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Konrad Schily schätzt ihn als "großen Anreger"

150. Geburtstag Rudolf Steiner

WITTEN. Rudolf Steiner, der wohl vor 150 Jahren am 27. Februar 1861 geboren wurde, gilt heute als einer der großen Ideengeber des 20. Jahrhunderts. Der Begründer der Anthroposophie entwickelte die Waldorfpädagogik und die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Bettina Jäger hat mit Konrad Schily, Gründer der Universität Witten/Herdecke, über Rudolf Steiner gesprochen.

25.02.2011
Konrad Schily schätzt ihn als "großen Anreger"

Konrad Schily, Gründer der Privatuniversität Witten/Herdecke, schätzt die Lehren Rudolf Steiners.

Aus den Erzählungen meiner Eltern weiß ich, dass mein Bruder Michael in den 30er Jahren sehr schwer erkrankte. Ich nehme an, dass er eine Pankarditis, also eine Entzündung des ganzen Herzens, hatte. Da war die Schulmedizin damals völlig machtlos. Das Kind wurde zum Sterben nach Hause verlegt. Ein Freund hat meinen Eltern dann den anthroposophischen Arzt Dr. Hermann Keiner in Dortmund empfohlen. Es gab damals den schönen Spruch "Wenn keiner hilft, hilft Keiner." Unter seiner Behandlung ist Michael innerhalb eines Jahres wieder vollkommen gesundet.  

Ja. Er hat eben eine sehr spezifische Behandlung gemacht, er hat nicht mit Giften gearbeitet, er hat ganzheitlich gearbeitet. Er hat Michael auch - das Kind musste viel liegen - beigebracht, wie man Figürliches aus Wachs herstellen kann. Meine Geschwister (ich wurde erst 1937 geboren) haben dann alles nachgebildet, Chinesen und Franzosen, Moscheen und Kirchen. Das war ein wunderbares Spiel. Michael hat damit die ganze Welt erkundet. Über diesen Dr. Keiner haben meine Eltern begonnen, sich mit Anthroposophie zu beschäftigen.

Nein. Ich war zeitweise Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, bin es aber seit vielen Jahren nicht mehr. Aber ich stehe dem sehr positiv gegenüber. Ich halte Steiner für den großen Anreger dieses Jahrhunderts. Man muss einfach schauen, was von ihm ausgegangen ist. Da endet nichts im Unfrieden und nichts im Krieg. Wenn Sie sich mit Steiner beschäftigen, merken Sie schnell, er ist kein Hellseher. Er hat gesagt, wenn die Menschen die Natur ausbeuten, dann stirbt sie. Nehmen wir ein Beispiel: Steiner ist gefragt worden, was er von der künstlichen Befruchtung der Bienen hält. Das ist heute in der industriellen Honigherstellung gang und gäbe. Er hat damals geantwortet, im Moment erscheine sie praktisch, aber in 60 bis 80 Jahren würden die Bienen aussterben. Sie würden den Höhenflug der Königin brauchen. Das ist eingetreten. 80 Jahre später sind 50 Prozent der Bienenvölker tot.  

Also, ich halte die Reinkarnation für eine sehr logische Idee. Die Theorien, die die Naturwissenschaft heute hat, halte ich noch für viel "mystischer". Ich glaube nicht, dass sich irgendwelche Moleküle vor Jahrmillionen versammelt und eine Konferenz abgehalten haben, um die Evolution in Gang zu setzen. Die Evolution ist in sich so weisheitsvoll. Das passiert nicht durch Zufall.  

Ich zitiere mal Bert Brecht: Der Bürger erhebt sich moralisch über den Schlachter, aber er verspeist mit Behagen das Schnitzel. Das ist kein sehr schönes Bild dafür. Aber leider stellen wir uns die Frage, was die Welt im Inneren zusammenhält, heute nicht mehr. Wir glauben, wir wüssten schon alles. Wir denken zu wenig nach. Aber wenn wir die Welt entwickeln wollen, müssen wir uns fragen: Gibt es eine Geistigkeit?

Sie versucht, den Menschen erst einmal in seinem So-Sein zu begreifen. Dazu muss ein Arzt natürlich klinisch untersuchen, sein Handwerk verstehen. Aber er muss auch seine Empathiekräfte so schulen, dass er den Zusammenhang, was einen Leib lebendig macht und ihn individuell gestaltet, erkennen kann.

Die Universität Witten/Herdecke ist keine Anthroposophen- und keine Waldorf-Universität. Wir haben mehr Praxis, mehr selbstbestimmtes Lernen und mehr allgemeine Bildung. Medizin lernt man nicht dadurch, dass man ein bisschen Physik, ein bisschen Chemie und ein bisschen Biochemie büffelt, sondern dadurch, dass man zum Menschen geht und versucht, ihm Hilfe zu leisten. Unsere Studenten gehen schon im ersten Semester auf die Patienten zu.

Ja, die Rudolf-Steiner-Schule in Wuppertal von der 8. bis zur 13. Klasse.

Ich sage immer, dass diese Schule mir meine Biografie gerettet hat. Das waren ungewöhnliche Lehrer. Von meinen älteren Geschwistern wusste ich, dass an dem Gymnasium, das sie in Bochum besuchten, noch die alten Nazi-Lehrer unterrichteten. Meine Lehrer, das habe ich erst langsam herausgekriegt, waren alle im Widerstand gewesen. Da sind wir wieder bei Rudolf Steiner. Ein freies Geistesleben, das nicht staatlich kontrolliert wird, ist von großer Wichtigkeit.

Natürlich sollten wir Eurythmie machen. Natürlich haben wir da jede Menge Unsinn angestellt. Das waren immer die Stunden, wo man Streiche plante und auch verübte. Ich bin mit der Eurythmie nie ganz warm geworden. Später habe ich aber mit Heilpädagogen zusammengearbeitet, bei denen ich mich sehr gewundert habe, was die Eurythmie bei Patienten bewirkt. Kritischer stehe ich anthroposophischer Malerei gegenüber. Die Bilder sehen oft alle gleich aus. Das ist aber nicht im Sinne Steiners. In der anthroposophischen Baukunst sieht man ja, was alles möglich ist.

Dazu möchte ich Ihnen etwas erzählen. Ein Freund vor mir ist Ibrahim Abouleish in Ägypten, der wohl größte Demeter-Bauer der Welt. Er ist Antroposoph, beschäftigt 3000 Landarbeiter, gibt den Menschen und ihren Kindern Bildung und Erziehung. Er hat es geschafft, dass die Pestizid-Flüge über das Nildelta eingestellt worden sind. Ibrahim hat erforscht, dass Baumwolle mit Fenchel und Zwiebeln gepflanzt und homöopathisch behandelt werden kann, dann braucht man keine Pestizide. Ibrahim ist gläubiger Moslem und Anthroposoph. Das geht wunderbar.

  

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