Vom Mythos der Revierderbys

Vortrag im Hof Jünger

"Derbys sind etwas ganz Besonderes für die Menschen im Ruhrgebiet", sagt Professor Dr. Andreas Luh. Am Freitagabend (26.2.) referierte er im Kulturzentrum Hof Jünger in Kirchhellen vor einem fußballbegeisterten Publikum über die Bedeutung des Revierderbys zwischen Schalke und Dortmund für das Ruhrgebiet.

Kirchhellen

von Lioba Vienenkötter

, 28.02.2016, 16:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Sporthistoriker, der an der Bochumer Universität lehrt, erklärte zunächst den Begriff des „Derbys“, der eigentlich aus dem britischen Pferdesport stammt und heutzutage die sportliche sowie räumliche Konkurrenz zweier Fußballvereine beschreibt.

Daraufhin erläuterte er, warum man bei der Rivalität zwischen Schalke und Dortmund überhaupt erst seit den 1980er-Jahren von einem Derby sprechen könne und der Mythos der „jahrhundertealten Rivalität“ somit zerplatzt: Zum einen sei das Ruhrgebiet erst seit seinem wirtschaftlichen Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsregion zu einer Heimat geworden, auf die man stolz ist, um die man kämpft.

Auf Augenhöhe

Außerdem sei die sportliche Konkurrenz auf Augenhöhe noch gar nicht so lange gegeben. Zuvor, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, haben sich die beiden Vereine, so Luh, sowohl finanziell als auch solidarisch unterstützt, haben einander sogar Glück gewünscht und zu Siegen gratuliert. Erst die Radikalisierung der Fans, die Extremisierung der Identifikation mit dem Verein sowie die überspitzten Darstellungen dieser Feindschaft in den Medien hätten den Mythos des Revierderbys zum Leben erweckt. Prof. Luh erläuterte aber auch, dass es schon seit Anbeginn des Fußballs sogenannte Derbys im Ruhrgebiet gab, nur halt auf der Ebene der Stadtteilvereine, in denen die Menschen aufwuchsen und lebten: „Fußball hat den harten Alltag des Ruhrgebiets geprägt, wie nirgendwo sonst.“

Derby kleiner Vereine

Und auch bei den Derbys kleinerer Vereine sei die Begeisterung der Fans keineswegs geringer als bei den Spitzenspielen, wie ein Zuschauer prompt am Beispiel Kirchhellen gegen Grafenwald lebhaft verdeutlichte. Das Publikum, das sich während des gesamten knapp zweistündigen Vortrags begeistert war, unterstützte Prof Luh ein ums andere mal mit zustimmenden Zwischenrufen und Applaus. Die allgemeine Fußballbegeisterung der rund 35 Besucher zeigte sich schon vor Beginn der Veranstaltung, als ein Hobbypoet im Foyer des Hofes Jünger selbst geschriebene Schalke-Gedichte vortrug. Aber auch die Diskussionsrunde in der zweiten Halbzeit nach der Pause stieß auf große Beteiligung, in der auch weniger schöne Themen wie die Gewalt unter den Fans zur Sprache kamen.

Lesen Sie jetzt