Eine Ladendiebin hat die Polizei in Hagen ungewollt zu einem Cannabis-Anbau geführt. © picture alliance/dpa
Drogenkonsum

Sucht-Experte: Legalisierung von Cannabis reicht allein nicht aus

Der Besitz von Cannabis auch in geringsten Mengen ist strafbar. Eine legale Abgabe der Droge erscheint mit einer neuen Bundesregierung möglich. Die Suchthilfe im Kreis Unna hat Bedenken.

In den Beratungsstellen im Kreis Unna holen sie sich täglich Tipps, wie sie vom Konsum loskommen: Sehr viele junge Erwachsene, Jugendliche, Schüler machen Bekanntschaft mit dem Wirkstoff aus Hanf, der als Einstiegsdroge gilt.

Walter Köpp-Farke © Dirk Becker © Dirk Becker

»Der Einstieg ist sehr früh, das macht uns die Probleme.«

Walter Köpp-Farke

Die weite Verbreitung von Marihuana oder Haschisch gerade unter jungen Menschen macht Walter Köpp-Farke skeptisch, ob eine Legalisierung von Cannabis-Produkten der Weisheit letzter Schluss ist.

Die Frage sei, so der Geschäftsführers der Suchthilfe im Kreis Unna, was sich mit einer legalen Abgabe der weichen Drogen positiv erreichen ließe. Eine verbreitete Meinung seit Jahren sei: Wenn man Cannabis zum Beispiel kontrolliert in Apotheken verkaufe, ließe sich der Handel dadurch austrocknen.

THC besonders gefährlich für junge Menschen

„Das ist nicht ausgereift“, meint Köpp-Farke, weil zu kurz gegriffen. Denn der Staat könne die Droge mit dem Wirkstoff THC, der den von den Konsumenten angestrebten Rauschzustand auslöst, seriöser Weise nur an Kunden ab einem bestimmten Alter abgeben.

Ob ab 19 oder ab 20 Jahren, selbst da sei sich die Wissenschaft derzeit noch nicht einig. THC habe auf die Entwicklung des Gehirns massiven Einfluss. „Das ist eklatant, das darf man nicht unterschätzen“, warnt der Gesundheitswissenschaftler. Die Gehirnreife sei aber selbst bei 18-Jährigen und damit Volljährigen noch nicht abgeschlossen. Verstärkter Konsum von Cannabis führe bei Jugendlichen oft zu Psychosen, die stationär behandelt werden müssen.

Jüngere müssten wegen dieses Gesundheitsrisikos also ohnehin von einem erlaubten Cannabis-Besitz ausgenommen werden. Es gebe aber schon heute praktisch keine Schule mehr, an der Marihuana nicht die Runde macht.

Cannabis an weiterführenden Schulen gängig

Ein Stadt-Land-Gefälle gebe es heute nicht mehr, niemand müsse mehr nach Dortmund fahren, um an Hasch zu kommen. „Drogendealer teilen sich die Dörfer auf“, weiß Köpp-Farke. Auch die weiterführenden Schulen geständen sich das immer öfter ein, wo vor Jahren das Problem noch bestritten oder tot geschwiegen worden sei. Dennoch sei es schlecht fürs Schulimage und werde immer noch eher „klein und ruhig gehalten“.

Man könne daher zwar eine Entkriminalisierung vieler Abhängigen bewirken, wenn man Cannabis legalisiert. Der Drogenhandel aber bleibe, staatlich erlaubter Verkauf schütze also die besonders Schutzwürdigen nicht.

„Ganz wird man den illegalen Markt nicht auflösen“, fürchtet Köpp-Farke. Die Dealer brächten nicht nur immer mehr Substanzen auf den Markt, „von denen wir nicht wissen, wie sie wirken“, es bleibe auch weiter der Reiz des Verbotenen.

Wolle eine neue Regierung die Legalisierung von Cannabis vorantreiben, gehöre das Projekt daher in ein Gesamtkonzept eingebettet.

Forschung, Offenheit und Aufklärung

„Der Einstieg ist sehr früh, das macht uns die Probleme“, sagt der studierte Diplom-Pädagoge, der mit Betäubungsmitteln vor seiner Tätigkeit in Unna auch in Kliniken, in der Prävention sowie in Wissenschaft und Forschung zu tun hatte.

Nicht ausgeklammert werde dürfe etwa die Problematik von Ritalin. Das bekannte Medikament gegen ADHS stehe im Verdacht, Kinder bereits empfänglich zu machen für späteren Drogenkonsum.

Eine verstärkte Forschung, die Frage, wie Drogeneinstieg verhindert werden kann, aber auch ein noch offenerer Umgang mit dem oft verpönten Cannabis, das grundsätzlich nicht gefährlicher sei als Alkohol, seien ebenso wichtig wie Aufklärung und Überlegungen zu einer gewissen Legalisierung.

Die sei auch schon über mehr Einheitlichkeit bei der Strafverfolgung zu erreichen: Was geringer und daher strafloser Besitz ist, beurteile die Justiz von Bundesland zu Bundesland immer noch sehr unterschiedlich.

Hintergrund

Gemeinnützige Gesellschaft für Suchthilfe

  • Corona habe die Probleme verschärft, sagt Walter Köpp-Farke. „Wir haben unheimlich viele Neukontakte.“ Lockdown, Home-Schooling und Isolierung hätten oft zu Antriebslosigkeit und Verunsicherung bei jungen Leuten geführt.
  • Unterdessen erreiche das Suchthilfesystem nur einen Bruchteil der Betroffenen, sodass die Fallzahlen in den Beratungsstellen kaum Aussagekraft hätten.
  • Weitere Informationen und Kontaktdaten zu den einzelnen Beratungsstellen der Gemeinnützigen Gesellschaft für Suchthilfe mbH, ein Unternehmen des Kreises Unna, gibt es unter www.suchthilfe-unna.de.
Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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Marcus Land