Missbrauch in Ascheberg: „Sie hatte gedacht, dass die Mutter den Vater rausschmeißt“

rnLandgericht Münster

In Münster ist der Prozess um einen mutmaßlichen Missbrauchsfall in Ascheberg und Drensteinfurt fortgesetzt worden. Dabei sind erstmals auch Gewaltvorwürfe bekannt geworden.

Ascheberg

, 27.08.2020, 17:03 Uhr / Lesedauer: 2 min

Prügelvorwürfe und seelische Grausamkeiten: Mit neuen Vorwürfen ist in Münster am Donnerstag, 27. August, der Prozess um einen mutmaßlichen Missbrauchsfall in Ascheberg und Drensteinfurt fortgesetzt worden.

„Die Kinder haben erzählt, dass sie heftig Prügel erleiden und sogar durch den Raum geschleudert werden“, sagte eine ehemalige Nachbarin des Angeklagten den Richtern. Die 55-Jährige hatte schon vor Jahren ein fast familiäres Verhältnis zu den drei Geschwistern aufgebaut. Sie war es schließlich auch, die als erste von den Missbrauchsvorwürfen erfahren hatte.

„Wenn die Mama uns erwischt, nehme ich die Schuld auf mich“

Es war im Mai 2016, als die damals 16-Jährige auf ihrer Terrasse gesessen und plötzlich geweint habe. „Mein Vater geht meiner Mutter nicht fremd.“ So soll die Schülerin das Gespräch begonnen haben. „Dann rückte sie damit heraus, dass ihr Vater sie anfassen würde", sagte die 55-Jährige den Richtern. „Und zwar nicht einmal, sondern immer wieder. Und wenn sie sich wehren würde, würde sie Prügel bekommen.“

Wo das denn passiert sei, wollten die Richter von der Ex-Nachbarin wissen. Ihre Antwort: „Zu Hause, im Keller, auf der Couch, bei ihr im Zimmer.“ Dabei soll auch von besonders schweren sexuellen Übergriffen die Rede gewesen sein. Einmal soll der Vater sogar diesen Satz gesagt haben: „Wenn die Mama uns erwischt, nehme ich die Schuld auf mich.“ Diese Formulierung hatte die Ex-Nachbarin besonders entsetzt: „Das klingt ja so, als ob das Mädchen das alles wollte.“

Gemeinsame Fahrt zum Jugendamt

Ein paar Wochen später habe sie dann die Reißleine gezogen und sei mit der 16-Jährigen zum Jugendamt gefahren. Die Schülerin kam sofort in eine Jugendschutzeinrichtung – genau wie ihre Geschwister.

Der nächste Schock habe aber nicht lange auf sich warten lassen. „Sie hatte nicht gedacht, dass sie länger in der Einrichtung bleiben muss“, so die 55-Jährige vor Gericht. „Sie hatte damit gerechnet, dass die Mutter den Vater rausschmeißt und sie dann sofort wieder zurückkommen kann.“ Aber das sei nicht passiert.

Tatsächlich soll die Mutter bis heute zu ihrem Ehemann halten. Beide wohnen nach Angaben des Angeklagten weiterhin zusammen.

„Ich glaube, sie hat das Lügen nie gelernt“

Ob sie dem Mädchen denn glaube, wollten die Richter schließlich wissen. Die Antwort war eindeutig: „Sie hat uns nie belogen. Ich glaube, sie hat das Lügen nie gelernt.“ Außerdem habe sie weder Fantasie noch kreative Begabungen. Sie könne sich nur merken, was sie selbst erlebt habe. Alles andere sei immer ganz schnell wieder weggewesen.

Die heute 20-Jährige hatte von der Ex-Nachbarin des Angeklagten Nachhilfe erhalten und auch häufiger bei ihr übernachtet. Bei diesen Treffen soll auch von anderen Grausamkeiten der Eltern die Rede gewesen sein. Zum Beispiel davon, dass immer wieder Druck auf die Kinder ausgeübt worden sei, indem ihnen gesagt wurde, dass ihre Meerschweinchen weggegeben würden, wenn sie nicht gehorchten.

Angeklagter bleibt bei seiner Aussage

Dem 58-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, seine älteste Tochter jahrelang sexuell missbraucht zu haben – was er vehement bestreitet. Genau, wie auch ein Schlagen der Kinder. Zu dem Tag, an dem die damals 16-Jährige nicht mehr nach Hause gekommen ist, sagte er am Donnerstag: „Das war ein sehr trauriger Tag für mich.“

Der Prozess hatte Anfang der Woche unterbrochen werden müssen, weil eine Schöffin überraschend erkrankt war. Bis Donnerstagmorgen war völlig unklar, ob das Strafverfahren überhaupt fortgesetzt werden könnte. Doch dann war die ehrenamtliche Richterin pünktlich zum Prozessauftakt wieder da.

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