versorgen. Jeder Igel bekommt ein eigenes Gehege und ein eigenes Schlafhäuschen. Allerdings sind die Tiere überhaupt nicht reinlich. „Die machen da hin, wo sie schlafen und fressen. Deshalb müssen wir jedes Gehege täglich säubern“, berichtet Brandt.

Im Keller, im Garten, bei Nachbarn, Freunden und Familie: Die Igel sind überall verteilt, denn der Platz ist bei den Brandts begrenzt. Inzwischen bekämen die Tiere auch trotz aller Liebe keine individuellen Namen mehr. „Wir benennen sie häufig nach den Findern. Dann heißt der Igel eben Frau Müller“, berichtet Brandt. Wo es möglich sei, werden die Igel auch wieder in der Nähe des Fundortes ausgesetzt, da sie sich dort auskennen.

Im vergangenen Jahr päppelten die Brandts diese Sechslinge auf. Die Mutter der Kleinen wurde vom Rasenmäher überfahren.

Im vergangenen Jahr päppelten die Brandts diese Sechslinge auf. Die Mutter der Kleinen wurde vom Rasenmäher überfahren. © Brandt

Jedes Tier ist verschieden

Trotz erfolgreicher Aussiedlung kehren manche Igel zu den Brandts zurück. „Im vergangenen Jahr haben wir einen Igel markiert. Den hatten wir in einem Garten zwei Straßen weiter ausgesetzt, aber nachts schaute er immer wieder bei uns vorbei. Das konnten wir mit unserer Wildkamera beobachten“, so die Igelretterin. Doch auch ohne Markierung erkennt Brandt ihre Schützlinge wieder.

Ab und an tauchen immer wieder Tiere in ihrem Garten auf, die ihr bekannt vorkommen. „Sie sehen tatsächlich alle anders aus und haben auch ganz unterschiedliche Charaktere. Manche sind sehr anhänglich, während andere wild bleiben. Das sollen sie nach Möglichkeit ja auch“, berichtet die Igelretterin.

Anfang Mai erwachen die Igel aus dem Winterschlaf. Dann fressen sie sich rund und beginnen wenig später mit der Paarung. Im Herbst beginnt dann schon wieder die Suche nach einem Winterquartier.

Anfang Mai erwachen die Igel aus dem Winterschlaf. Dann fressen sie sich rund und beginnen wenig später mit der Paarung. Im Herbst beginnt dann schon wieder die Suche nach einem Winterquartier. © Brandt

Igelhilfe ist auf Spenden angewiesen

Von der Aufnahme bis zur Auswilderung ist es jedoch ein langer Weg. Je kleiner der Igel, desto kostspieliger sei seine Pflege. Denn Baby-Igel bräuchten spezielle Milch und eine intensivere Betreuung durch den Tierarzt. Die Brandts finanzieren ihre Igelhilfe größtenteils durch Spenden. Kürzlich spendete Barbara Kehrmann, Inhaberin eines Futtermittelgeschäftes in Ascheberg, Katzenfutter und 200 Euro an die Igelhilfe.

Dieses Geld soll vor allem in die Information der Menschen fließen. Bei Infoveranstaltungen auf Märkten, in Schulen und Kindergärten wollen die Brandts künftig über die Bedürfnisse der Igel aufklären und über die Gefahren, die in den heimischen Gärten für die Stacheltiere lauern. Infoflyer und Banner sollen bei diesen Aktionen helfen.

Die Igel werden bevorzugt dort ausgesetzt, wo sie auch gefunden wurden. Im Wald kennen sich die Tiere nicht ausreichend aus.

Die Igel werden bevorzugt dort ausgesetzt, wo sie auch gefunden wurden. Im Wald kennen sich die Tiere nicht ausreichend aus. © Brandt

Im Außenbereich von Kindergärten sollen kleine Ecken für die Tiere eingerichtet werden. Mithilfe von Kameras können die Kinder dann „ihre“ Igel beobachten. „Ich wünsche mir, dass die Leute beim Rasenmähen aufpassen und auf die Igel in ihren Gärten achten. Die freuen sich über Futter, Wasser und Versteckmöglichkeiten. Und wir freuen uns auch, weil es dann weniger verletzte und hungrige Tiere gibt“, so Brandt.

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