Martin Gottwald (vorne sitzend) und Franz Mohr (hinten sitzend) gewähren Agenturchef Frank Benölken (hinten) Einblick in ihre Arbeit, während Firmen-Chef Thorsten Kuligga Anweisungen gibt. © Randolf Leyk
Arbeitsmarktlage

Warum ein Chef selbst noch einmal die Schulbank drückt

Deutlicher Abbau bei Langzeit- und jungen Arbeitslosen im Vest: Die Arbeitslosenquote erreicht wieder Vor-Pandemie-Niveau. Ein Castrop-Rauxeler IT-Unternehmen zeigt, wie man Fachkräfte bindet.

Absagen über Absagen – vor allem coronabedingt schien die verzweifelte Ausbildungssuche von Martin Gottwald und Franz Mohr ohne Erfolg im Nichts zu versanden. Dabei suchten die beiden 23-Jährigen händeringend nach einer Lehrstelle.

Heute können die jungen Männer strahlen – genauso wie ihr Chef, IT-Unternehmer Thorsten Kuligga. Im Asmo-IT-Systemhaus in Castrop-Rauxel macht Martin Gottwald seine Ausbildung zum Kaufmann für IT-Systemmanagement, vor der Franz Mohr wohl auch in Kürze stehen dürfte. Sie fühlen sich in Castrop-Rauxel angekommen. „Hier werde ich bereits jetzt als vollwertiger Mitarbeiter akzeptiert“, sagt Martin Gottwald.

Tolles Beispiel für Teamarbeit

„Das ist ein tolles Beispiel, das zeigt, wie erfolgreich Arbeitsplatzvermittlung sein kann, wenn alle Seiten an einem Strang ziehen“, freut sich der Recklinghäuser Arbeitsagenturchef Frank Benölken über die gelungene Integration.

„Alle Seiten“: Damit meint Benölken nicht nur seine Agentur und die beiden jungen Männer, sondern auch den Arbeitgeber und die rebeq GmbH. Die Awo-Tochter bietet unter anderem Arbeitsmarktdienstleistungen sowie Beratungs- und Bildungsangebote für arbeitslose Menschen.

Über die Berufsberatung der Agentur für Arbeit gelangten Martin Gottwald aus Castrop-Rauxel und Franz Mohr aus Recklinghausen zur rebeq und von dort an Thorsten Kuligga, der mit seiner Firma Lösungen aus den Bereichen IT-Service, IT-Sicherheit, IT-Infrastruktur und Cloud Computing anbietet.

Chef drückt selbst noch einmal die Schulbank

„Wir benötigen dringend Fachkräfte, warum also nicht selbst ausbilden?“, fragte sich Kuligga vor einem guten Jahr, mitten in der Hochzeit der Pandemie. Dann könne man die Mitarbeiter auch direkt in die richtige Richtung lenken und entsprechende Thematik einarbeiten.

Einziges Problem: In der Firma gab es keinen Ausbilder. Kurzerhand drückte der Chef selbst noch einmal die „Schulbank“ und absolvierte die Ausbilder-Eignungsprüfung. Über so viel unternehmerische Verantwortung freut sich nicht nur Frank Benölken.

Verzicht auf finanzielle Hilfen

Auch Sozialpädagoge Heiko Finger und die Recklinghäuser rebeq-Standortleiterin Felicia Kneist, die für die Betreuung der arbeitssuchenden Menschen zuständig sind, loben die Zusammenarbeit mit dem IT-Systemhaus.

Dabei geht Thorsten Kuligga, der deutschlandweit auch als IT-Trainer für Administratoren unterwegs ist, sogar noch einen Schritt weiter und verzichtet auf ihm zustehende finanzielle Unterstützung durch die Agentur für Arbeit. Er übernimmt die Kosten mittlerweile selbst.

Mehr als 35 Prozent sind Ungelernte

Solch ein Engagement trage, so Benölken, auch dazu bei, dass die Arbeitslosenquote im Oktober unter die magische Marke von acht Prozent im Kreis Recklinghausen gerutscht ist: „So schnell hatten wir damit nicht gerechnet. Nun liegen wir mit den Zahlen wieder auf Vor-Pandemie-Beginn-Niveau.“

In weiteren Zahlen bedeutet das: 25.710 arbeitslose Menschen und damit 830 weniger als im September (-3,1 Prozent) und 3.658 weniger als im Oktober vor einem Jahr (-12,5 Prozent). Die Arbeitslosenquote reduzierte sich um 0,2 Punkte auf 7,9 Prozent. Vor einem Jahr betrug sie 9,0 Prozent. Auf alle Arbeitslose geguckt, sind unter ihnen mehr als 35 Prozent, die ungelernt sind und qualifiziert werden müssen.

Im November wird weiterer Rückgang erwartet

Grund sei unter anderem die anhaltende Nachfrage nach Arbeitskräften und der daraus resultierende deutliche Abbau von Langzeit- und jungen Arbeitslosen, auch wenn damit noch keine Vollbeschäftigung erreicht sei.

Der Rückgang zieht sich übrigens durch alle Städte des Kreises. Aktuell gibt es zudem noch rund 4.500 offene Stellen, die besetzt werden können. Für den November erwartet die Agentur einen weiteren Rückgang, ehe zum Winter hin wetterbedingt auch wieder eine Acht vor dem Komma stehen könnte.

  • Castrop-Rauxel 6,6 % (September 6,8 %)
  • Datteln 8,5 % (8,8 %)
  • Dorsten 6,2 % (6,4 %)
  • Gladbeck 10,5 % (10,7 %)
  • Haltern am See 3,2 % (3,2 %)
  • Herten 9,5 % (9,8 %)
  • Marl 9,2 % (9,4 %)
  • Oer-Erkenschwick 7,0 % (7,5 %)
  • Recklinghausen 8,8 % (9,1 %)
  • Waltrop 5,0 % (5,2)
  • Kreis RE 7,9 % (8,1 %)
Über den Autor
Leiter der Kreisredaktion
Ein Kind der Region - geboren, aufgewachsen und noch immer im Ruhrgebiet beheimatet. Wer hier nicht bleiben möchte, ist selber schuld. In der Freizeit steht die deutsche Nordseeküste mit ihren Inseln, im Winter stehen die Skipisten der Alpen als Lieblingsziele auf der Urlaubsagenda. Zu Hause schlägt mein Herz für den Grimme-Preis in Marl genauso wie für den Halterner Stausee, die Haard in Oer-Erkenschwick und das Kulturangebot in Recklinghausen sowie die kleinen Geheimnisse der anderen Orte - Hauptsache Kreis RE.
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