Im Klassenzimmer: Der Lehrer hat Trommelstöcke verschenkt, Ayman nimmt sie mit nach Hause. © Grandfilm
Kino

„Herr Bachmann und seine Klasse“: Ein Glücksfall von Lehrer und von Film

„Herr Bachmann und seine Klasse“ ist eine großartige Kino-Doku aus einer Gesamtschule in Hessen. Die Kinder und ihr außergewöhnlicher Lehrer wachsen einem ans Herz.

Am Ende des Schuljahres fragt Hassan den Klassenlehrer: „Herr Bachmann, sind alle aus ihrer Familie so nett wie Sie?“ Wohl das dickste Kompliment, das der Junge zu vergeben hat.

Herr Bachmann ist eine außergewöhnliche Person

Die Antwort ist typisch Bachmann. Keine Eitelkeit, kein Herumeiern, offen und ehrlich: „Nö, eigentlich nicht. Am Wochenende hat mein Vater gesoffen, dann war er ziemlich ungemütlich.“ Wohlgemerkt: Hier spricht ein Lehrer zu einem Schüler der sechsten Klasse.

Man vergesse alles, was man Schul-Autoritäten sonst so zuschreibt. Dieter Bachmann ist außergewöhnlich, als Erzieher, Mensch und Freund seiner Schüler. Ein Glücksfall von einem Lehrer, zu erleben in einem Glücksfall von Film, Maria Speths „Herr Bachmann und seine Klasse“, ab dem 16. September neu im Kino.

Der Film ist eine Langzeitstudie – mit langer Laufzeit

Eine Langzeitstudie aus dem hessischen Stadtallendorf. Dreieinhalb Stunden läuft der Film, selten war Unterricht so kurzweilig und herzerwärmend. Reinhold Vorschneider an der Kamera kommt Lehrer und Klasse so intim nahe, als habe er sich unsichtbar gemacht.

Man lernt die Kinder kennen, sieht einen 64-Jährigen, der ihr Bestes will und sie aufs Leben vorbereitet, ungemein einfühlsam. Bachmann lobt, tröstet, schlichtet, fragt und hört zu, fast mehr Seelenmasseur als Stoff-Vermittler.

Herr Bachmann ist ein Quereinsteiger und gibt Hoffnung

Er kann aber auch anders. Wenn Bachmann „Raus!“ sagt, heißt das: ab vor die Tür für den Betroffenen, aber pronto. Mit ihm verscherzen will es sich keiner. Schüler der 6B haben oft türkische, bulgarische oder marokkanische Wurzeln und Probleme mit ihrem Deutsch. Bachmann folgt einem Lehrplan, ist aber kein Dompteur. Er schaut, was geht bei den Kindern, strapaziert niemanden, holt Feedback aus der Klasse ein.

Er arbeitet mit Langmut, Vertrauen – und Musik. Als Ex-Liedermacher hat Bachmann Instrumente im Klassenraum. Wenn mal nichts geht, greift er zur Gitarre, Schüler spielen Bass und trommeln. Kleine Auszeit.

Die Pädagogik eines Quereinsteigers, der erst mit 45 „Pauker“ wurde. Hier zeigt sich, dass sie Früchte trägt. Wo Lehrer wie Bachmann sind, gibt es Hoffnung, das muss man gesehen haben.

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