Eine Ära endet: Rita Schenking schließt ihr traditionsreiches Schuhgeschäft am Kirchplatz

Einzelhandel in Herbern

Eine Institution in Herbern geht: Rita Schenking, die in dritter Generation das Schuhgeschäft der Familie führt, schließt den Laden. Die 64-Jährige ist bereit für das Rentendasein.

Herbern

, 17.03.2019, 13:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Eine Ära endet: Rita Schenking schließt ihr traditionsreiches Schuhgeschäft am Kirchplatz

Rita Schenking mit ihrer „Rutsche“, die vor allem bei den kleinen Kunden beliebt war. Nach 44 Jahren geht Rita Schenking in den Ruhestand und schließt ihr Geschäft, das es schon seit 1893 gibt. © Claudia Hurek

„Wenn mir einer damals erzählt hätte, dass das mal mein Schwiegersohn wird, hätte ich das niemals geglaubt.“ Diesen Satz sagte einst der Vater von Rita Schenking, Inhaberin des gleichnamigen Schuhgeschäftes am Kirchplatz in Herbern. Zum 31. März schließt der kleine Laden, der seit 1893 in der nunmehr dritten Generation in Familienhand ist; beim Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte fallen der Inhaberin viele Anekdoten ein.

„Liebe auf den ersten Blick“

Eben auch die, zu der dieser Satz des Vaters gehört. „Früher gab es in dem Haus neben dem Schuhgeschäft auch eine Schneiderei, in der mein Vater gearbeitet hat“, sagt Rita Schenking. „Im Flur stand ein Kinderwagen, in dem Willi, der Sohn des Schuhmachers, an Windpocken erkrankt, jämmerlich schrie. Weil er so nicht in Ruhe nähen konnte, holte mein Vater den Kinderwagen an seinen Arbeitsplatz und schunkelte diesen mit den Beinen, mit den Händen musste er ja nähen, so lange hin und her bis Klein-Willi einschlief.“

Viele Jahre später erst lernten sich Rita Schenking (64) und ihr späterer Ehemann Willi dann tatsächlich kennen, und zwar in der ehemaligen Gastwirtschaft von „Tropi“ Wesselmann am Kirchplatz. „Dort saß er in seinem roten Pullover am Tresen und war so ein hübscher Mann“, erinnert sich die gelernte Einzelhandelskauffrau. „Das war Liebe auf den ersten Blick.“

Kinder als Lieblingskunden

Im Jahr 1975 haben die beiden geheiratet und das Schuhgeschäft gemeinsam geführt. Karnevalsveranstaltungen mit den Domhöfern, das Laientheater und der Fußball beim SV Herbern gehörten zu den Freizeitaktivitäten des Ehepaares.

Den Urlaub verbrachten die begeisterten Wanderer einmal jährlich für eine Woche in Österreich sowie an langen Wochenenden für einen Kurzurlaub in Niederfels im Sauerland.

„Rutsche“ bei Kindern legendär

„Wir haben uns beide mit Leib und Seele unserem Geschäft verschrieben“, so Schenking. „Meine Lieblingskunden waren immer die Kinder. Die kleinsten durften zuerst immer eine Runde auf der ‚Rutsche‘ (einem Holzgestell, das eigentlich der Schuhanprobe dient) runterdüsen.“

Ob die Fußballspieler des SVH, die jeden Sonntagmorgen vor dem Spiel noch eben vorbeikamen um sich Stollen unter die Schuhe schrauben zu lassen, oder auch der Kunde, der auf dem Weg von Hamburg nach München zu einer Beerdigung unterwegs war und um 23 Uhr „noch eben“ ein paar schwarze Schuhe gekauft hat – das Ehepaar Schenking stand immer mit viel Liebe und Herzblut „Gewehr bei Fuß“.

Willi Schenking stirbt nach kurzer Krankheit

Im Jahr 2001 verstarb Willi Schenking im Alter von 55 Jahren innerhalb von kurzer Zeit an einem Hirntumor. „Nach nur vier Monaten, zehn Tagen und einer Woche waren alle unsere Träume für das spätere Rentendasein dahin.“ Eine Woche nach der Beerdigung ihres Mannes stand Rita Schenking wieder in ihrem Laden. „Das war für mich auch ein Stück Trauerbewältigung.“Viele Stammkunden halten dem kleinen Geschäft bis heute die Treue.

Eine Ära endet: Rita Schenking schließt ihr traditionsreiches Schuhgeschäft am Kirchplatz

Rita und Willi Schenking - hier im Jahr 1994 beim Karneval der Domhöfer - waren ein unschlagbares Paar. © Claudia Hurek

„Eine Familie kauft tatsächlich schon seit Generationen bei uns ihre Schuhe. Die Enkel und Urenkel wohnen inzwischen in Dortmund und kommen immer noch zu mir. Der Urenkel (10) brachte mir beim letzten Besuch einen Strauß Blumen mit und war ganz traurig, dass ich den Laden schließe.“

Auch die älteren Kunden, die teilweise ebenfalls seit Jahrzehnten hier kaufen, bedauern die Schließung. Seitdem die großen Schilder mit „Räumungsverkauf“ in den Schaufenstern hängen, steht die Türglocke während der Öffnungszeiten kaum still.

Druck des Onlinehandels

Das Internet, der Druck der großen Firmen und das inzwischen passende Rentenalter sind die Gründe für die Schließung Ende März. Das tut sie mit „zwei lachenden Augen“, wie Rita Schenking voller Überzeugung sagt.

Seit vielen Jahren verbringt sie ihren Urlaub, mal mit Freundin, mal mit ihrer Schwester oder allein in Norddeich. „Nun kann man diesen auch mal gerne auf drei Wochen ausdehnen.“ Und nun hat sie auch Zeit für spontane Kaffeetrinken mit Freunden oder Ausflüge, Spaziergänge, Sport. „Schauen wir mal, was da so alles kommt“, sagt Rita Schenking.

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