Vor 70 Jahren nach Kirchhellen geflüchtet

Kloster nahm Familie auf

Am Samstag (19. November) war es genau 70 Jahre her, dass Georg Gottwald von Schlesien nach Kirchhellen flüchtete. Unterschlupf fanden er und seine Familie damals im Jugend-Kloster. Dort lebten sie sieben Jahre lang in einem Waschkeller. Auch heute noch hat der 82-Jährige enge Kontakte in die alte Heimat.

Kirchhellen

, 20.11.2016 / Lesedauer: 3 min

Georg Gottwald war zwölf Jahre alt, als sich sein Leben innerhalb kürzester Zeit radikal änderte. Damals lebte er mit seinen Eltern, sechs Geschwistern und der Großmutter in der schlesischen Grafschaft Glatz. Seine Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft von rund elf Morgen.

Drei Monate nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wir plötzlich angewiesen eine polnische Frau mit drei Kindern aufzunehmen“, erinnert er sich. Das Haus war voll, trotzdem pflegte man ein gutes Verhältnis untereinander. Dann begann die Vertreibung der Deutschen durch die Polen. „Wir waren die letzte Familie im Dorf, die raus musste. Lange hatten meine Eltern gehofft, dass sie bleiben können, da mein Vater als Schneider viel für die Polen genäht hat“, erzählt der 82-Jährige. Von einem auf den anderen Tag musste die Familie dann den Hof verlassen. Mitnehmen konnten sie nur das, was sie tragen konnten. Die bei der Familie lebende polnische Frau schlachtete noch schnell ein Huhn und gab der flüchtenden Familie das Fleisch in einer Milchkanne mit auf den Weg.

Im Viehwaggon nach Hoyerswerda

Diese wurde mit 30 Personen in einen Viehwaggon gepfercht. Ziel unbekannt. Zwölf Jahre war Georg Gottwald damals alt. Für seine Eltern war es eine Horrorfahrt ins Ungewisse, „für mich war das alles ein großes Abenteuer. Ich habe noch gar nicht so richtig verstanden, was da gerade passierte“, sagt Gottwald. Ihr Weg führte über Auffanglager in Hoyerswerda und Werda. Gottwalds Großmutter verstarb auf der Reise.

Das Glück der flüchtenden Familie war in dieser Situation ein bei den Redemptoristen in Kirchhellen arbeitender Onkel. Er sorgte dafür, dass sie am 19. November 1946 im heutigen Jugend-Kloster Kirchhellen eine neue Heimat fanden. „An diesem Tag wurde meine Mutter 50 und wir sind durch den ganzen Ort gelaufen, um ein Geschenk zu suchen.

Gefunden haben wir aber nichts“, erinnert sich Georg Gottwald. Sieben Jahre lebte die Großfamilie in zwei Räumen im kalten Keller der Brennerei gegenüber dem Kloster. Zu essen bekamen sie, was in der großen Kloster-Küche übrig blieb. „Wir hatten großes Glück, dass wir dort aufgenommen wurden“, sagt Gottwald heute.

Kontakt zum Kloster

Im Jahr 1953 kaufte seine Familie ein Grundstück am Wenkendiek. Heute lebt er mit seiner Frau ganz in der Nähe des Klosters. Einmal in der Woche arbeitet er im Kloster-Garten und im Friedhof. So pflegt er auch den Kontakt zu den aktuell dort lebenden Flüchtlingen. „Im Vergleich zu uns haben die dort den Himmel auf Erden. Sie werden versorgt und bekommen Geld vom Staat“, findet Gottwald.

Er selbst ging noch dreieinhalb Jahre in Kirchhellen zur Schule. Dort war er nicht unwillkommen, „ich bin jedoch nie so warm geworden, wie da wo ich meine Wurzeln habe.“ Alle zwei Jahre fährt er gemeinsam mit Familie und Bekannten mit dem Bus in die alte Heimat. Einmal wollte er sogar den alten Hof seiner Eltern kaufen, bei den letztendlichen Verkaufsverhandlungen wurde er jedoch gar nicht informiert. Ernsthaft überlegt zurückzugehen hat er jedoch nicht. Er lebt gerne in Kirchhellen: „Außerdem spreche ich ja kein polnisch. Meine Eltern wären damals aber sehr gerne zurückgekehrt.“

Reise in die Vergangenheit

Insgesamt 20 Jahre arbeitete er als Schlosser bei Liesenklas, 20 Jahre bei der Werksfeuerwehr. Mit 55 Jahren machte ihn ein schwerer Verkehrsunfall zum Rentner. Viele Jahre engagierte er sich beim „Lebenszeichen Tschernobyl“, brachte regelmäßig Hilfsgüter nach Russland. Seine eigenen drei Kinder haben keine Verbindung mehr zu seiner ursprünglichen Heimat. Mit seinen Enkelkindern hat er jedoch erst kürzlich eine Reise in die Vergangenheit unternommen. „Ihnen hat es gefallen und sie wollen wieder hin“, freut sich Georg Gottwald. 

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