Wegfall sozialer Kontakte trifft eine Menschengruppe besonders schwer

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Die Coronakrise beeinträchtigt das soziale Leben von jedem. Allerdings sind psychisch kranke Menschen auf Hilfe angewiesen, die sie nun schwerlich bekommen. Ihr Gesundungspotenzial sinkt.

Kirchhellen

, 11.04.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In Kirchhellen ist das St.-Antonius-Krankenhaus Anlaufstelle für psychisch kranke Menschen - ob stationär oder ambulant. Dr. Astrid Rudel ist die Chefärztin der Psychiatrischen Einrichtung und sagt zur aktuellen Lage: „Unsere Patienten sind wie die Bevölkerung insgesamt den Einschränkungen des öffentlichen Lebens und Unsicherheiten unterworfen. Wenn Menschen unter psychischen Erkrankungen oder Abhängigkeitserkrankungen leiden, wiegt der Wegfall sozialer Kontakte aber ganz besonders schwer.“

Risiko für Rückfall durch Corona erhöht

Wichtige Bestandteile der Arbeit in der Psychiatrie seien aus therapeutischer Sicht angenehme soziale Aktivitäten in der Gemeinschaft, ambulante Gruppentherapien, Selbsthilfegruppen und Beratungsangebote. Allerdings seien genau diese Dinge derzeit nur sehr eingeschränkt möglich. Dadurch werde das Risiko einer Wiedererkrankung „nicht unbeträchtlich erhöht“.

Alternativen zu schaffen, beispielsweise durch den psychosozialen Dienst im ambulanten Bereich oder durch die Städte, sei derzeit schwierig, da man durch den Einzelkontakt mehr Personal als für Gruppen brauche. Trotzdem werde derzeit versucht alles möglich zu machen, was möglich ist.

Direkte Kontakte werden so weit es geht vermieden

“Wir bieten im ambulanten Sektor Unterstützung an. Im Zuge des Infektionsschutzes versuchen wir, über unsere Institutsambulanz möglichst telefonische Gespräche zu führen und direkte Kontakte zu vermeiden“, so Chefärztin Astrid Rudel.

Außerdem werden stationäre Aufnahmen vermieden, wenn es zu verantworten ist. Stattdessen setzt man im Klinikum auf intensivere ambulante Kontakte und Telefongespräche. Gerade für ältere Menschen sei ein Aufenthalt in einem Krankenhaus, in dem trotz Kontaktreduktion viele Menschen zusammenkommen, jetzt ein Risiko.

Für dringende Fälle gibt es „Isolationszimmer“

“Für Menschen, die dringend und unbedingt sofort einer stationär-psychiatrischen Behandlung bedürfen und die die Kriterien für den Verdacht auf eine Corona-Infektion erfüllen, schaffen wir ‚Isolationszimmer‘“, so Astrid Rudel.

Nicht alle verstehen die neuen Regeln in der Klinik. Ein geringer Teil der psychisch kranken Menschen verhalte sich krankheitsbedingt unkooperativ. Manche Patienten können Hygiene- und Abstandsregeln wegen der Erkrankung nicht einhalten oder reagieren, zum Beispiel unter dem Eindruck paranoider Ängste, aggressiv.

Belastungsproben für Patienten nicht mehr verantwortbar

Normalerweise sollen kleine Belastungsproben den Patienten die Alltagstauglichkeit näher bringen und schädliche Verhaltensweisen durch hilfreiche Strategien im realen Leben ersetzen. Doch durch das Coronavirus ist das „nicht verantwortbar“.

Alle sonst üblichen Anwendungen, Therapien und Arbeitsgruppen wurden so weit heruntergefahren, dass es die Gesundheit der Patienten und des Klinikpersonals nicht gefährdet. „Das alles erschwert natürlich die Behandlung. Wir müssen in diesem Punkt das Gegenteil von dem tun, was wir den Patienten unter normalen Umständen empfehlen“, sagt die Chefärztin.

Nicht alles ist schlecht in dieser Zeit

Das bedeutet essen und spielen in Kleingruppen. Mit Angehörigen wird nur telefoniert und viele Gespräche finden unter vier Augen statt, statt wie sonst in Gruppen. „Statt Gruppenaktivitäten aufzubauen, geht es noch mehr darum, was der Einzelne in diesem Moment braucht und für sich tun kann, um sich zu stabilisieren“, sagt Astrid Rudel.

Alle packen mit an, wo es geht. Dinge, die noch vor einigen Wochen nicht machbar schienen, würden nun leicht von der Hand gehen. Das Verständnis füreinander und paradoxerweise auch die geistige Nähe seien gewachsen. „Es wird deutlich, was wichtig, und was nicht wichtig ist. Und vor allem - es gibt ein ganz klares gemeinsames Ziel“, so Astrid Rudel.

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