"Lieber alberner Name als lächerliche Politik"

Stammtisch der Piraten

Sie sind die Senkrechtstarter der Parteienlandschaft: Laut aktueller Forsa-Umfrage wären die Piraten drittstärkste Kraft in Deutschland und kämen auf zwölf Prozent. Ebenso viele Teilnehmer nahmen am zweiten Kirchhellener Stammtisch teil.

KIRCHHELLEN

von Von Berthold Fehmer

, 19.04.2012, 16:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer sind die Menschen, die am Mittwochabend das "Klosterstübchen" enterten? Da ist etwa Informatikerin Nina (32), die in Kirchhellen wohnt, seit 2008 bei den Piraten ist, mit Piratenflaggen am Auto vorgefahren kommt und sich vor allem für Bürgerrechte und Datenschutz interessiert. Oder der Software-Entwickler Nils (25), der vor allem Gesundheitsthemen verfolgt und von sich selbst sagt: "Ich rede sehr gerne.""Nur zum Zuhören" Doch nicht nur die "Jugend" ist vertreten: Einige Ältere sind "nur zum Zuhören" gekommen. Einer bemängelt, dass man aus der DDR einiges aus dem Bildungssystem hätte übernehmen können. Und bringt im weiteren Diskussionsverlauf Chaos- und Evolutionstheorie sowie Ehec-Bakterien in einem Redebeitrag unter. Innerhalb von rund 30 Sekunden! Neu dabei ist der 46-jährige Finanzbeamte Andreas. Er interessiert sich für Steuerpolitik, arbeitet sich bei den Piraten derzeit in die Thematik ein. "Das ist schon schwere Kost." Im Bauaufsichtsamt hat der 58-jährige Bernd gearbeitet und sich eigener Aussage nach in der SPD nicht mehr wohlgefühlt. Hohe Spritpreise oder die Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem ärgern ihn: "Wenn ihr Piraten da mal was machen könntet...". Rainer Woldenga unterbricht. "Die Devise ist: Selber machen - wir helfen dabei."Nicht käuflich, nur wählbar Der Direktkandidat der Piraten in Bottrop trägt Buttons mit der Aufschrift "Nicht käuflich, nur wählbar" oder "Lieber einen albernen Namen als lächerliche Politik" an seinem Sakko. Ihm ist wichtig, beim Stammtisch zu vermitteln, wie die Piraten funktionieren. Wie Meinungsbildung verläuft, welche Werkzeuge im Internet dafür zur Verfügung stehen. Während die "alten Hasen" um die 30 den "Nachwuchspiraten" um die 60 das "Piraten-Wiki", "Piratenpad" oder die Audi-Konferenz-Software "Mumble" zeigen, mit denen die Piraten per Internet kommunizieren, haben "die Neuen" viele Fragen. Ob die Technik nicht missbraucht werden könnte? Oder ob es Regeln gebe, um Pöbeleien in den Diskussionen auszuschließen? Nils: "Ja. Die Regel lautet: Nicht pöbeln!" Doch auch grundsätzliche Kritik an der Techniklastigkeit wird von der älteren Generation geäußert: "In meinem Freundeskreis kenne ich ganz viele, die diese Hürde nicht nehmen würden." Oder: "Das ist alles sehr technisch - politisch ist das noch nicht." Woldenga wirft ein, dass man in Bottrop und Kirchhellen ja noch am Anfang stehe. "Essen ist bedeutend weiter. Die sind breiter aufgestellt. Ihr seid der Anfang hier für Kirchhellen." Von Nina erhalten die Teilnehmer zwei Seiten eng bedrucktes Papier: eine "untechnische Anleitung" für Neu-Piraten. Titel: "How to be a pirate".Wo sind die Schwächen der Piraten?

Während im Thekenraum das Fußballspiel Barcelona gegen Chelsea läuft - übrigens mit doppelt so vielen Besuchern wie der Piratenstammtisch - will einer der älteren Zuhörer von Woldenga wissen: "Wo seht ihr eure Schwächen?" "Wir sind keine Politprofis. Wir sind noch unverdorben." Sich in Themen wie Wirtschafts- und Finanzpolitik Standpunkte zu erarbeiten, brauche Zeit. "Unser Parteiprogramm ist dafür nicht von der Industrie diktiert." Für die Ressentiments, die den Piraten aus Reihen der etablierten Parteien derzeit entgegen schlagen, hat Woldenga hingegen eine einfache Erklärung: "Wenn wir mit 20 Prozent in den Landtag einziehen, dann ist ein Fünftel der Landtagsabgeordneten arbeitslos."

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