Am 11. August 2014 hatte sich der damals zwei Jahre und elf Monate alte Lilian Lerbey an einem Knacki-Wurststückchen verschluckt und war erstickt. © Archiv
Gerichtsprozess in Frankreich

Junge (2) an Herta-Würstchen erstickt – Gutachter besucht Knacki-Fabrik

Der Wurstkonzern Herta mit Stammsitz in Herten steht seit Januar vor Gericht. Ein Junge (2) war in Frankreich an einem Knacki-Würstchen erstickt. Nun liegen erste Angaben zum Gutachten vor.

Herta muss sich in Frankreich seit dem 25. Januar 2021 vor Gericht verantworten. „Fahrlässige Tötung durch Verletzung der Sicherheits- oder Vorsichtspflichten“, lautet sinngemäß der Vorwurf. Der Prozessauftakt rief ein enormes Medienecho insbesondere in Deutschland, Frankreich, Benelux, Liechtenstein und Österreich hervor.

Camping-Urlaub endet in einer Tragödie

Hintergrund: Auf einem Campingplatz in Messanges in Frankreich hatte sich am 11. August 2014 der damals zwei Jahre und elf Monate alte Lilian Lerbey an einem Wurststückchen verschluckt und war erstickt.

Die Mutter der aus Bordeaux stammenden Familie hatte für ihre Kinder das seit Jahrzehnten produzierte und auch in Deutschland beliebte Traditionsprodukt „Knacki“ in Stücke geschnitten. Eines verstopfte Lilians Luftröhre. Alle Versuche, die Wurst zu entfernen, scheiterten. Weder eine anwesende Freundin, von Beruf Anästhesie-Krankenschwester, noch herbeigerufene Sanitäter konnten das Kind retten.

Das Verwaltungsgebäude der Herta-Zentrale an der Westerholter Straße in Herten.
Das Verwaltungsgebäude der Herta-Zentrale an der Westerholter Straße in Herten. © Frank Bergmannshoff © Frank Bergmannshoff

Die deutsche Herta GmbH mit Hauptsitz in Herten hatte nach Prozessbeginn ihr großes Bedauern ausgedrückt. Die konkret betroffene Herta-Gesellschaft in Frankreich strebt unterdessen einen Freispruch an. Schon vor der Tragödie habe es auf der Rückseite der Knacki-Verpackungen einen Hinweis gegeben, die Würstchen für die Jüngsten in sehr kleine Stücke zu schneiden.

Nach dem Vorfall wurde der Hinweis – ohne rechtliche Verpflichtung, wie Herta betonte – noch präzisiert. Seitdem lautet er – auf deutschen Verpackungen – so: „Für Kinder unter vier Jahren wegen Verschluckungsgefahr die Würstchen der Länge nach durchschneiden und anschließend in kleine Stücke schneiden.“

Packungen mit Knacki-Würstchen des Herstellers Herta: Auf der Rückseite ist ein Hinweis aufgedruckt, der vor der Gefahr des Verschluckens warnt.
Packungen mit Knacki-Würstchen des Herstellers Herta: Auf der Rückseite ist ein Hinweis aufgedruckt, der vor der Gefahr des Verschluckens warnt. © Frank Bergmannshoff © Frank Bergmannshoff

Doch das reicht den Eltern des verstorbenen Kindes nicht aus. Sie fordern, dass der Warnhinweis größer und deutlicher platziert werden soll, und zwar auf der Vorderseite der Packungen.

Gutachter soll Wurst und Warnhinweise beurteilen

Ursprünglich war das Urteil für den 8. Februar 2021 erwartet worden. Doch die Staatsanwaltschaft forderte zunächst ein Gutachten an. Das Gericht in dem südwestfranzösischen Ort Dax (120 km südlich von Bordeaux) gab diesem Wunsch statt. Damals hieß es, ein Lebensmittel-Experte solle die Zusammensetzung der Wurst und mögliche Zusammenhänge mit dem Tod des Jungen untersuchen. Des Weiteren solle das Gutachten Aufschluss darüber geben, ob – über die heute bestehenden Warnhinweise auf den Knacki-Packungen hinaus – weitere Warnungen nötig sind.

Vergleich zwischen industrieller und handwerklicher Wurst

Eigentlich hätte der Sachverständige bis Oktober 2021 sein Gutachten dem Gericht vorlegen sollen. Doch wie jetzt die französische Zeitung „France Bleu“ berichtet, hat der Fachmann seine Arbeit noch nicht abgeschlossen. Demnach hat der Gutachter im Beisein des Anwalts der Familie Lerbey die Knacki-Fabrik besucht, um sich umfassend über die Zusammensetzung und Herstellung der Brühwurst zu informieren. Im nächsten Schritt wolle er nun die von Herta industriell produzierte Wurst mit einer traditionell vom Metzger handwerklich hergestellten Wurst vergleichen. ‎

Gerichtsmediziner soll Erstickungstod untersuchen

Des Weiteren ermächtigte das Gericht den Sachverständigen, einen Gerichtsmediziner hinzuzuziehen. Dieser solle wiederum untersuchen, ob der Erstickungstod ein tragisches Unglück war oder ob die Beschaffenheit der Herta-Wurst dazu beigetragen hat.

Als neuer Termin für den Prozess wurde der 21. Februar 2022 angesetzt – vorausgesetzt, der Gutachter hat bis dahin seine Stellungnahme vorgelegt.

Mehrheit an Herta wurde 2020 an Spanier verkauft

Das Unternehmen Herta mit Hauptsitz und Stammwerk in Herten sowie mit zwei weiteren Werken in Frankreich gehörte bis 2020 vollständig zum Lebensmittelkonzern Nestlé. Inzwischen hat Nestlé 60 Prozent an das spanische Unternehmen Casa Tarradellas verkauft.

Herta beschäftigt rund 370 Menschen am Hauptsitz in Herten-Langenbochum (Verwaltung/Produktion) sowie insgesamt rund 1700 Menschen in den beiden französischen Werken in Illkirch und Saint-Pol-sur-Ternoise. Überhaupt ist Herta auf dem französischen Markt wesentlich bedeutender als in Deutschland und dort zum Beispiel auch für Teigwaren (Nudeln usw.) bekannt.

Herta-Gründer Karl-Ludwig Schweisfurth war am 15. Februar 2020 verstorben. Er hatte den Wurstkonzern 1986 an Nestlé verkauft, um sich danach der ökologischen Landwirtschaft zu verschreiben.

Über den Autor
Leiter Lokalredaktion Herten
Kind des Ruhrgebiets, aufgewachsen in Herten und Marl. Einst Herausgeber einer Schülerzeitung, heute Redaktionsleiter, Reporter, Moderator. Mit Leidenschaft für hintergründigen, kritischen Journalismus – mit Freude an klassischer Zeitung – mit Begeisterung für digitale Formate – mit Herz für Herten. Unterwegs mit Block und Kamera, Smartphone und Laptop in allen Themenfeldern, die die Menschen bewegen. Besonders gerne hier: Politik, Stadtentwicklung, öffentliche Daseinsvorsorge, Energiewirtschaft, Gesundheitswesen, Digitalisierung, Blaulicht.
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