„Die Bilder werde ich nie wieder los“: Dietmar Panske sieht Unvorstellbares im Fall Lügde

rnUntersuchungsausschuss Lügde

Die Arbeit im Untersuchungsausschuss zum mehrfachen sexuellen Kindesmissbrauch in Lügde ist für den Ascheberger Dietmar Panske (53) belastend. Denn er sieht Unvorstellbares, erzählt er im Interview.

Ascheberg

, 04.03.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bilder aus dem verdreckten Wohnwagen in Lügde, detaillierte Polizeivernehmungen, emotionale Zeugenaussagen und unzählige Akten, in denen mehrmals Hinweise auf einen sexuellen Kindesmissbrauch aufgezeichnet wurden. Vieles, was Dietmar Panske (53) aus Ascheberg bei seiner Arbeit als CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss sieht, belastet ihn stark. „Vieles geht mir nicht mehr aus dem Kopf“, sagt der Landtagsabgeordnete. Oft ist er aber nur verärgert, wie der 53-Jährige im Interview erklärt.

Die Verantwortlichen des Untersuchungsausschusses haben 61 Fragen rund um die Aufklärung des Falles Lügde formuliert. Wie groß ist die Hoffnung, auf alle Fragen eine Antwort zu haben?

Ich bin guter Dinge, dass wir am Ende des Prozesses darauf Antworten geben können. Ich glaube aber, dass wir Prozesse ein Stück weit verändern müssen. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass wir Verbrechen verhindern können. Wir müssen klären, was ein Hinweis auf Kindeswohlgefährdung in einer Behörde auslöst. Aber es wird ein langer Prozess werden, der sicher nicht vor dem Ende der Legislaturperiode abgeschlossen sein wird.

Hat sich denn seit dem Fall Lügde schon etwas in unseren Behörden geändert?

Ich glaube, dass wir schon sensibel mit diesem Thema umgehen in den Behörden. Und auch der Fall Lügde hat dazu beigetragen, dass man im Zweifel hellhöriger wird.

Was war das größte Problem in Lügde?

Das allergrößte Problem war, dass Behörden entweder nicht kommuniziert haben oder völlig falsch bewertet haben. Es hat Hinweise gegeben – zum Beispiel bei der Polizei. Dann versickert der Hinweis im System. Das darf natürlich nicht passieren. Jetzt müssen wir gucken, ob das ein strukturelles Problem ist.

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Wie gehen Sie selbst mit dieser Belastung, die die Akteneinsicht mit sich bringt, um?

Das Thema ist nicht schön, wenn man sich intensiv damit beschäftigt. Die Akten geben nun mal alles her. Wenn man Vernehmungen der Kinder liest, dann berührt mich das natürlich. Am Rande einer Sitzung des Untersuchungsausschusses habe ich mich lange mit einer Frau in meinem Alter unterhalten. Sie ist selbst missbraucht worden. Sie hofft darauf, dass das, was vor vielen Jahren passiert ist, künftig verhindert werden kann. Und das lässt mich natürlich nicht kalt. Man merkt, dass die Menschen ein Leben lang darunter leiden.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Fall Lügde, Sie lesen täglich die Akten dazu. Wie können Sie damit persönlich umgehen?

Das nimmt man auch abends mit in den Schlaf, weil das einen schon beschäftigt. Das bleibt drin. Es hilft, wenn man miteinander darüber spricht – zum Beispiel mit Referenten. Oder eben auch mit Mitgliedern aus anderen Fraktionen. Alle wissen, dass das kein Thema für politischen Streit ist. Das ist eine vernünftige Atmosphäre, in der man gut arbeiten kann. Wenn wir später nur einem Kind das ersparen, dann ist schon viel gewonnen.

Dietmar Panske, Landtagsabgeordneter aus Ascheberg, ist CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss Lügde. Seine Arbeit ist sehr belastend.

Dietmar Panske, Landtagsabgeordneter aus Ascheberg, ist CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss Lügde. Seine Arbeit ist sehr belastend. © Dietmar Panske

Wie können Sie mal abschalten?

Abschalten kann ich im Kreise meiner Familie oder beim Joggen. Da bekomme ich den Kopf frei. Aber es ist natürlich so, dass es Dinge gibt, die man nie los wird – wie zum Beispiel die Bilder. Ich finde einen Weg, das auszublenden. Man muss einen gewissen Selbstschutz entwickeln. Wenn ich mich täglich damit beschäftige, darf ich alles auch nicht so an mich heranlassen, dass ich selber nicht mehr klar komme.

Immer wieder gab es Hinweise auf einen möglichen sexuellen Kindesmissbrauch in Lügde. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie die Akten vor diesem Hintergrund analysieren?

Wenn man das liest, dann denkt man: Das gibt es doch gar nicht. Wieso sind sie nicht wach geworden? Die Hinweise waren doch so eindeutig. Man fühlt ein Stück weit mit. Man weiß: Wenn nur einer etwas früher reagiert hätte, dann wäre vielen Kindern viel Leid erspart geblieben. Und das hat man immer im Hinterkopf.

Seit Januar gibt es die ersten Zeugenaussagen im Untersuchungsausschuss. Wie ist das für Sie, Behördenmitarbeitern gegenüber zu sitzen, die womöglich das Leid der Kinder hätten verhindern können?

Wenn man den Behördenmitarbeitern gegenüber sitzt, dann denkt man schon: Sie hätten es verhindern oder eingreifen können. Man muss sich selbst ein Stück weit zurückhalten, weil man am liebsten ja reagieren würde. Man würde den Leuten mal gehörig die Meinung sagen. Aber das geht dann natürlich nicht.

Was war besonders prägend für Sie in Ihrer Arbeit im Untersuchungsausschuss?

Das war die erste Zeugenvernehmung im Januar mit einem Mitarbeiter der Familienhilfe der Awo Höxter. Ich habe Fotos vom Campingplatz gesehen. Aber er war da. Und wenn er dann sagt: ‚Das sehe ich regelmäßig bei meiner Arbeit.‘ Dann frage ich mich wirklich, in welcher Gesellschaft leben wir hier, wenn das so Standard ist. Wenn Sie und ich die Bilder sehen, dann würden wir sagen: Das geht doch gar nicht. Hier kann kein Kind leben.

Ein Zeuge, der für die Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Höxter tätig ist, wird im Untersuchungsausschuss Ende Januar befragt. Er war mehrmals während Hausbesuchen auf dem Campingplatz.

Ein Zeuge, der für die Familienhilfe der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Höxter tätig ist, wird im Untersuchungsausschuss Ende Januar befragt. Er war mehrmals während Hausbesuchen auf dem Campingplatz. © picture alliance/dpa

Die Arbeit ist sehr belastend. Denken Sie manchmal daran, Ihre Arbeit im Untersuchungsausschuss hinzuschmeißen?

Nein. Das treibt mich an, auch wenn mich das Ganze manchmal länger beschäftigt als es einen beschäftigen soll. Ich habe 30 Minuten lang Bildmaterial zu diesem Thema gesehen. Man hat keine Vorstellung. Ich habe Bilder gesehen, die ich nicht mehr loswerden kann, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die das machen können. Das beschäftigt mich, aber es treibt mich an. Wenn wir ordentlich arbeiten, dann können wir Leid von Kindern verhindern. Das muss unser Antrieb sein.

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