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Flüchtlinge machen Theater

Theater an der Ruhr

Flüchtlinge sind in Gesellschaft und Politik längst ein beherrschendes Thema. Das Theater an der Ruhr in Mülheim bringt sie auf die Bühne. Politik will die Bühne damit nicht machen. Das Projekt "Ruhrorter" des Theaters an der Ruhr in Mülheim ist ein Beispiel, wie die Kultur sich dem Thema nicht explizit politisch, sondern ästhetisch nähern kann.

MÜLHEIM

, 17.11.2015

"Ruhrorter" heißt das Theater- und Kunstprojekt mit Flüchtlingen und Asylsuchenden. Adem Köstereli hat es 2012 initiiert. Er erarbeitet Theaterstücke mit Menschen, die ihre Flucht vor Gewalt und Armut ins Ruhrgebiet führte. Mit "Ein Stück von mir" (2013), "Zwei Himmel & Palimpsest" (2014) und "Und die Nacht meines Anfangs" (2015) wurde bereits eine Trilogie aufgeführt. An der Fortsetzung arbeiten der 29-Jährige und sein Ensemble.

Adem Köstereli grenzt sein Schaffen bewusst von politischer Arbeit ab: "Die Kunstarbeit darf nicht die Funktion der Politik übernehmen." Theater sei zwar per se politisch, jede Äußerung in der Kunst sei das, sagt der Künstlerische Leiter des Theaters an der Ruhr, Roberto Ciulli.

Es geht um Kunst

Der 81-Jährige hat persönlich eine klare Meinung zur aktuellen Flüchtlingsproblematik: "Was sind zwei Millionen für Europa? Wir brauchen noch viel mehr Menschen." Auch Adem Köstereli findet, dass die Gesellschaft die Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen helfen müsse. Das Projekt setze das Willkommen voraus und biete darüber hinaus die Möglichkeit, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Bei "Ruhrorter" geht es um Kunst, nicht um Politik. "In der Öffentlichkeit werden die Flüchtlinge als unmenschliches sowie gesichtsloses Massenphänomen dargestellt. Dieses negative Bild brechen wir auf und gestalten es positiv", sagt Köstereli. Er setzt dabei auf "ästhetische Abstraktion".

Flüchtlinge erzählen

Im nächsten Stück soll die Thematik der Containerdörfer aufgegriffen werden. Solche Wohneinheiten werden derzeit in Mülheim errichtet - Unterbringungen, die mit Abschottung und Angst vor sozialer Isolation assoziiert werden. Wie er das umsetzen wird, weiß er noch nicht. Grundlage werden wieder die persönlichen Geschichten, die die Flüchtlinge erzählen.

Das Projekt entsprang dem Grundkonzept des Theaters an der Ruhr: Interkulturalität. 1983 begann das Theater ins Ausland zu reisen, gastierte bis heute in 40 Ländern. Ebenso viele ausländische Theatergruppen waren auf der Mülheimer Bühne zu Gast.

Thema Wanderung

"Das Thema Wanderung ist für Theater sehr wichtig", sagt Ciulli. Die Akteure seien Reisende und jeder Theaterbesuch könne für die Zuschauer eine Reise sein. Wenn auch Flüchtlinge in Stücken nicht explizit thematisiert werden, gehe es doch oft um Fremde.

"Theater kann die Menschen unmittelbar berühren, bewegen, sensibilisieren und aufklären", so der Künstlerische Leiter. Es müsse aber als autonomes Medium bestehen bleiben, dürfe sich nicht instrumentalisieren lassen. Die ästhetische Arbeit mit den Flüchtlingen ist nur eine Möglichkeit, wie Theater sich dem Thema annähern kann. "Es gibt verschiedene Modelle, und alle sind wichtig", sagt Ciulli.

21 Tote im LKW

Mit Köstereli spricht der Intendant über eine Aktion des Schauspielhauses Bochum, bei der im August Passanten in einen Lastwagen gesperrt wurden, um an die 71 toten Flüchtlinge in einem Lkw in Österreich zu erinnern. So etwas würde es am Theater an der Ruhr nicht geben, weil das Haus sich für kontinuierliche und ästhetische Arbeit mit Flüchtlingen entschieden hat. Schlecht finden die beiden Mülheimer die Aktion trotzdem nicht.

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Doch Köstereli gibt zu bedenken: "Wir dürfen uns nicht vormachen, wir wüssten, wie es ist, ein Flüchtling zu sein." Den Fokus auf die Ästhetik zu legen, ist eine Möglichkeit, das Risiko von Verallgemeinerung, Stigmatisierung und Oberflächlichkeit zu reduzieren.

Theaterprojekt in Dortmund: Das führt das Projekt mit Flüchtlingen durch. Seit Beginn der Spielzeit treffen sich zwölf 12- bis 30-Jährige aus verschiedenen Krisengebieten, um ihre eigenen Geschichten künstlerisch zu erarbeiten. Herauskommen soll eine Fabel mit Impressionen aus mindestens acht Ländern (Premiere: 3.6. 2015). Am Freitag, 20. November, wird das Projekt öffentlich vorgestellt im Café des KJT, Sckellstraße 5-7. Eintritt frei.

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