Das Bestattungsunternehmen Goßheger gibt es seit gut 150 Jahren. So viele Jahre, in denen der Tod zum Alltagsgeschäft gehört. Und doch ist im Leben des Bestatters irgendwie nichts alltäglich.

Herbern

, 18.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Im Aufbahrungsraum des Bestattungshauses Goßheger an der Rankenstraße ist es kühl - und auch ein bisschen kahl. Zwei kleine Modellschiffe stehen auf der Fensterbank, zwei Pflanzen in den Zimmerecken, daneben ein Tischchen und zwei schlichte Holzstühle. Ein ernüchterndes Bild, eine neutrale Atmosphäre - doch es sieht hier nicht immer so aus.

„Wir gestalten den Raum stets individuell. Manchmal haben trauernde Angehörige ganz konkrete Vorstellungen davon, wie es aussehen soll, wenn sie Abschied nehmen. Und manchmal haben die Verstorbenen vor ihrem Tod auch schon Wünsche geäußert“, sagt Michael Goßheger.

Diese Wünsche befolgt der Herberner Bestatter natürlich. Das gehöre sich einfach so. Es zähle zu den Grundsätzen, die eigentlich jeder, der den Job ausübe, befolgen müsse. Diese Grundsätze mögen für manche Menschen abgedroschen klingen. Aber trotzdem sind sie tiefgründig, mit viel ethischem Inhalt - und sie stimmen nachdenklich.

„Wenn ein Bestatter abends in die Gaststätte geht, dann muss er schweigen wie ein Grab.“
Michael Goßheger

Goßheger redet nicht lange um den heißen Brei herum oder verklausuliert, wenn man ihn danach fragt. „Die Würde des Menschen reicht über den Tod hinaus“, sagt er dann zum Beispiel. Oder - wenn es um Seriosität und Anonymität geht: „Ein Bestatter darf im Beratungsgespräch viel reden, aber wenn er abends in die Gaststätte geht, dann muss er schweigen wie ein Grab.“

Ermahnend und mit erhobenem Zeigefinger präsentiert sich der 53-Jährige dabei aber nicht. Er schmunzelt sogar ein bisschen, als er sich an den Tisch im Besprechungsraum setzt und in seiner Kaffeetasse herumrührt. Passt das wirklich zu jemandem, der täglich mit dem Tod zu tun hat? Mit Verstorbenen und Trauernden? Goßheger nickt: „Wenn du als Bestatter nicht mehr lachen kannst, dann musst du aufhören. Dann ist der Beruf nicht mehr der richtige für dich.“

Michael Goßheger: „Als Bestatter musst du auch lachen können - sonst hast du den falschen Beruf“

So sieht es im Aufbahrungsraum des Bestattungshauses Goßheger an der Rankenstraße aus. Hier können trauernde Angehörige Abschied nehmen. In der Halle hinter der Tür finden die Trauerfeiern statt. Der Herberner Friedhof ist ebenfalls direkt nebenan. Allerdings bestatten die Goßhegers Verstorbene nicht nur hier, sondern im ganzen Kreisgebiet und teils darüber hinaus. © Felix Püschner

Goßheger übt seinen Beruf schon seit 37 Jahren aus. Er hat das vor 150 Jahren gegründete Familienunternehmen von seinem Vater übernommen und führt es in der vierten Generation. Mit Sohn Florian (21) steht die fünfte schon in den Startlöchern.

Vor gut drei Wochen wurde die neue Trauerhalle an der Rankenstraße geweiht. 2015 hatte die Familie das Gebäude gekauft - zusätzlich zum zweiten Standort an der Schützenstraße - und es umgebaut. Einen Großteil der Arbeiten haben die Goßhegers in Eigenregie durchgeführt. „Wir sind schließlich gelernte Schreiner. An der Schützenstraße haben wir bis vor vier Jahren auch noch unsere Schreinerei betrieben. Die hat schon mein Urgroßvater dort geführt“, sagt Goßheger.

Alles unter einem Dach

Bestatter und Schreiner in Personalunion, das war früher so üblich. Särge auf Lager waren eher die Ausnahme. Sie wurden erst angefertigt, sobald jemand verstarb. Und die Arbeit musste schnell gehen, ganz kurzfristig. Denn schon nach zwei oder drei Tagen stand die Beerdigung an. Heute hat man bis zu 10 Tage Zeit. Kühlkammern und Klimaanlagen, die gab es damals eben noch nicht.

In dem Gebäude an der Rankenstraße gibt es vieles unter einem Dach: die Aufbahrungs- und Trauerhalle, einen Ausstellungsraum für Särge und Urnen sowie Besprechungsräume. Doch obwohl der Tod hier Alltagsgeschäft ist, wirkt alles eher freundlich und beruhigend als beängstigend.

Michael Goßheger: „Als Bestatter musst du auch lachen können - sonst hast du den falschen Beruf“

Feuerbestattung, Erdbestattung, Seebestattung, Forstbestattung - genauso vielseitig wie die Bestattungsformen ist heutzutage die Auswahl an Särgen und Urnen. Es gibt traditionelle, aber auch moderne mit hübschen Verzierungen und Schriftzügen. © Felix Püschner

Nur im Hygieneraum kann einem schon mal ein Schauer über den Rücken laufen, wenn Goßheger erklärt, was hier passiert: „Hier waschen wir die Verstorbenen und kleiden sie ein. Da helfen auch schon mal die Angehörigen mit. Warum auch nicht? Wenn jemand zehn Jahre seine Mutter gepflegt hat - warum soll er dann nicht auch noch den letzten Dienst leisten? Wenn er will, dann darf er das hier.“

Das Bild des kümmernden Angehörigen, der in aller Ruhe die passende Urne und den Grabschmuck aussucht, kennt Goßheger aus Erfahrung. Er kennt aber auch ein Bild, das weniger schön ist: Wenn Angehörige an seinem Schreibtisch sitzen und darüber verhandeln wollen, wie der Verstorbene denn nun tatsächlich bestattet werden soll. Das sind dann oftmals Menschen, die den Kontakt zu ihren Eltern verloren haben, allerdings trotzdem bestattungspflichtig sind - also für die Kosten aufkommen müssen.

„Es ist eben nicht immer nur die 90-Jährige Oma, die ruhig eingeschlafen ist. Wenn wir verstorbene Kinder abholen, dann nimmt einen das schon mit.“
Florian Goßheger

Und hat der Verstorbene im Vorfeld vertraglich mit dem Bestatter geregelt, wie er beigesetzt werden möchte, dann ist daran auch nicht mehr zu rütteln. Günstige Einäscherung statt kostspielige Erdbestattung? Keine Chance. „Aber ich mache diesen Menschen keine Vorwürfe. Es gibt ja Gründe, wenn man den Kontakt zu einem Familienangehörigen verloren hat. Und wir kennen diese Gründe nicht immer. Das können ja schlimme Geschichten sein“, erklärt Goßheger.

Und es gibt noch andere schlimme Geschichten, an denen selbst erfahrene Bestatter zu nagen haben. „Es ist eben nicht immer nur die 90-Jährige Oma, die ruhig eingeschlafen ist. Wenn wir verstorbene Kinder abholen, dann nimmt einen das schon mit. Man muss professionell mit der Situation umgehen und Abstand halten, aber man muss auch Gefühle zulassen. Wer da abstumpft, der macht etwas falsch“, sagt Florian Goßheger.

Viel Schmerz und ein gutes Gefühl

Als Bestatter kann man sich vor vielen Dingen nicht schützen. Die Goßhegers kooperieren mit der Kreispolizei Coesfeld. Sobald ein Verstorbener geborgen werden muss, rufen die Beamten bei ihnen an. „Und wenn die Verunglückten zum Zeitpunkt der Alarmierung noch nicht identifiziert sind, dann kann es sein, dass du als Bestatter da hinfährst und plötzlich feststellst, dass es sich bei dem Verstorbenen um deinen besten Freund handelt. So etwas kann hart werden“, sagt Michael Goßheger.

Tote Kinder, Leichen von Freunden und Bekannten, Unfallopfer, die möglicherweise im Hygieneraum auch noch genäht werden müssen, bevor sie aufgebahrt werden - warum tut man sich so etwas eigentlich an? „Weil es sich gut anfühlt, den Angehörigen in einer traurigen Situation zu helfen, ihnen Mut zu geben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass der Verstorbene in guten Händen ist“, erklärt Florian Goßheger.

Michael Goßheger: „Als Bestatter musst du auch lachen können - sonst hast du den falschen Beruf“

Michael Goßheger zeigt die Auswahl an Decken, mit denen die Särge ausgestattet werden können. „Unsere Lieferanten sagen, dass wir mit unserem Angebot teilweise moderner sind als die Bestatter in den Großstädten“, verrät Goßheger. © Felix Püschner

Der 21-Jährige wird voraussichtlich in fünf oder sechs Jahren die Leitung des Unternehmens übernehmen. Er wird nicht nur Verstorbene abholen und bestatten, sondern auch Beratungsgespräche führen, über die vielen Formen der Beisetzung aufklären, bei der Auswahl von Särgen und Urnen helfen - und wenn nötig sogar Wohnungsentrümpelungen organisieren und Versicherungsangelegenheiten für die Angehörigen klären.

Sein Vater möchte das dann nicht mehr in dem Maße wie heute tun - und allzu lange möchte er auch danach nicht mehr im Geschäft bleiben. Eher würde er wieder seine Werkstatt öffnen, wie er sagt. Denn auch in diesem Punkt hat er einen festen Grundsatz - und den verrät er ohne zu schmunzeln: „Ich habe immer gesagt, dass ich aussteige, bevor ich anfange meine Freunde zu beerdigen. Irgendwann wird diese Zeit kommen.“

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten Hotel Wolfsjäger Herbern
Restaurantbetrieb im Hotel Wolfsjäger wird eingestellt: Das sind die Pläne der neuen Betreiber