Mama Mia, Hauptstadtmutti, Frau Mutter – Mutti-Blogs im Internet gibt es zuhauf. Einen ungeschönten Einblick in Schwangerschaft und Muttersein gibt Marie-Christin Uhlenbrock in ihrem Buch.

Ascheberg

, 12.02.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Foren zur Schwangerschaft, Blogs und Berichte über das neue Leben mit einem Baby und unzählige Ratgeber im Buchhandel. Werdende oder frisch gebackene Mütter können sich heute nicht nur bei ihrer Frauenärztin oder Hebamme informieren. Wie viele Frauen hatte auch Marie-Christin Uhlenbrock aus Ascheberg viele Fragen rund um ihre Schwangerschaft.

Dabei merkte sie schnell, dass unangenehme Themen kaum eine Rolle spielen. „Wenn man frisch gebackene Mutter ist, muss man strahlen und glücklich sein. Natürlich freut man sich und ist glücklich, aber körperlich ist man total im Eimer. Und psychisch musst du so viel verarbeiten… Das macht ganz viel mit einer Frau“, sagt die 31-Jährige.

Sie selbst fühlte sich nicht genügend aufgeklärt, über die Dinge, die sie während dieser Phase, die ihr Leben auf den Kopf stellen wird, durchleben wird.

Intimer Einblick

Das wollte sie ändern. Deshalb teilte sie ihre persönlichen Erfahrungen, Sorgen und Ängste in einem Blog im Internet mit anderen Menschen. Auf „Deine Rabenmutter“ berichtet sie seit Mai 2016 über ihre Erlebnisse rund um die Geburt ihrer Tochter.

Einen intimen Einblick bekommen ihre Leser. Ungeschönt und authentisch spricht sie bewusst Tabu-Themen an: Übelkeit und Hämorrhoiden in der Schwangerschaft, ungewollte Ausscheidungen im Kreißsaal oder Verstopfung und Sex nach der Schwangerschaft.

Erfolgreicher Blog

Marie-Christin Uhlenbrock spricht Themen an, die einige Mütter beschäftigen, aber ungern aussprechen möchten. Und damit spricht sie vielen Gleichgesinnten aus der Seele. Ihr Blog „Deine Rabenmutter“ erreicht laut Uhlenbrock regelmäßig 30.000 Leser. In der Spitze werden Texte bis zu 750.000 Mal angeklickt.

„Wenn ich etwas wirklich Unangenehmes mit viel Witz und Humor schreibe, dann geht das schon mal durch die Decke“, sagt die Aschebergerin. Der Erfolg zeigt: Genau das hat offenbar auf dem Markt mit den vielen „glitzernden Mama-Blogs“ (O-Ton Uhlenbrock) gefehlt.

Hämorrhoiden und Sex: Marie-Christin (31) schreibt über Tabu-Themen der Schwangerschaft

Marie-Christin Uhlenbrock hat ihr eigenes Buch rausgebracht. © Andrea Wellerdiek

Im Januar 2019 brachte sie ihr erstes Buch heraus. „Die Mutterkomplexe“ ist ein „(Un)Ratgeber“, wie Marie-Christin Uhlenbrock selbst beschreibt. Gleich im Vorwort macht sie klar: „Wenn du etwas über märchenhafte Schwangerschaften oder friedliche Geburten auf einer mystischen Waldlichtung lesen möchtest, kauf dir lieber einen anderen Ratgeber!“

Alle anderen lädt sie ein, beim Lesen des Buches vor Scham zu erröten, sich vor Lachen den Bauch zu halten oder vor Ekel das Buch in die Ecke zu schmeißen.

„Es ist ein sehr dramatischer Einschnitt in die Psyche und die körperliche Verfassung.“
Marie-Christin Uhlenbrock

Es beginnt mit dem unfreiwilligen Göbeln in Nachbars Blumenkübel, ungeahnten Gerüchen, Fressattacken und Stimmungsschwankungen. Eine Schwangerschaft ist doch was Schönes. Na klar. So schön wie schmerzhafte Hämorrhoiden. All das kann aber passieren, wenn der Braten erst mal in der Röhre ist.

Marie-Christin Uhlenbrock schreibt auf humorvolle, unverblümte Weise. Sie berichtet über die Angst, ihr Kind zu verlieren. Sie schildert Situationen, auf die sie niemand vorbereitet hat.

„Ich glaube, dass viele Ärzte und Hebammen eine Schwangerschaft bewusst im positiven Rahmen halten, um gar nichts Negatives aufkommen zu lassen. Dabei ist eine Schwangerschaft eine Sache, die man nicht so einfach wegstecken kann. Es ist ein sehr dramatischer Einschnitt in die Psyche und die körperliche Verfassung“, sagt sie.

Mehr Aufklärung untereinander

Einen ersten Überraschungsmoment erlebte die Aschebergerin während der Geburt, als sie in der Badewanne gelegen hat. „Immer wenn ich eine Wehe hatte, kamen sehr große Gewebestücke mit heraus, die mich sehr erschrocken haben. Ich wusste nicht, dass das passieren kann. Das hat mich echt aus den Socken gehauen. Vor allem weil ich jemand bin, der eigentlich kein Blut sehen kann“, erzählt sie.

Jede Schwangerschaft sei anders, sagt sie. Dennoch hätte sie sich gewünscht, dass auch solche Themen angesprochen werden. „Eigentlich müssten sich die Frauen gegenseitig mehr aufklären“, sagt Uhlenbrock. In Gesprächen mit anderen Schwangeren habe sie aber immer wieder erlebt, dass man ungern über unangenehme Situationen spricht.

Zweiter Schockmoment nach der Geburt

„Sie möchten bei dem positiven Bild von der Schwangerschaft und dem Muttersein bleiben. Es könnte ansonsten den Anschein erwecken, dass man keine glückliche Mutter sein könnte.“ Und am Ende würde man immer nur die Floskel hören: Nach der Geburt war alles vergessen. „Von wegen“, sagt Marie-Christin Uhlenbrock.

Nach einer Geburt ohne Komplikationen und rund 24 Stunden Wehen ging ihr persönliches „Analgeddon“, wie sie es nennt, los. Das Wasserlassen und das große Geschäft schmerzten.

„Der Körper kommt einem so fremd vor.“
Marie-Christin Uhlenbrock

„Man fühlt sich unwohl. Und keiner kann einem das abnehmen. Du musst da durch und nebenbei einen Säugling versorgen. Man weiß einfach nicht, wo einem der Kopf steht und der Körper kommt einem so fremd vor.“

Der erste Stuhlgang nach der Geburt werde genauso wenig besprochen wie der erste Sex nach der Entbindung. Tabu-Themen wie diese bilden den Inhalt des Buches „Die Mutterkomplexe“. Die Reaktionen seien bislang durchaus positiv, erzählt Marie-Christin Uhlenbrock.

Entscheidung gegen Pseudonym

Anfangs wollte sie das Buch, das sie selbst mit dem Verlag Tredition verlegt hat, unter einem Pseudonym veröffentlichen. Ihr Buch ist nicht nur sehr intim, sondern auch speziell, humorvoll und nicht selten mit vulgären Ausdrücken geschrieben. Sie spielt eben gern mit dem Klischee einer Rabenmutter. „Jeder, der mich kennt, weiß aber auch, dass ich nicht so rede“, sagt sie.

Dennoch hat sie zunächst die Sorge, dass sie ihren gesellschaftlichen Stand oder ihren Job als Erzieherin verlieren könnte. Irgendwann entscheidet sich die junge Frau, die von ihrem Partner und ihrer Familie stets Unterstützung für ihr Vorhaben bekam, gegen ein Pseudonym.

Hämorrhoiden und Sex: Marie-Christin (31) schreibt über Tabu-Themen der Schwangerschaft

Marie-Christin Uhlenbrock möchte ein Vorbild sein für ihre dreijährige Tochter. Deshalb hat sie das Buch nicht unter einem Pseudonym veröffentlich. Sie möchte dem Buch ein Gesicht geben. © Andrea Wellerdiek

„Ich möchte, dass meine Tochter im Frausein und ihrer Kreativität frei aufwächst. Sie sollte nie das Gefühl haben, sich verstecken zu müssen. Wenn ich das Buch unter einem Pseudonym veröffentlicht hätte, hätte ich ihr gezeigt, dass man sich dafür schämen muss. Ich möchte ihr aber ein Vorbild sein. Es ist nur die Wahrheit“, sagt sie und schaut hinter ihrer dreijährigen Tochter hinterher, die gerade durch die Wohnung flitzt.

Glücklicher könnte sie im Moment gar nicht sein. Sie strahlt, wenn sie an den Moment, als ihre Tochter auf die Welt kam, denkt. Die Strapazen rund um die Geburt hat sie dennoch nicht vergessen. Dass nicht immer alles glitzernd und schön ist, sie aber trotzdem eine gute und glückliche Mutter sein kann, zeigt sie mit ihren Geschichten.

Mit dem Buch „Die Mutterkomplexe“ steht sie nicht nur für ihren Namen, sondern auch für ihre Botschaft: „Ich möchte, dass sich die Frauen verstanden fühlen. Ich möchte dieser Ungewissheit in der Schwangerschaft und was danach passiert, den Wind aus den Segeln nehmen. Und man darf auch mal frustriert sein. Man ist trotzdem eine gute Mutter und eine gute Mutter in spe.“

Vertrauensverhältnis aufbauen

Über unangenehme Themen sprechen – das sollen auch die Schwangeren, die sich von den Hebammen im Geburtshaus Werne begleiten lassen. „Es gibt nichts, worüber wir nicht sprechen. Es gibt keine Tabu-Themen. Wir reden Tacheles“, sagt Hebamme Edina Lippe-Borrmann. Um offen über Sorgen und Ängste zu sprechen, bauen sie schrittweise ein Vertrauensverhältnis zu den schwangeren Frauen auf.

Dies sei manchmal inniger als mit dem Partner, erzählt Lippe-Borrmann. Seit 26 Jahren ist sie bereits als Hebamme tätig. Knapp 3000 Babys hat sie in dieser Zeit mit auf die Welt gebracht. „Mittlerweile gibt es keine Frage mehr, auf die ich keine Antwort habe“, sagt die Leiterin des Geburtshauses Werne.

Schwangere leben in einer rosaroten Welt

Die Geburt und die Schmerzen, die dabei entstehen können, seien Hauptthemen in den Gesprächen. Je näher der Geburtstermin anrückt, umso mehr wandert dies allerdings in den Hintergrund. „Die Frauen haben sich mit dem Thema auseinander gesetzt und wissen dann mehr als am Anfang der Schwangerschaft. Da ist es noch ein großes Thema“, sagt die Hebamme.

Die meisten Frauen würden generell positiv auf ihre Schwangerschaft und Geburt blicken. „Viele leben in einer rosaroten Welt und freuen sich auf das Baby.“ Körperliche Beschwerden würden demnach nur am Rande thematisiert. Auch die Geburtshelferinnen versuchen, das Ganze ins positive Licht zu rücken.

Keine Krankheit

„Ich versuche zu erklären, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit ist“, sagt Edina Lippe-Borrmann. Negative Gedanken kämen eher auf, wenn Frauen ohne Partner sind oder sie vor der Schwangerschaft erkrankt sind – etwa an Depressionen.

Die meisten Frauen könne man aber in die richtige Richtung motivieren, so die Geburtshelferin weiter. „Eine Geburt ist nichts Schlimmes“, betont sie noch einmal.

  • Das Buch „Die Mutterkomplexe – Ein (Un)Ratgeber“ ist im Tredition-Verlag erschienen. Es ist in jeder Buchhandlung bestellbar zum Preis von 10,99 Euro. ISBN: 978-3-7482-0262-2.
  • Auf ihrem Blog „Deine Rabenmutter“ berichtet Marie-Christin Uhlenbrock (31) über ihre Erlebnisse in der Schwangerschaft und im Muttersein: www.frau-rabenmutter.de
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