Verbissen stürzt sich Bartok (Oliver Masucci) ins Schachspiel, es ist sein rettender Strohhalm. © dpa
Kino

„Schachnovelle“: Mit einem Buch als Geistes-Nahrung trotzt er der Folter

Philipp Stölzl verfilmt „Schachnovelle“ von Stefan Zweig. Oliver Masucci glänzt.

Die „Schachnovelle“ war Stefans Zweigs letztes Werk, bevor er sich 1942 im Exil das Leben nahm, heute seine berühmteste Arbeit. Philipp Stölzl hat die Novelle um einen Mann in Isolationshaft nun verfilmt, in opulenten Bildern vom Wien des Jahres 1938 nah an der Vorlage, inhaltlich mit neuen Akzenten.

Bartok hat in „Schachnovelle“ einen perfiden Kerkermeister

So stellt er Hauptdarsteller Oliver Masucci (als Notar Josef Bartok) eine Frau zur Seite, gespielt von Birgit Minichmayr. Ihr gelingt der Absprung aus Wien, als die Nazis Österreich mit Terror überziehen. Bartok, obwohl gewarnt, wird verhaftet.

Er verwaltet die Auslandskonten reicher Leute, auch von Juden, und soll die Zugangscodes verraten. Man sperrt ihn in ein Hotelzimmer und lässt ihn schmoren. Bartoks Kerkermeister ist ein flötendes Engelsgesicht (Albrecht Schuch), das ihn auf perfide Art foltert.

Bartok macht sich Schachfiguren aus Teig

Ohne Gespräche und Lesestoff soll der intellektuelle Schöngeist seelisch austrocknen. Stölzl inszeniert ein Psychodrama, fast alleine von Oliver Masucci getragen. Der spielt großartig, wie Bartoks Nervenkostüm sich auflöst, wie er zum Häufchen Elend wird. Sein Gesicht wirkt fiebrig fahl, Wahnfantasien plagen ihn.

Ein stibitztes Schachbuch wird Bartoks einziger Trost. Mit Figuren aus Teig spielt er die Partien nach, jetzt hat er die ideelle Nahrung, nach der er hungerte. Sein Leben kann Bartok retten, er besteigt einen Dampfer nach New York. Um seinen Verstand aber ist es geschehen: Seine Dämonen wird er nicht mehr los, Wahn und Realität verschwimmen.

In Bartoks Figur schimmert bei Stölzl Stefan Zweig durch, ein Kulturmensch, den die Nazi-Barbarei ins Exil trieb, der den Untergang seiner geistigen Heimat (die er in „Die Welt von gestern“ beschrieb) nicht verkraftete. Darin liegt die Botschaft eines Films, der nur auf den ersten Blick „historisch“ anmutet: Eine Diktatur tötet immer auch Geist, Ideen und Kultur. Es passiert noch heute, mitten in Europa. -Sehenswert.

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Kultur-Redaktion
Wie sagte "Mr. Chance": Ich gucke gern!
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