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In "Verrücktes Blut" ist alles drin, was das Land quält

Ruhrtriennale

DUISBURG Sie wollen cleveres Theater zu den Thesen des Herrn Sarrazin, zu Integration, Schulmisere, "Kopftuchmädchen", Gewalt unter Jugendlichen? Bitteschön, die Ruhrtriennale hat dieses Stück.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 03.09.2010
In "Verrücktes Blut" ist alles drin, was das Land quält

Unterricht pervers: Die Lehrerin (Sesede Terziyan) liest ihren Schülern in "Verrücktes Blut" die Leviten.

Es heißt "Verrücktes Blut", wurde am Donnerstag in der Gebläsehalle, Landschaftpark Nord, gespielt - und ist sensationell! Was hier von der Bühne kommt, schert sich einen Dreck um politische Korrektheit, geht dahin, wo es weh tut, springt uns an mit einer Wut und Intensität, wie man sie lange nicht erlebt hat. Theater als Befreiungsschlag. Alles herausgebrüllt, alles drin, was das Land quält: Ausländerschmäh und Rassismus, Rollenmodelle und Erklärungsversuche der Soziologen, Ohnmacht der Lehrer, die aggressiven Reflexe und Rituale muslimischer Halbstarker. Hier wird nicht moderiert, hier knallt Zugespitztes mit Wucht aufeinander.Pädagogisches Elend Die Theater-AG einer Schule. Die Lehrerin (furios: Sesede Terziyan) will Schillers "Die Räuber" einstudieren. Keine Chance. Die Gockel unter den Schülern tanzen ihr auf der Nase herum. Hahnenkampf, Balgerei, Imponiergehabe. Das ganze Elend Neuköllner Pädagogik steht im Raum. Da fällt eine Pistole aus dem Rucksack eines Jungen. Die Lehrerin ergreift sie und ist plötzlich Herrin der Lage.Schallend komisch Unterricht pervers, mit vorgehaltener "Wumme"! Aufgestauter Hass bricht sich Bahn. Ein Macho-Rabauke muss die Hosen runterlassen, der Klassengangster liegt verletzt am Boden. Los, ihr Primaten, wir spielen Schiller! Höhnisch wird falsches Deutsch verbessert. Warnschüsse erzwingen die Konzentration. Madam liest den "Kanaken" (Regieanweisung) die Leviten. Hochsprache trifft Gossenjargon, Schillers ästhetische Erziehung auf die Wirklichkeit von heute. "Verrücktes Blut" (von Jens Hillje und Nurkan Erpulat, auch Regie) ist grotesk, realistisch, bitter ernst, schallend komisch. Muss man gesehen haben. Termine: 4., 5.9., 20 Uhr, Karten: Tel. 0700 20 02 34 56.